Kirchheimbolanden
Steitz Secura: „Wir wollen weiter Schuhe in der Pfalz produzieren“
Wer seit mehr als 160 Jahren Schuhe fertigt, der hat schon einiges erlebt. Die Firma Steitz Secura, 1863 gegründet und inzwischen auf Sicherheitsschuhe spezialisiert, gehört zu den wenigen verbliebenen Schuhherstellern mit Fertigung in Deutschland, produziert wird in Kirchheimbolanden und in Pirmasens. Geschäftsführer Michael Huth und der neue Vertriebsleiter Christian Oesterling bestätigen: Die vergangenen Jahre waren herausfordernd. Corona-Pandemie, Lieferkettenprobleme, die Energie- und Inflationskrise infolge des Ukrainekriegs und zuletzt eine schwächelnde deutsche Industrie haben auch Steitz Secura getroffen.
„Viele unserer Kunden sind Konzerne wie Mercedes-Benz, BMW, Bosch, ZF oder Siemens. Wenn dort Stellen abgebaut werden, sinkt natürlich auch der Bedarf an Sicherheitsschuhen“, sagt Huth. Doch zuletzt sieht er leichte positive Signale: Nach konjunkturell schwachen Jahren zeichnet sich wieder eine leichte Belebung ab. „Wir sehen erste Signale, dass die Konjunktur in Teilbereichen wieder anspringt und darüber freuen wir uns sehr“, sagt Huth. Ob die Landtagswahlen im März daran etwas ändern, glaubt der Geschäftsführer nicht: „Das wird auf größerer Ebene entschieden.“ Und damit meint er globale Märkte und internationale Verträge.
Internationale Handelsabkommen als Chance
In den vergangenen Monaten hat die Europäische Union mit Indonesien ein Handelsabkommen unterzeichnet, zudem mit den Mercosur-Staaten einen Vertrag geschlossen, nun wurde jüngst in Neu-Delhi ein Abkommen zwischen der EU und Indien abgeschlossen – eine Freihandelszone für fast zwei Milliarden Menschen. Für den Geschäftsführer sind das indirekt Chancen: „Indien ist für uns kein direkter Absatzmarkt. Aber wenn Maschinenbau und Automobilindustrie von solchen Abkommen profitieren, steigt auch in Deutschland die Nachfrage und damit der Bedarf an unseren Schuhen.“
Tatsächlich beliefert Steitz Secura nicht nur deutsche Konzerne, sondern Kunden in der ganzen Welt. Vor der Firmenzentrale stehen derzeit zwölf Paletten abholbereit für den Versand nach Chile, bestimmt für Bau- und Bergwerksunternehmen. Solche Aufträge sind Mutmacher: „Politisch geht es auch darum, Signale zu setzen, damit die Industrie wieder Optimismus schöpft“, sagt Huth.
Ausbau des internationalen Vertriebs
Um wirtschaftliche Schwankungen abzufedern, setzt die Firma künftig stärker auf den internationalen Vertrieb. Neue Außendienstmitarbeiter betreuen nun direkt vor Ort Märkte in Großbritannien, Österreich und der Schweiz, Belgien und den Niederlanden sowie erstmals auch Skandinavien. Besonders stolz ist Huth auf die langjährige Zusammenarbeit mit dem britischen Bahnnetzbetreiber Network Rail. „Ein sehr anspruchsvoller Kunde mit hohen Qualitätsanforderungen und komplexer Logistik.“
Neben der internationalen Expansion richtet sich der Blick verstärkt auf neue Branchen. Vertriebsleiter Christian Oesterling erzählt: „Der Feuerwehr- und Rettungsbereich ist enorm groß. Seit der Ahrtal-Katastrophe wird dort noch stärker auf hochwertige Ausrüstung geachtet.“ Auch die Lebensmittelindustrie sei ein stabiler Zukunftsmarkt, ebenso Bau- und Infrastrukturprojekte. Bei öffentlichen Ausschreibungen für Feuerwehr oder Technisches Hilfswerk nimmt Steitz Secura regelmäßig teil – bei großen Aufträgen muss genau geprüft werden, ob die Produktion vor Ort vereinbar ist.
Die Belegschaft und die Teilzeitmodelle
Steitz Secura beschäftigt seit Jahren konstant zwischen 220 und 240 Mitarbeiter. Während der Corona-Pandemie musste das Unternehmen zeitweise zusätzliche Kräfte einstellen, um versetzte Schichtmodelle zur Einhaltung von Abstandsregeln zu ermöglichen, was die Produktivität vorübergehend belastete. Zur aktuellen Teilzeitdebatte erklärt Geschäftsführer Michael Huth: Teilzeit ist im Unternehmen möglich, aber kein Massenthema. Die meisten Teilzeitkräfte arbeiten mit 50-Prozent-Verträgen oder in Vier-Tage-Wochen. In Verwaltung und Buchhaltung lassen sich flexible Modelle leichter umsetzen. In der Produktion hingegen ist Teilzeit schwieriger zu realisieren: Ein Maschinenführer oder Produktionsmitarbeiter kann nicht einfach nur vier Tage arbeiten, ohne dass dies den Betriebsablauf beeinträchtigt.
Ein wichtiger Schritt für das Unternehmen war die Veröffentlichung des ersten Nachhaltigkeitsberichts. „Wir wären dazu gesetzlich gar nicht verpflichtet. Aber in der Praxis verlangen unsere Kunden solche Berichte längst, ohne fallen wir bei staatlichen Ausschreibungen direkt aus dem Verfahren“, sagt Huth. Die Maßnahmen reichen von der Erfassung und Reduktion des betrieblichen CO2-Ausstoßes bis hin zu Produktinnovationen. So schaffen es die Kirchheimbolander inzwischen, Sohlen mit rund 40 Prozent recyceltem Material herzustellen, ebenso recycelte Obermaterialien und Zehenschutzkappen. Ziel ist, die Nachhaltigkeit schrittweise ins gesamte Sortiment zu integrieren, nicht nur in einzelne Modelllinien.
Handarbeit als Qualitätsmerkmal
Die Fertigung in Kirchheimbolanden ist hochgradig maschinell organisiert, setzt aber bewusst auf qualifizierte Handarbeit. „Das Auge und die Hand eines Schuhmachers sehen und fühlen Details, die ein Automat verpasst“, erklärt Oesterling. Trotz der Standorttreue spricht Huth offen über den ständigen Kampf um Produktivität: „Wir wollen und werden in der Pfalz produzieren, das macht uns auch traditionell aus. Aber wir müssen wettbewerbsfähig bleiben. Wir kämpfen täglich gegen die Notwendigkeit einer Verlagerung von Arbeitsgängen und Standorten.“ Steitz Secura hat noch ein Werk mit einer fast 50-köpfigen Belegschaft in Pirmasens.
In der politischen Debatte werde oft über „Unterstützung der Wirtschaft“ gesprochen, ohne die praktischen Probleme der Industriebetriebe wirklich zu verstehen. „Statt die Unternehmer zu fragen, wo es konkret hakt, wird ein Thema aufgemacht und totgeredet, ohne Bezug zu unseren Realitäten.“ Huth wirbt für ein stärkeres Arbeitsethos und erinnert daran, dass der Wohlstand erwirtschaftet werden muss: „Wir waren verwöhnt. Jahrzehntelang hatten wir das perfekte Geschäftsmodell: Deutsche Autos waren konkurrenzlos und weltweit begehrt. Diese ideale Ausgangslage ist weg. Wir sind jetzt ein Land wie viele andere, ohne Rohstoffe und müssen unseren Platz durch Leistung behaupten.“ Sein Eindruck: Die Welt ist kleiner und der Wettbewerb härter geworden.
Langfristige Planung im Familienunternehmen
Steitz Secura ist ein Familienunternehmen: „Unser Erfolg beruht darauf, dass wir Entscheidungen mit Blick auf Generationen treffen und Entwicklungen langfristig planen“, sagt Huth. Trotz aller externen Schocks der vergangenen Jahre sieht er die Firma für die Zukunft gut aufgestellt: „Wir haben hochwertige Produkte, einzigartige technische Lösungen, einen starken Vertrieb und neue Märkte im Blick. Wenn die Konjunktur anspringt, werden wir davon profitieren.“ Der Vertriebsleiter fasst zusammen: „Wir wollen unseren Kunden komplette Lösungen bieten, vom Kantinenpersonal bis zur Werksfeuerwehr. Und wir wollen, dass ,Made in Germany’ nicht nur ein Etikett ist, sondern gelebte Realität.“
Ein deutliches Signal für die künftige Ausrichtung setzt Steitz Secura im kommenden Sommer: Im Juni wird das Unternehmen erstmals auf der Interschutz in Hannover ausstellen, der weltweit größten Fachmesse für Feuerwehr, Rettungswesen und Katastrophenschutz. Geschäftsführer Michael Huth sieht in der Präsenz auf der Interschutz nicht nur einen Marketingauftritt, sondern einen strategischen Schritt: „Der Bereich Feuerwehr und Rettung bietet uns über Deutschland hinaus gute Wachstumschancen. Die Interschutz ist der internationale Treffpunkt dieser Branche unsere Premiere dort ist auch ein Symbol, dass wir uns breiter aufstellen und nicht nur von der Industrie abhängen.“