Donnersbergkreis Sonnenaufgang in Töne gegossen

91-89409022.jpg

KIRCHHEIMBOLANDEN. Mit einem Konzert in der Stadthalle ging am Sonntag der von dem renommierten Organisten Rudolf Lutz aus dem schweizerischen St. Gallen geleitete Internationale Meisterkurs für Improvisation (wir berichteten) im Rahmen der Kirchheimbolander Barocktage zu Ende. Lutz gastierte zum zweiten Mal vor Ort – im vergangenen Jahr konzertierte er in der Paulskirche. In der zurückliegenden Woche unterrichtete er seine vier SchülerInnen an historischen Orgeln in Dannenfels, Steinbach, Eisenberg, Morschheim und Mauchenheim.

Auf der Stadthallenbühne standen der Konzertflügel, ein Keyboard und das barocke Salterio (Hackbrett) zur Verfügung, das die Österreicherin Franziska Fleischanderl mitgebracht hatte. Eloquent und charmant stellte sie ihr für die Alpenregion typisches Saitenspiel vor und schlug darauf mit Bravour eine Sonate von Pietro Beretti an – graziös, lebhaft sprühend, filigran. Allerdings nicht in historischer Spielart. Am „Keyboard in Kibo“ untermalte sie – improvisierend – Bobby Mitchell, amerikanischer Pianist, mit in der Folge hörbarer Neigung zu deutscher Romantik. Denn Aufgabe dieser Konzertstücke, erklärtermaßen mit offenem Ausgang, war die freie Auseinandersetzung mit vorgegebenen Themen. Dabei waren teilweise krasse Tonartwechsel zu bewältigen und diverse Stimmungen tonmalerisch zu gestalten. Die berühmte Händel-Sarabande wurde beispielsweise zur Vorlage für ein „Menü“ aus Suppe, Zwischensorbet, schwerem Hauptgang und spritzig leichtem Dessert, im Handumdrehen mit originellen Tempi- und Rhythmuswechseln serviert von Tim Stern, geboren in Gladbeck und in Oslo tätig. Improvisation lebt von spontaner Eingebung wie vom spieltechnischen Können und der individuellen Prägung des Interpreten. Und so gelöst und genial „hingeworfen“ wie die während des Spiels entstehende Musik war auch die Moderation dieses ungewöhnlichen Konzerts, bei der Lutz und seine Meisterschüler sich munter die Bälle zuspielten. Dem Maestro fiel die Aufgabe zu, einen Sonnenaufgang am Donnersberg in Töne zu gießen – mit Gnomen, Elfen und Fruchtbarkeitsgöttin im Unterholz. Lutz, Komödiant von beträchtlichem Unterhaltungswert, ließ Diskantstrahlen glitzern und schrullige Kobolde über die obere Klaviatur huschen, um unversehens auf Bizets „Habanera“ umzuschwenken. Weitausgreifend „lisztig“, mit Happyend beim Beatles-Hit „Michelle“. Und genauso plastisch ließ er „Winzersekt Riesling brut“ in E-Dur – „die Tonart hängt vom Jahrgang ab“ – über die Tasten perlen. Die Japanerin Hiroko Asai malte aus dem Stegreif ein zartes, impressionistisches Kirschblüten-Gemälde, um später eine zweistimmige C-Dur-Invention von Bach zu transponieren und mit Versatzteilen der Ober- und Unterstimme zu jonglieren. Lutz: „Die Erfindung eines neuen Stückes auf der Grundlage eines alten, im Barock unterlegten, ist eine beliebte Übung.“ Hier mit verblüffend künstlerischem Ergebnis. Stern unterlegte ein feines Stimmungsbild von Eisblumen und klirrendem Frost mit einem norwegischen Weihnachtslied. Und Mitchell flog auf weiten Glissandi aus dem schwermütigen „Old folks at home“ aus seiner Heimat zu seinen „deutschen Freunden“ Bach und Schumann, deren Tonsprache er flüssig beherschte. Auf Publikumswunsch, denn syrische Flüchtlinge waren unter den Zuhöreren, setzte er sich in „Endlostrillern“ mit orientalischen Klangwelten auseinander. Höhepunkt war noch einmal das „Folia“-Thema, der barocke Dauerbrenner mit schier unbegrenzten Variationsmöglichkeiten – jetzt als Konzert für zehn Hände auf eine einzige Klaviatur beschränkt. Eine Zirkusnummer! Hände, die keinen Platz mehr auf schwarzen oder weißen Tasten fanden, nutzten den Flügel als Perkussionsinstrument. Bravo-Rufe und begeisterter Applaus wurden mit „Time to say goodbye“ bedankt. Zuletzt überreichte Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller den Teilnehmern die begehrten Meisterkurs-Urkunden. Überaus herzlich bedankten die sich für die freundliche Aufnahme und Bewirtung in der Pfalz. „Einzigartig sein und gleichzeitig Teil eines Ganzen“ – eingangs hatte Organisatorin Lydia Thorn Wickert den Anspruch der Veranstaltungsreihe angesprochen. Miteingebunden in das Projekt zur Revitalisierung des Kiboer Barockgartens war auch wieder eine Gruppe junger ukrainischer Steinmetze. Unterm Strich: ein grandioses Konzert.

x