Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Steckweiler: Ein Zeitzeuge erzählt vom Bombenangriff vor 75 Jahren

Erinnerungen an ein furchtbares Ereignis: Otto Krennerich zeigt auf eine Stelle, wo eine Bombe zwei Wohnhäuser zerstörte.
Erinnerungen an ein furchtbares Ereignis: Otto Krennerich zeigt auf eine Stelle, wo eine Bombe zwei Wohnhäuser zerstörte.

Am 22. Februar vor 75 Jahren flogen Alliierte einen Bombenangriff auf die Nordpfalzgemeinde Steckweiler. Kurz vor Kriegsende kamen auf diese Weise in dem Ort noch einmal elf Menschen zu Tode, und viele Häuser wurden zerstört. Otto Krennerich hat den Angriff als noch nicht ganz 14-Jähriger miterlebt.

Es geschah wohl im Zuge der sogenannten „Operation Clarion“. Das war der Codename für eine der größten Luftangriffskampagnen im Zweiten Weltkrieg am 22. und 23. Februar 1945. Als Ziele dienten vor allem kleinere Gemeinden, die bis dahin noch von Luftangriffen verschont geblieben waren. Auf diese Weise sollte den Deutschen ihre Hilflosigkeit vor Augen geführt und gleichzeitig die totale Luftüberlegenheit der Alliierten demonstriert werden.

Davon hatte man in der Nordpfalz an diesem sonnigen Wintertag natürlich keine Ahnung. Gerade im Alsenztal hatte man sich bis dahin relativ sicher gefühlt, wie sich der fast 89-jährige Otto Krennerich erinnert: „Es hieß immer das Tal sei für einen Luftangriff zu eng.“

Krennerich weiß noch genau, wie es war an diesem Mittwoch, als sein Elternhaus zerstört wurde: „In der Nacht hatten wir fünf bis sechs Grad minus, und tagsüber war es kalt und klar mit Sonnenschein.“ Er selbst war morgens aufgestanden und mit seinem Großvater, damals 85 Jahre alt, in den Wald gegangen, um Wellen, also Brennholz, zu machen. „Gegen 12 Uhr waren wir wieder daheim. Es gab Mittagessen, und ab und zu hörten wir da schon die Jagdbomber über uns hinwegfliegen. Da wussten wir, die sind wieder auf Aufklärungsflug. Etwas später kamen dann zwei Bomberverbände von Alsenz herauf.“

Fliegende Katamarane

Bei den Jagdbombern, den „Jabos“, wie sie genannt wurden, handelte es sich wohl um Lockheed Lightning. „Die hatten einen Doppelrumpf und sahen aus wie fliegende Katamarane“, sagt Krennerich. „Ich bin sicher, dass das Amerikaner waren, denn ich konnte den Stern auf der Seite sehen.“ Krennerich schätzt, dass insgesamt etwa 18 Flugzeuge im Anflug waren. Möglicherweise, so vermutet er, waren sie in Metz gestartet. „Die müssen schätzungsweise bis Enkenbach, Neuhemsbach geflogen und dann wieder umgedreht sein.“

Zu dem Zeitpunkt, es war gegen 14.30 Uhr, saß der noch nicht ganz 14-jährige Otto in der Sonne auf der Treppe seines Elternhauses. „Ich hatte ein Fernglas und konnte sie beim Heranfliegen genau beobachten. Ich sah, dass sie was abwarfen und dachte zuerst, das seien Flugblätter oder sowas. Dann aber sah ich: Es waren Bomben. Und dann schlugen sie auch schon in Steckweiler ein.“

Ein Treffer muss in unmittelbarer Nähe niedergegangen sein: „Eben saß ich noch auf der Treppe, dann wurde ich vom Druck rückwärts acht Meter durch den Flur in die Küche geschleudert. Zum Glück war ich nicht verletzt. Ich ging als erstes hoch auf den Speicher um nachzuschauen, ob es dort brannte. Dann kam ich runter, sah meinen Opa, sagte noch es ist alles in Ordnung – in dem Moment rauscht es, aus dem Wohnzimmer quillt schwarzer Rauch, mir fällt eine ganze Ladung Dreck auf den Kopf, und dann habe ich nichts mehr gesehen, nur noch Rauch. Da hatten die den zweiten Bombenteppich abgeworfen.“

Plötzlich ist das Dach weg

Als die Sicht wieder etwas besser war, schaute Otto, der in einer Ecke Schutz gesucht hatte, sich um: „Das Dach war eingestürzt, die Decken runtergekommen, überall lagen Trümmer.“ Damit war der Angriff aber noch nicht beendet: „Man hörte schon von weitem das Bumm-bumm-bumm: Die flogen im Tiefflug über uns drüber und schossen mit dem Bordgewehr überall hinein, wo sich noch etwas bewegte.“

Nach dem Angriff lag alles in Trümmern. „Einige Häuser waren vollkommen zerstört, andere kaum. Bei manchen waren die Dächer weg oder die Fensterscheiben zerbrochen, andere waren dem Erdboden gleichgemacht. In den Ställen lag das Vieh – tot oder die Knochen gebrochen.“ Auch Krennerichs Haus hatte mehr als nur Schlagseite: „Das Dach bestand nur noch aus Sparren, und es gab keine Decke mehr im ganzen Gebäude.“ Von der Familie war niemand ernsthaft zu Schaden gekommen.

Andere hatten nicht so viel Glück. „Es gab elf Tote. Zwei von ihnen, alte Leute, über 80 Jahre alt, hatten sich in einen Keller geflüchtet und wurden nicht mehr gefunden. Kein Stück von ihnen. Die müssen direkt von einer Bombe getroffen und völlig zerfetzt worden sein.“ Ernsthaft verletzt dagegen wurde kaum jemand. „Natürlich, wir hatten Kratzer, mehr aber nicht. Nur zwei Frauen kamen mit Kopfwunden nach Rockenhausen ins Krankenhaus.“

Dabei hatte die Bevölkerung noch Glück im Unglück, denn wegen des guten Wetters waren viele der rund 100 verbliebenen Einwohner – die waffenfähigen Männer waren fast alle eingezogen – in den Weinbergen am Stolzenberg und entgingen so dem Angriff.

Otto muss die Toten bergen

Für den 13-jährigen Otto war danach das Grauen aber noch nicht vorbei – er musste helfen, die Toten zu bergen. Einer wurde auf der heißen Herdplatte sitzend gefunden. Ein herabfallender Dachbalken hatte ihn dort festgeklemmt. „Man kann nur hoffen, dass er sofort tot war“, so Krennerich. Eine Familie hatte sich in den Keller geflüchtet und wurde dort verschüttet. Weil er so klein und leicht war, musste Otto hinunter und Seile an den Toten befestigen. Von den anderen Überlebenden, Frauen und alten Männern, wurden diese dann nach oben gezogen. Davon träumt er heute manchmal noch. Ein kleines Mädchen, noch keine zwei Jahre alt, hatte unverletzt überlebt und wurde, noch im Kinderwagen sitzend, ebenfalls hochgezogen.

Wie viele andere Familien konnten Krennerichs ihr Haus zunächst nicht mehr bewohnen. Die Mutter zog mit ihren fünf Töchtern und der Oma für ein Vierteljahr in ein Wingertshäuschen. „Das war recht geräumig“, erinnert sich der Sohn. Er selbst „hauste“, wie er sagt, mit dem Großvater im Keller. „Man konnte die Häuser nicht alleine lassen, weil sonst alles gestohlen wurde.“ Einmal habe er sogar mit der Pistole durch die Kellertür geschossen, als sich ein Fremder an der Haustür zu schaffen machte.

Und warum traf der Bobemangriff ausgerechnet Steckweiler? Otto Krennerich vermutet, dass es mit der Hollermühle zu tun hatte: „Bauern hatten ihre Frucht dahin gefahren, standen mit ihren Fahrzeugen in einer langen Reihe. Vielleicht haben das die Alliierten mit etwas anderem verwechselt, vielleicht mit Munitionstransporten.“

Die zerstörten Häuser wurden allmählich wieder notdürftig bewohnbar gemacht – zum Teil, wie in Krennerichs Fall, mit Zeltplanen über dem Bett, um den Regen abzuhalten. Nach der Kapitulation am 9. Mai wurden dann Behelfsbaracken aufgebaut. „Manche Familien haben noch Jahre, sogar Jahrzehnte, darin gewohnt.“

x