KIRCHHEIMBOLANDEN
Susanne Krell im Museum im Stadtpalais: „Ich sammele die Welt“
Noch ehe man das Museum im Stadtpalais betritt, trifft man schon auf die erste Arbeit, die Susanne Krell für ihre Ausstellung geschaffen hat: „Barock, fliegend“ besteht aus 107 vergoldeten Formstücken, die sich wie schwerelos über die Amtsstraße hinüberschwingen. Die raumgreifende Installation verarbeitet ein Barockmotiv aus dem historischen Treppengeländer im Stadtpalais und versinnbildlicht das Streben in die Ferne – nur eins der Motive, die die Arbeit von Susanne Krell so passend machen für die Barockstadt Kirchheimbolanden und für das Jubiläum des Interkulturellen Dialogprojekts für Steinmetze in Kirchheimbolanden und Lviv in der Westukraine, wovon die Ausstellung ein Teil ist.
Grundlage der Arbeiten Krells sei immer die Grafik, so Heinz Höfchen in seiner Einführungsrede zur Ausstellung. Seit 1991 nutze sie die Technik der Frottage, eine Abreibung auf Papier mit Graphit oder Kreide, um Objekte entstehen zu lassen, die jene Tiefendimension in sich aufnehmen, die in einem Ort lebt. Dabei gehe es ihr nicht um das Abbild vom Abbild, sondern um ein Zitat, eine Idee. Sie definiere den Menschen so über seine Spuren – ohne ihn zu zeigen.
Ein Denk- und Entwicklungsraum
In enger Auseinandersetzung mit dem Terrassengarten, dem barocken Erbe der Stadt und nicht zuletzt mit der ständigen Sammlung des Museums entstanden so Arbeiten, die Verbindungen schaffen und Ideen transportieren. „Susanne Krells Arbeiten sind von einer sinnlichen Qualität, die weit über das Dokumentarische hinausgeht“, sagte Kulturstaatssekretär Jürgen Hardeck dazu. Ihr Bildraum sei auch ein Denk- und Entwicklungsraum, der Brücken schlage, ähnlich wie Denkmäler, die viel mehr seien als nur Steine.
Auch Stadtbürgermeister Marc Muchow hob die Verbindungen hervor, die Krells Arbeiten entstehen lassen: Ihre Arbeiten sensibilisierten „nicht nur für die Schönheit des barocken Terrassengartens, sondern helfen durch ihre Präsentation in der ständigen Sammlung des Museums im Stadtpalais auch dabei, innezuhalten und sich neu zu fokussieren auf das, was hier ausgestellt wird.“
Tatsächlich werden die Arbeiten inmitten des Präsentation der ständigen Sammlung gezeigt. Verteilt an den Wänden der Dauerausstellung finden sich die Kombinationen aus Frottagen und den mit „Zwischendrin“ betitelten Mischtechniken, die jeweils einen Teil des Musters aus der Frottage mit einem Gedankengang Susanne Krells zur Sammlung in Kirchheimbolanden zusammenbringen. Sie interveniert so in einen historisch gewachsenen Museumsbestand, irritiert, stellt Fragen und lässt die Betrachter so Gewohntes in neuem Licht sehen, neue Verbindungen ziehen und andere Ideen und Ahnungen von Ereignissen und Dingen entwickeln.
Da ist etwa in Blickachse zum präparierten Pfau die Arbeit „Zwischendrin No. 2 / Pfau“, ein Pfauenmuster mit Goldbelag, kombiniert mit der Frottage No. 723 von der Dachterrasse der Unteren Orangerie des Barockgartens Weilburg. Hier habe sie den Pfau aus dem Terrassengarten, der 1602 erstmals als Pfauengarten erwähnt wurde, zusammengebracht mit dem Weilburger Gedanken: in Schichten übereinander findet sich ein Stück der Frottage auf dem Pfauenmuster, belegt mit Gold, um das Kostbare dieses Gartens herauszustreichen. Etwas weiter findet sich die Arbeit „Zwischendrin No. 6 / Ludwig Carl Deubel“, kombiniert mit einer Frottage vom Rheinfall bei Schaffhausen.
Die Geschichte von Ludwig Carl Deubel, dem Schuster, und der anderen Kirchheimbolander Handwerker auf der Walz haben sie besonders angesprochen, erzählt Krell: „Die Leute sind ja nach außen gegangen um etwas Neues zu sehen, um etwas zu lernen, etwas festzustellen und sind dann wieder zurückgekommen. Genauso müssen wir selbst uns ja auch immer fragen: Woher kommen unsere Ideen, unsere Anregungen, die wir schlussendlich umsetzen?“
Fingerabdrücke von Orten
Im Grunde arbeitet die Künstlerin selbst genauso: „Wenn ich irgendwo hinkommen, habe ich immer meine Papiere, Stoffe oder Leinwand dabei, und ich sammle das, was mir begegnet, ich sammle die Welt.“ So ist im Laufe der Zeit ein stetig wachsendes Depot von gut achthundert Frottagen entstanden, gleichsam Fingerabdrücke von Gebäuden und Orten, die die Grundlage für ihre Werke bilden.
Susanne Krells Arbeiten sprühen nur so vor Wissen und dem Spaß daran, Querverbindungen zu ziehen und immer neue Perspektiven und Ansichten sichtbar zu machen. Sie liebe das Schichten, so bringe sie verschiedene gedankliche Ebenen, Geschichten und Historien zusammen. Sie versuche immer, so Krell, aus den Dingen und Ideen, die ihr begegnen, eine Geschichte zu erzählen, wenn sich eine Gelegenheit dazu ergibt.
Eine solche Gelegenheit ist die Videoprojektion „back/forth“ im holzvertäfelten Musikzimmer. Man sieht Videos von tanzenden Beinen, gelegt über Fotos von den Schnitzereien der Holzvertäfelung aus dem Musikzimmer, im Loop projiziert auf Wände und Stuckdecken. Das Zimmer selbst habe sie dazu inspiriert, erklärt Krell, vor allem die Überlegung, was diese Wände schon alles erlebt haben und in Zukunft noch erleben werden. Hier treffen die Geister der Vergangenheit und die Ideen, die noch sein könnten, in einer Videoinstallation zusammen.
Kurz-InfoDie Ausstellung „zwischendrin / Barock, fliegend“ ist noch bis zum 7. Oktober dienstags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr im Museum im Stadtpalais zu sehen.