Winnweiler
Sonder-Impfaktion: „Dann kommen wir eben zu den Menschen“
„Wenn die Menschen nicht zu uns kommen, dann gehen wir eben zu den Menschen.“ Karl Barwich, der in Eisenberg lebt und als Arzt in Frankenthal praktiziert, hat an vier Stationen im Kreis – zweimal am vergangenen Wochenende in Kirchheimbolanden, einmal im Thomas-Morus-Haus in Eisenberg und einmal im Festhaus in Winnweiler – Menschen mit einer Erstimpfung versorgt. „Ich bin wirklich sehr froh, dass so viele gekommen sind“, sagt der Mediziner. Denn, da sei er sicher, die Zeit dränge. „Je mehr Menschen wir erreichen, desto besser kommen wir durch den Herbst“, ist er sicher.
Gekommen waren nach Winnweiler etliche Jugendliche in Begleitung ihrer Mütter und Väter. So zum Beispiel ein 18-Jähriger, der demnächst eine Ausbildung zum Altenpfleger beginnen wird. „Da brauche ich diese Impfung auf jeden Fall“, sagt der junge Mann.
Die Tochter wollte die Impfung haben, sagt eine Mutter, die mit ihrer 17-jährigen Tochter im Festhaus in der Schlange wartet. „Sie sollte das selbst entscheiden, ich habe sie zu nichts gedrängt“, berichtet die Mutter.
Die Aussicht, sich mit einer Impfung wieder freier zu fühlen, war für die jungen Menschen, die ins Festhaus gekommen waren, wohl ausschlaggebend. Wie Barwich sagt, dürfen zwar bereits seit einiger Zeit auch unter 18-Jährige mit Biontech geimpft werden, das sei allerdings nicht überall bekannt gewesen.
Astrazeneca „lieber nicht“
Auch der Impfstoff selbst gab für manchen Besucher der Sonderaktionen den Ausschlag. „Ich hätte schon längst mit Astrazeneca geimpft werden können“, so ein Gonbacher, der altersgemäß auf Platz zwei der Prioritätenliste stand. Bei ihm aber war die Angst vor einer Hirnvenenthrombose – einer als seltene aber mögliche Nebenwirkung beschriebenen Komplikation – Grund dafür, lieber auf eine Impfung mit Biontech zu warten. „In meiner Familie gibt es etliche Fälle von Thrombosen“, sagt er. Da hätten ihn die Meldungen über die Nebenwirkungen von Astrazeneca einfach zu sehr beunruhigt.
Aber es gibt auch andere Gründe, warum Menschen bisher den Weg zum Impfzentrum oder in die Arztpraxis gescheut haben. „Manche Menschen hatten einfach zunächst Bedenken gegen eine Impfung und haben sich nun doch dazu entschlossen“, sagt Barwich. Anderen sei der Aufwand einfach zu groß gewesen, oder sie sehen in einer Impfung die Möglichkeit, vielleicht noch ohne großes Aufwand in Urlaub fahren zu können.
Manche ohne Krankenversicherung
Selten, aber auch in einem Land wie Deutschland nicht unmöglich, sind auch die Fälle derjenigen, die jetzt erst kommen, weil sie keine Krankenversicherung haben. „Das ist immer mit einer gewissen Scham oder auch mit Angst verbunden“, so Barwich. Diese Menschen würden sich nicht telefonisch über eine Hotline für einen Impftermin anmelden oder gar bei einem Hausarzt danach fragen. „Aber wenn sie zu uns zu einer Sonderaktion kommen, dann werden sie natürlich geimpft und erhalten wie alle anderen auch ihren Termin für die zweite Impfung“, stellt Barwich klar. Auch ein Impfausweis oder vorausgefüllte Formulare seien zwar hilfreich, aber für eine Impfung keine Voraussetzung.
Auch viele Flüchtlinge erreicht
Um eine Gruppe besonders schwer erreichbarer Menschen hat sich Anneliese Ecker-Henn aus Eisenberg gekümmert . Sie ist seit Jahren in der Flüchtlingshilfe aktiv und hat alleine auf ihrem Handy an die 150 Telefonnummern von Menschen, die aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt in den Donnersbergkreis gekommen sind.
„Es gibt bei diesen Menschen einige Vorbehalte gegen die Impfung“, sagt sie. Manche sehen jede Immunisierung skeptisch, bei anderen habe sich die Vorstellung breit gemacht, dass man ihnen minderwertigere Impfstoffe verabreichen würde. „Ich habe an alle eine Whatsapp geschrieben und ihnen erklärt, dass sie den allerbesten Impfstoff erhalten und dass sie doch bitte diese Impfung wahrnehmen sollen“, erzählt Ecker-Henn. „Ich habe auch geschrieben, dass sie doch bitte alle an ihre Kinder denken und die Impfung ihnen zuliebe machen sollen.“
Wie viele dieser Whatsapp-Kontakte dann tatsächlich zu den Impfaktionen kamen, konnte Anneliese Ecker-Henn, die in Eisenberg in Flüchtlingskreisen nur „Frau Annelies“ genannt wird, nicht herausfinden, denn bei den Impfaktionen konnte sie nicht dabei sein. Als Handy-Rückmeldungen aber gab es durchaus auch positive Reaktionen, und Karl Barwich hält diese Mobilisierung für einen wichtigen Schlüssel bei dem Erfolg der Aktion. Das Vertrauen, das viele Flüchtlinge zu Anneliese Ecker-Henn im Laufe der Zeit aufgebaut haben, gab dabei den Ausschlag.
Weitere Aktionen geplant
Das niederschwellige Angebot der Sonderimpfaktionen soll nach der Vorstellung von Karl Barwich im Kreis mit diesen vier Aktionen nicht zu Ende sein. „Wir müssen es den Menschen so leicht wie möglich machen, an die Impfung zu kommen, denn das Ziel ist eine möglichst hohe Impfquote“, gibt der Arzt das Ziel vor. Bereits am Wochenende wolle er gemeinsam mit Landrat Rainer Guth weitere Ideen für Aktionen im Kreis entwickeln. „Wir müssen uns da beispielsweise die USA zum Vorbild nehmen, wo es überhaupt keine Hürden gibt. Wer geimpft werden möchte, bekommt eine Spritze, beispielsweise in einen Drive-in, ohne Formulare oder Impfbuch. Einfach vorbei kommen, und das war’s“, so Barwich. Ziel müsse sein, alle zur Impfung zu bringen, die es bisher nicht geschafft haben.