Donnersbergkreis Vom Tabubruch in seinen Facetten
«Kaiserslautern.» Tilman Gersch inszeniert am Pfalztheater in Kaiserslautern „The Rake’s Progress“ von Igor Strawinsky, eine Oper des 20. Jahrhunderts (wir berichteten). Vorlage für das englischsprachige Textbuch von Wystan Hugh Auden und Chester Kallman war eine Kupferstichserie von William Hogarth aus dem 18. Jahrhundert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Konstanze Führlbeck hat sich mit dem Regisseur und dem Produktionsteam unterhalten.
„The Rake’s Progress“ ist eine sehr theatrale, farbige Parabel über menschliches Fehlverhalten. Es ist ein faustischer Stoff, aber ins 20. Jahrhundert katapultiert. Tom Rakewell drängt nicht – wie Faust noch – zu den Wurzeln des Wissens, sondern er will das schnelle Geld, und der Teufel – Nick Shadow – führt ihn zu einem Genuss, der schnell alles verbraucht. Das hat schon etwas mit uns zu tun, dass der Teufel uns die moralischen Skrupel nimmt. Und der Teufel ist immer die Kehrseite des Helden. Das Element des Genusses ohne Bedenken spiegelt sich zum Beispiel in der Groteske wider – Tom Rakewell heiratet im Bordell eine bärtige Frau, die Türkenbab, das ist etwas Ungeheuerliches. Und da ist ja auch noch die Idee des Teufels, dass man mit einer dubiosen Maschine, die aus Steinen Brot für die Menschen macht, schnell Geld verdienen kann. Wie setzen Sie das szenisch um? Thomas Dörfler (Bühnenbild): Diese Maschine ist der zentrale Ansatz unseres Bühnenbilds geworden, das Laufrad, in dem sich der Mensch befindet. Denn die Story von „The Rake’s Progress“ ist eine sehr heutige Geschichte, die mit rückgrifflichen, aber nicht rückschrittlichen Mitteln erzählt wird, zum Beispiel im Rückgriff auf barocke Formen. In unserem ästhetischen Konzept wollen wir diese Maschine durch das ganze Stück ziehen. Es ist eine bewegliche Spindel mit Vorhängen dran. Die Qualität des Stückes ist sein ständiges Fortschreiten, es gliedert sich in immer kleinteiligere Episoden. Da wollten wir ein durchgängiges Element finden, das auch mit der musikalischen Motorik korrespondiert. Wenn es ums schnelle Geld geht, hätte sich da nicht die Börse als szenischer Bezugspunkt angeboten? Gersch: Nein, Börse wäre zu vordergründig. Es geht in diesem Stück um viele Tabubrüche, moralisch und sexuell – Verführung, Glanz, Lust. Es ist keine konzise, stringente Geschichte. Dörfler: Und es geht trotzdem um Menschen, um das „kleine Seelenheil“. Andreas Bronkalla (Dramaturg): Es geht in dem Stück sehr privat los, dann kommt die Versuchung, und die wird immer größer. Uwe Sandner (Dirigent): Und dabei ist es letztlich doch parabelhaft: Das Stück muss Mehrschichtigkeiten haben, Räume, die sich öffnen. Bronkalla: Ja, eine konkrete historische Bebilderung entspricht dem Stück nicht. Herr Gersch, wie gehen Sie mit den Personen um? Sind das dann Archetypen für Sie oder Charaktere? Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht nach. Ich entdecke Menschen, sehr viel Gefühl, sehr viel menschliche Schwächen. Es ist wichtig, dass wir als Zuschauer beteiligt sind, dass die Personen uns berühren. Herr Sandner, wie nähern Sie sich der musikalischen Struktur an, die für das Entstehungsjahr 1951 doch ungewöhnliche Rückgriffe auf die Form der Opera buffa des 18. Jahrhunderts macht? Sandner: Gerade dadurch, dass der Bogen vom Mozart-Orchester bis 1950 gespannt wird, erschließt sich eine große Allgemeingültigkeit. Rezitative werden genau wie beim Mozart-Orchester mit einem Cembalo begleitet. Aber die Funktionalität der Harmonie bricht Strawinsky und setzt sie neu zusammen, dadurch schillert und strahlt das in alle Richtungen. Und der ästhetische Genuss entsteht dadurch, dass man distanziert darauf blickt. Bei all ihrer objektiven Kühle, Klarheit und Einfachheit kann diese Musik einen ungeahnten emotionalen Zug entfalten. Viele Kritiker haben die Musik zu „The Rake’s Progress“ als spröde bezeichnet – wie sehen Sie das? Sandner: Das kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Diese Wertung resultiert vielleicht aus einer anderen Erwartungshaltung, dass man auf eine psychologisierende Musik wie zum Beispiel bei „Salome“ gefasst war. Aber nach 1945 hat man ohnehin seriell oder neoklassizistisch komponiert, also die Gefühligkeit bewusst negiert. Aber spröde? Die Musik zu „The Rake’s Progress“ an sich ist so bunt, vielfältig, abwechslungsreich und hat so eine Lust am Fabulieren. Ist Strawinskys Rückgriff auf die strenge Form der Opera buffa des 18. Jahrhunderts nicht ein regelrechtes musikalisches Korsett? Sandner: Nein, auf keinen Fall. Das ist kein Korsett, sondern gerade die strenge Struktur treibt das Stück an wie ein Motor. Wie kann man das Element der Groteske in diesem Stück bei der Umsetzung integrieren? Bronkalla: Das Besondere an diesem Stück ist, dass die Groteske als selbstverständliches Phänomen eingeschrieben ist. Das Ganze wirkt erst einmal in seiner Zitatenhaftigkeit wie ein Vaudeville, wie ein bunter Strauß der Form. Sandner: Und man muss sich da auch immer fragen: Wie viel Groteske ist eigentlich in unserem Alltag? Gersch: Wir bedienen die Groteske durchaus. Es soll ja auch etwas Lustvolles sein und Assoziationen wecken. „The Rake’s Progress“ wirkt oft wie ein Blick in ein Kaleidoskop. Dörfler: Ja, aber man hat doch einen Erzählstrang. Der Hut ist vorhanden. Sandner: Und es ist kein alter Hut. Infos —Igor Strawinskys Oper „The Rake’s Progress“ hat am Samstag, 24. März, 19.30 Uhr, Premiere im Pfalztheater in Kaiserslautern; Termine und Karten unter 0631 3675-209 und im Internet unter www.pfalztheater.de. —In der Pause der Oper „The Rake’s Progress“ findet ein RHEINPFALZ-Operntreff statt. Der Leiter der Kulturredaktion, Frank Pommer, begrüßt dazu im oberen Foyer des Pfalztheaters den Regisseur der Produktion, Tilman Gersch.