Donnersbergkreis Ukraine: Mit Hilfsgütern hin – mit Menschen zurück

Nadine Didiers Selfie mit glücklich in Steinbach angekommenen Flüchtlingen. Rechts ihr Lebensgefährte, der ebenfalls mitgefahren
Nadine Didiers Selfie mit glücklich in Steinbach angekommenen Flüchtlingen. Rechts ihr Lebensgefährte, der ebenfalls mitgefahren war.

Gemeinsam mit sechs weiteren Freiwilligen haben Tanja Martin und Nadine Didier am vergangenen Wochenende in vier Ford-Transit-Bussen Hilfsgüter für die Ukraine von Kirchheimbolanden aus nach Polen gebracht – und auf dem Rückweg 20 ukrainische Flüchtlinge mitgenommen.

Tanja Martin ist Einrichtungsleiterin im Evangelischen Kinder- und Jugendheim Stauf, dessen Verwaltung derzeit allerdings renovierungsbedingt im Wichernhaus auf dem Kirchheimbolander Schillerhain ausquartiert ist. Nadine Didier ist Lehrerin an der Herman-Nohl-Schule auf dem Schillerhain. Noch vor kurzem hätte keine von beiden eine solche Fahrt für möglich gehalten.

„Es war eigentlich reiner Zufall“, sagt Tanja Martin auf die Frage, wie es zu dieser Aktion kam. „Eine Freundin hatte den Spendenaufruf einer Helfergruppe mit verwandtschaftlichen Kontakten in der Ukraine per Whatsapp herumgeschickt. Da dachte ich mir: Unsere Einrichtung hat doch Busse, da kann man doch auf diesem Weg helfen. Ich habe Kontakt mit den Helfern aufgenommen und dann diese Fahrt organisiert.“

In kürzester Zeit sieben Mitfahrer gefunden

Die Ursprungsidee sei gewesen, nur Hilfsgüter zu bringen. „Als sich die Situation zuspitzte, dachten wir dann aber darüber nach, dass wir auf dem Rückweg auch Menschen mitbringen könnten. Ich habe daraufhin mit meinem Vorstand gesprochen und das Okay dafür bekommen, unsere vier Ford-Transit-Busse zu verwenden. Innerhalb eines halben Tages hatte ich sieben Mitfahrer gefunden, bis auf eine Ausnahme alles Mitarbeiter von mir.“ Die Ausnahme, Nadine Didier, stieß über ihren Lebensgefährten zu der Gruppe. „Ich hatte mir schon überlegt, selbst etwas auf die Beine zu stellen, da kam mir diese Gelegenheit gerade recht“, erläutert sie.

„Wir haben dann auf Facebook einen Spendenaufruf gepostet“, so Martin weiter, „und innerhalb eines Tages konnten wir die vier Transporter mit Hilfsgütern befüllen“. Gefragt waren vor allem Babysachen, Windeln, Hygieneprodukte, Kerzen, Decken, Schlafsäcke – und natürlich haltbare Lebensmittel. Allerdings keine Kleidung. „In einer unserer Schwestereinrichtungen in Kaiserslautern hat eine Gruppe ihre Gemeinschaftskasse geopfert und einen der Busse damit bestückt“, so Martin.

Erste Annahmestelle macht keinen guten Eindruck

In Kirchheimbolanden wurden die Sachspenden in die vier Busse verladen, und jeder Bus wurde mit zwei Fahrern bestückt. „In der Nacht zum Samstag sind wir dann kurz nach Mitternacht losgefahren. Wir hatten uns vorgenommen, die Nacht durchzufahren. Über Dresden ging es nach Warschau, wo wir um 15 Uhr ankamen“, erzählt Martin.

In Warschau sollten die Hilfsgüter eigentlich in einer Annahmestelle abgegeben werden. Doch dazu kam es nicht: „Uns erschien das alles etwas dubios. Hier wollten wir unsere Sachen nicht lassen“, erläutert Martin. Was also tun? Von der Helfergruppe in Deutschland gab es eine neue Adresse. „Die war allerdings in Tychy, 320 Kilometer südwestlich von Warschau. Trotzdem entschlossen wir uns, diese Fahrt auch noch zu machen, dann aber dort zu übernachten.“ Am nächsten Morgen ging es zur Anlaufstelle. „Wir haben sehr schnell gemerkt, dass das die richtige Entscheidung war“, sagt Martin. „Es war dort alles super organisiert. Der Verantwortliche ist selbst Ukrainer, und das hatte alles Hand und Fuß. Die Hilfsgüter, die dort ankommen, werden direkt in die Ukraine gefahren. Wir bekamen Paletten hingestellt, die wir mit unseren Sachen beladen haben – sieben Paletten waren es zum Schluss.“

Erstkontakt 20 Kilometer vor der Grenze

Um zu den Flüchtlingen selbst zu gelangen, ging es weiter nach Przemysl im Karpatenvorland, etwa 20 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, wo es ein Auffanglager gibt. Auf der Fahrt dorthin telefonierte Nadine Didier mit Jamill Sabbagh von der „Donnersberger Initiative für Menschen in Not“. „Er teilte uns mit, dass wir die Leute in Steinbach unterbringen könnten“, so Didier. „Da waren wir schon mal beruhigt, weil wir wussten, dass dort gut für sie gesorgt wird.“

In Przemysl war es übervoll mit Autos und Menschen. „Trotzdem war alles gut organisiert“, sagt Martin. „Wir mussten uns registrieren, mit Autokennzeichen, Führerschein und Kontaktdaten. Die Leute waren in riesigen Hallen untergebracht. Da standen mindestens 1000 Betten, Klappbett an Klappbett.“ Viele der Flüchtlinge standen offenbar unter Schock: „Das konnte man genau sehen. Allein die Augen!“, sagt Didier. „Die Kinder waren völlig verstört. Ein kleiner Junge stand nur da und schrie. Ein anderer Junge, vielleicht sechs Jahre alt, saß ganz allein auf dem Teppich und spielte Krieg mit Stofftieren. Mütter mit Koffern sind aufgetaucht, links im Arm ein Kind, rechts ein Kind, eine Frau hatte Erfrierungen an der Nase.“

Viele wollen in der Nähe der Heimat bleiben

Was die Deutschen ziemlich schnell feststellten: Viele der Flüchtlinge wollten keineswegs nach Deutschland. „Für viele war das einfach zu weit weg“, so Martin, „sie wollten lieber in der Nähe der ukrainischen Grenze bleiben, um so schnell wie möglich wieder zurückkehren zu können. Allerdings nicht alle: Wir haben dann eine Frau mit ihren drei Söhnen angesprochen. Sie sprach zum Glück Englisch, wir konnten uns also gut verständigen, und sie war sofort dabei.“

Ebenfalls mitfahren wollte eine zehnköpfige Familie mit erwachsenen Frauen und Kindern samt Oma aus der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. „Sie hatten sich dort in einer Kirche versteckt, die dann bombardiert wurde. Sie hatten noch ein Baby, das dabei ums Leben kam. Eine der Frauen trug Badeschlappen, die Kinder hatten keine Strümpfe an. Sie mussten auf der Flucht streckenweise zu Fuß gehen, der Kleinste, anderthalb bis zwei Jahre alt, trug noch Pampers“, so Didier.

Der Rückweg wurde schließlich mit 20 ukrainischen Flüchtlingen angetreten. Fünf von ihnen wollten eigentlich nach Hamburg und stiegen deshalb in Dresden aus, wo sie abgeholt wurden. Mit 15 Personen kamen die Busse aus Kirchheimbolanden schließlich in Steinbach an.

Hier mussten sich die Fahrer der Transporte registrieren.
Hier mussten sich die Fahrer der Transporte registrieren.
Ein erster Eindruck des Auffanglagers noch aus dem Auto heraus.
Ein erster Eindruck des Auffanglagers noch aus dem Auto heraus.
In dieser Halle im polnischen Tychy wurden die Hilfsgüter zum Weitertransport umverpackt.
In dieser Halle im polnischen Tychy wurden die Hilfsgüter zum Weitertransport umverpackt.
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