Donnersbergkreis Viel mehr als streitlustige Barbaren

Lena Bauer zeigt hier den Kindern Lena und Jonathan Handarbeiten nach keltischer Art. Links vorn Gästeführer Wolfgang Stengert a
Lena Bauer zeigt hier den Kindern Lena und Jonathan Handarbeiten nach keltischer Art. Links vorn Gästeführer Wolfgang Stengert alias Herberix, hinten rechts Wolfgang Benner als Wolfix.

Steinbach: Es ist ein Ort der Geschichte zum Anfassen: Seit einem Monat kann man im Steinbacher Keltendorf wieder auf Spurensuche eines Volkes gehen, das vor mehr als 2000 Jahren auf dem Donnersberg lebte. Wie ein klassisches Museum funktioniert die Siedlung nicht. Wir haben einem Gästeführer über die Schulter geschaut.

„Tsssss!“ In der mickrigen Eisenkelle, die in den lodernden Flammen steckt, brutzelt es. Man kommt sich vor wie in einer Räucherkammer. Hier unten, im kühlen dunklen Keller. Dicker Qualm, der beißende Geruch verkohlenden Holzes. Aus der Feuergrube sprühen die Funken. Knackend. „Wir warten jetzt, bis das Zinn geschmolzen ist“, erklärt Wolfgang „Wolfix“ Benner seinem kleinen Gast, der gespannt auf dem niedrigen Holzschemel in die Glut schaut. Dann geht es schnell: Das Zinnstäbchen ist flüssiges Silber, Benner gießt es in die Tonform, wirft die halbgare Münze, die das Symbol einer keltischen Triskele präsentiert, in den Bottich kalten Wassers. Zisch! „Jetzt hast du Geld, damit kannst du unten einkaufen gehen“, scherzt Benner und führt aus: „Ton wurde damals tatsächlich für den Guss genommen, er hält der Hitze stand.“ Bezahlen musste man schließlich auch damals, vor über 2000 Jahren… Das Keltendorf am Rande Steinbachs hat seine Tore wieder geöffnet. Sechs Siedlungsgebäude, der aufragende hölzerne Wachtturm, eine keltische Anlage, die so im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt hätte aussehen können. Zu der Zeit siedelten bis zu 2000 Kelten auf den Höhen des Donnersbergs. Man kennt sie ja. Zum Beispiel aus den illustren Uderzo-Comics um die Helden Asterix und Obelix, in denen die zaubertrankgeschwängerten Gallier den römischen Legionären immer wieder die Helme vermöbeln. Ja, sie waren streitlustig. „Gerade die Gallier hatten den Ruf, ziemlich blutrünstig zu sein und mit jedem Krach anzufangen. Die Kelten hier in der Region aber waren Bauernvölker. Sie haben sich höchstens verteidigt“, sagt Wolfgang „Herberix“ Stengert, einer von zehn Gästeführern im Keltendorf. Stilecht steht der 68-jährige Siegelbacher an diesem sonnig-warmen Mittwoch vor einem. Leinengewand, lederner Gürtel und Beutel, karogemusterte Wollhosen. Und natürlich Schmuck. Triskelen, Keltenkreuze, Perlen – Symbole der Götterverehrung. Beim Teutates! Denn so zahm die Kelten im Alltag waren, so martialisch pflegten sie ihren Kult. Um die Götter milde zu stimmen. Menschen und Tiere wurden geopfert, „bei den Opfersteinen sieht man sogar heute noch den Ablauf der Blutspur“, weiß Stengert. „Die Symbole waren vor allem für Druiden, Scharfrichter und Heiler.“ Wie keltisches Leben ungefähr aussah, das kann man hier erfahren, in Steinbach. Schriftliche Quellen existieren kaum, vieles wird abgeleitet durch die ehrfürchtigen, schaudernden Berichte römischer Gelehrter. „Oder eben von den archäologischen Funden“, so Stengert. Das Dorf ist kein wirkliches Museum – eher ein Ort des plastischen Erlebens, der im 16. Jahr die Geschichtsinteressierten lockt. Ausstellungsstücke wie Webstühle, Drechselbänke oder der Hausbau schaffen ein einprägsames Bild. Benner spricht von „lebender Geschichte“. „Das wollen wir den Leuten näher bringen. Man muss sich mal überlegen, mit welch einfachen Sachen die ihr Zeug hergestellt haben“, preist er. In der Antike waren die keltischen Volksgruppen, verbreitet in ganz Mitteleuropa, Musterbeispiele modern entwickelter Strukturen – sie verstanden es früh, Ton, Sand oder Lehm mit Stroh zu matschen, um die Behausung zu dämmen, die Waffen standen denen der Römer kaum nach. „Ihr Leben haben sie an das Material angepasst, das sie in der jeweiligen Region zur Verfügung hatten“, so Stengert. Waffen aus Eisen wurden geschmiedet, Honigwein in rauen Mengen geleert. Stengert und Kollegen, die durchs Dorf führen, erklären nicht nur. Konzept ist: Geschichte erlebbar machen – durch Workshops. Wie das Münzgießen. Oder der Pfeilbau, das Filzen, Jagen, Feuer machen, mit Leder arbeiten. Es nicht der Blick auf große Schlachten oder ruhmreiche Volksväter – es ist der ins Leben eines Jeden. Unter dem mehr als zehn Meter hohen Wachtturm knistert das Lagerfeuer. Ein eiserner Kessel mit Seifenwasser steht daneben, ein Korb mit buntem Filz, Bänke. Im schweren Leinenkleid sitzt Lena Bauer vorm Feuer und dreht mit nassen Händen eine Filzkugel. Dann eine andere Farbe drüber, noch eine, und noch eine. Bis sie den Ball aufschneidet und eine bunte Blume in der Hand hält. „Ich war als Kind schon hier und hab mitgemacht“, sagt die 20-jährige Steinbacherin, die jetzt selbst Workshops leitet. „Dinge, die die Kelten vor über 2000 Jahren konnten, sind teilweise bis heute geblieben.“ Und nicht nur das. Stücke keltischer Erinnerungskultur existieren weiter im Alltag – zum Beispiel in Irland, auf den Hebriden, in Wales oder der Bretagne. Noch heute werden dort keltische Sprachen zelebriert. „Für vieles bilden sie die Anfänge“, meint Stengert. Im Steinbacher Keltendorf weht mehr als ein Hauch des Lebens der als Barbaren gebrandmarkten Völker.

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