Donnersbergkreis
Steinbach: Eine 100-Jährige blickt zurück – und in die Zukunft
Einmal so alt zu werden, daran hätte Maria Liebenspacher im Traum nicht gedacht. Was sich viele Menschen für sich selbst und ihre Lieben wünschen, löst in der Jubilarin ein Gefühl von Ehrfurcht aus: „Vor der Zahl 100 habe ich großen Respekt.“ Ins Nachkriegsjahr 1920 hineingeboren, blickt sie als eine der wenigen noch lebendenden Zeitzeugen auf Erinnerungen zurück. Eine schwierige Zeit sei es damals gewesen, ohne Vater und Großvater aufzuwachsen, die beide dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen waren. Daraufhin mussten Frauen vieles, wie die Familie oder die Landwirtschaft, am Laufen halten. Dennoch habe Liebenspacher schöne Kindheitserinnerungen: „Meine Mutter war eine starke Frau. Ich habe keine Tränen gesehen. Sie hat mir immer eine gute Zeit ermöglicht.“
Freundinnen waren wichtig
Ob sie den Spruch „Früher war alles besser“ unterschreiben würde? „Jedenfalls war es schöner. Im Dorf waren viele Kinder, mit denen man was unternehmen konnte. Ich hatte ja keine Geschwister. Da waren Freundinnen sehr wichtig. Gegenüber heute war es belebter. Mittlerweile stehen viele Häuser leer.“ Auch der Zusammenhalt in der Gemeinschaft sei damals stärker gewesen. „Wenn man etwas brauchte, und es selbst nicht hatte, ist man zum Nachbar und hat es dort geliehen oder man hat Hilfe bekommen“, erinnert sie sich. Ein Vorteil von jungen Menschen sei, dass sie mit ihrem Gegenüber in Kontakt stehen. „Wenn man so alt ist, ist man schon ein bisschen ein Außenseiter!“
Mit Smartphones oder sozialen Medien, die die Menschen heute zum größten Teil nutzen, um mit anderen zu kommunizieren, kann die Steinbacherin nur wenig anfangen. Im Internet sei sie beispielsweise noch nie gewesen. „Wenn meine Enkel sagen, sie schreiben ihrer Schwester, weil sie am Telefon keine Antwort gibt und dann kommt, dass sie ihnen zurückgeschrieben hat – das erstaunt mich. Dass es so etwas gibt…“, so Liebenspacher.
Erstmals elektrisches Licht
Dafür erinnere sie sich, wie in dem kleinen Dorf am Donnersberg Mitte der 1920er Jahre das erste Mal das elektrische Licht angegangen sei. Überrascht sei sie damals gewesen, wirklich darüber gefreut habe sie sich als Kind aber nicht unbedingt. Die Petroleum-Lampe zuvor sei ihr auch „recht gewesen – gut und schee!“ Andere Erfindungen, wie die Waschmaschine, empfand sie später als Erleichterung. „Die Waschmaschine und die Schleuder waren toll. Das war was, früher zu waschen“, erinnert sie sich. Das Wasser am Brunnen zu holen, Schwenkwasser wieder in die Rinne zu tragen, weil man in der Waschküche keinen Ausguss hatte, sei beschwerlich gewesen. „Oder wenn das Wasser mal knapp war in einem trockenen Sommer. Für mich ist Wasser immer noch kostbar. Ich lasse es nicht gerne einfach ablaufen.“ Auch über den elektrischen Herd habe sie sich gefreut: „Wie sich ein Kind an Weihnachten über seinen Puppenherd freut.“ Endlich schön backen zu können und nur einen Knopf drücken zu müssen, sei für sie etwas Besonderes gewesen.
Wie ist die Welt in 100 Jahren?
Die Frage, wie die Welt wohl in 100 Jahren aussehen könnte, habe sie sich allerdings nie gestellt. „Als Kind macht man sich darüber keine Gedanken. Aber man träumt manchmal, dass man fliegen könnte“, gesteht sie schmunzelnd. Heute umtreibe sie die Überlegung mehr: „Was wird noch alles erfunden werden? Dass es einmal Autos gibt, die von alleine fahren, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Einen Führerschein hat die ehemalige Klavierlehrerin nie in ihrem Leben gemacht – „aus Angst es nicht zu begreifen und mich vor dem ganzen Dorf zu blamieren.“
Vor allem als ihre Kinder klein waren und sonntags keine Busse fuhren, habe sie dieser Umstand vor Schwierigkeiten gestellt. Rückblickend bereue sie, „nicht probiert zu haben, es zu lernen“. Diese wichtige Erfahrung, nie der Angst nachzugeben und die Erfüllung der eigenen Wünsche zu probieren, wolle sie auch ihrer Familie weitergeben. Dazu nutzt sie die Gelegenheiten an den Wochenenden, wenn sich regelmäßig die beiden Töchter zusammen mit den vier Enkeln und drei Urenkeln im Haus der ehemaligen Organistin einfinden. Heutzutage nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit. „Als die eine Tochter ihre vier Kinder bekam, war mein Mann bereits tot und ich hatte neben dem Klavierunterricht freie Zeit. Ich habe geholfen, wie man sagt, die Kinder großzuziehen. Das ist ein witziges Wort – großziehen“, lacht sie und führt die passende Handbewegung aus. „Ich kannte jeden Spielplatz am Rhein. Ich war auf allen Rutschbahnen.“
Gelassenheit ist wichtig
Dieses Engagement wisse ihre Familie zu schätzen. Der starke Zusammenhalt sei „das Geheimnis einer funktionierenden Familie. Meine Tochter sagt oft: ,Ich will eine Oma sein, wie du es warst. Du warst immer für uns da.’“ Selbst habe sie aber auch von ihren Kindern und dem Kontakt mit Jugendlichen in ihren Klavierstunden profitiert: „Was ich von ihnen gelernt habe, ist neue Literatur, neue Musik und auch Kunst. Auf dem Plattenspieler meiner Tochter habe ich das erste Mal die Westside Story gehört.“ Aber auch Gelassenheit haben ihr die Kinder beigebracht.
Selbstverständlich gibt es auch Dinge, die Maria Liebenspacher heute besser findet als damals. „Ich finde es schön, dass die Kinder heute länger in die Schule gehen“, sagt sie. Für sie sei nach sieben Jahren Schluss gewesen, gerne hätte sie noch länger die Bildung genossen. Auch, dass Frauen mittlerweile ihr eigenes Geld verdienen und nicht länger finanziell abhängig von Männern sein müssen, empfindet sie als eine positive Entwicklung. „Wobei mein Mann so nie war. Wenn ich etwas machen wollte, hat er mich immer gelassen“, merkt sie stolz an.
Unkenrufe, die Welt werde immer schlechter, habe sie im Laufe ihres Lebens insbesondere in angespannten Zeiten immer mal wieder wahrgenommen. Die Richtung, die beispielsweise die AfD einschlage, wecke da manchmal Erinnerungen an früher. Sie mahnt: „Parallelen lassen sich da schon ziehen.“ Doch Negativität gehört eigentlich nicht zu den Eigenschaften der humorvollen Seniorin. Ein persönliches Erfolgsrezept, um so ein hohes Alter zu erreichen, hat sie nicht. „Vielleicht, dass du immer gebraucht wurdest und immer noch wirst“, merkt Enkelin Johanna Helm-Lacourt an. „Ja, das war nie mein Rezept, aber es war so. Es ist das Schlimmste, wenn ein Mensch denkt, dass man ihn nicht mehr braucht.“