Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Selbstversuch: Bin ich mit über 70 Jahren noch fit genug zum Autofahren?

Bestanden: RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Ursula Hillrichs hat nach Einschätzung von Tony Kremer (Fahrschule Bernardy) bei der Überprü
Bestanden: RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Ursula Hillrichs hat nach Einschätzung von Tony Kremer (Fahrschule Bernardy) bei der Überprüfungsfahrt für Senioren ein sicheres, zügiges und routiniertes Fahrverhalten gezeigt. Dennoch hatte der Fahrlehrer auch ein paar Dinge zu bemängeln – etwa das wiederholte Fehlen des berühmten Schulterblicks.

Seit Jahren wird über verpflichtende Fahrtüchtigkeitstests für Senioren diskutiert. RHEINPFALZ-Mitarbeiterin Ursula Hillrichs (Mitte 70) will wissen: Wie ist so eine Prüfung?

War ich aufgeregt? Zumindest weniger, als ich befürchtet hatte. Immerhin besitze ich meinen Führerschein seit gut 50 Jahren. Das ist immer noch so ein grau-brauner Lappen mit einem kleinen Kaffeefleck, meinem Mädchennamen und einem Foto aus der Bronzezeit, auf dem man mich mit ein wenig Anstrengung tatsächlich noch erkennen kann. In wirklich erwähnenswerte Kollisionen war ich nicht verwickelt, vor langer Zeit nur für einen unspektakulären Auffahrunfall mit zwei derangierten Stoßdämpfern als Ergebnis verantwortlich.

Ich wohne in einem Winzdorf, ein Bus hält hier nur im Schulzeitenrhythmus. Wie die meisten Menschen im Donnersbergkreis brauche ich für alle Wege mein Auto. Ich bin – Gott sei Dank – unbeeinträchtigt durch Seh- oder Hördefizite, Fahrten in der Dunkelheit machen mir nichts aus und auf Autobahnen bin ich gern recht zügig unterwegs. Aber ich wollte es wissen: Wie ist so eine Überprüfungsfahrt, die euphemistisch meist „Rückmeldefahrt“ oder „Fahr-Fitness-Check“ genannt wird?

Schaltung oder Automatik? Mir egal

Bei meinen Recherchen im Internet erfahre ich: Tony Kremer, Inhaber der Fahrschule Bernardy in Kirchheimbolanden, bietet solche Fahrten an. Ich buche einen Termin bei ihm. „Stellen Sie sich auf eine Stunde Aufwand ein“, kündigt er am Telefon an. „35 Minuten Fahrt, ein kurzes Gespräch vorher und danach die Besprechung des Auswertungsbogens. Zwei Autos kann ich Ihnen anbieten, einen Golf mit Schaltung und einen nicht sehr großen SUV mit Automatik.“ Aus der Ferne kann ich mich nicht so richtig entscheiden, eigentlich ist es mir egal.

Vor Ort werde ich von Tony Kremer empfangen, er fotokopiert meinen Führerschein und meinen Personalausweis. Ordnung muss sein! Und dann empfiehlt er mir, den SUV zu wählen, der Ausmaße hat, die mit meinem Auto vergleichbar sind. Das mache ich und richte mich auf dem Fahrersitz ein, was nicht schwierig ist. Autos sind inzwischen alle irgendwie gleich, habe ich das Gefühl. Nix mehr mit Individualität! Für meine aktuelle Fahrt kann es mir recht sein, der SUV und ich können uns schnell anfreunden.

Siebenmal befriedigend, nur einmal gut

Die Fahrt beginnt an den beiden Kreiseln in der Nähe der Aral-Tankstelle in Kibo und geht zunächst Richtung Bolanderhof. Dann biegen wir nach Marnheim ab, und da macht Herr Kremer seine erste Bemerkung außerhalb seiner Richtungsvorgaben: „Hier ist 30er-Zone, Sie sind zu schnell.“ Tatsächlich bin ich bei 37 Stundenkilometer angelangt und gehe natürlich sofort mit dem Tempo herunter. Ähnliches passiert noch einmal in einem 50er-Bereich in Bolanden, durch das ebenfalls unsere Strecke führt. Da bin mit 56 km/h ebenfalls zu flott unterwegs. Wir fahren noch ein Stück Landstraße Richtung Alzey, queren das Gewerbegebiet und landen schließlich wieder im Hof der Fahrschule. 27 Kilometer liegen hinter uns; brenzlige Situationen gab es nicht.

Immer wieder werden verpflichtende Fahrtüchtigkeitstests für Senioren diskutiert. Das EU-Parlament hat sich gerade erneut dagege
Immer wieder werden verpflichtende Fahrtüchtigkeitstests für Senioren diskutiert. Das EU-Parlament hat sich gerade erneut dagegen entschieden. Deutschland schließt sich dem an und setzt auf Selbstverantwortung.

Nun steht das Gespräch über den Bewertungsbogen an, den Tony Kremer ein paar Minuten lang ausfüllt. Auf dem finden sich acht Kategorien mit einer Ankreuzskala von „sehr gut“ bis „mangelhaft“: Fahrzeughandhabung, Verhalten an Kreuzungen, Spurverhalten, Sichern beim Spurwechsel, Überholen und Einfädeln, Abstand halten, Geschwindigkeit, Kinder/Fußgänger/Radfahrer sicher beachten, Vorausschauendes Fahren und Früherkennung von Gefahrensituationen. Bei fast allen Kategorien macht Tony Kremer sein Kreuz bei „befriedigend“. Nur während der Begegnung mit zwei Radfahrern soll ich besonders umsichtig reagiert haben, was an dieser Stelle zur Note „gut“ geführt hat.

„Kritik auf hohem Niveau“ – ich bin beruhigt

Etwas irritiert frage ich nach, was denn hätte besser gemacht werden können. Immerhin habe es während der Fahrt nur zwei kritische Bemerkungen wegen erhöhter Geschwindigkeit gegeben. „Einmal sind Sie nicht langsam genug auf eine Minischlange wartender Autos vor einer roten Ampel zugefahren“, erklärt Kremer. Das nehme ich mal hin, wobei ich im wirklichen Leben Ampelanschleicher eher nervig finde. Ja, und dann kam die Sache mit dem berühmt-berüchtigten Schulterblick, der wohl – laut Tony Kremer – auch an Stellen eingesetzt werden muss, die mir bisher nicht präsent waren. Er bescheinigte mir aber sicheres, zügiges und routiniertes Fahrverhalten. „Meine Kritik befindet sich schon auf einem hohen Niveau“, räumt er ein. Na, bitte! Da bin ich beruhigt, dass ich mit meiner Selbsteinschätzung nicht danebenlag.

Von Tony Kremer, der seit 2015 Seniorenfahrstunden anbietet, will ich am Schluss noch wissen: „Wer kommt zu einem Test zu Ihnen und wie alt sind diese Kunden? Und geben Sie auch schon mal die Empfehlung, auf das Fahren zu verzichten?“ – „In den vergangenen neun Monaten gab es 31 Rückmeldefahrten“, berichtet er. „Der jüngste Kunde war 36 Jahre alt mit Unsicherheitsgefühlen bei hohen Geschwindigkeiten auf der Autobahn, der älteste 103. Da gibt es allerdings erst die Anmeldung, die Fahrt steht noch aus. Ja, und ich rate auch schon mal vom weiteren Fahren ab. Aber ich bin ja kein Amt mit Befugnissen, bindend ist das, was ich sage, nicht. Bei den meisten – also bei zirka 80 Prozent – klappt das Fahren allerdings noch gut.“

Zur Sache: Blick über die Grenzen, Unfallrate und Tests

Verpflichtenden Gesundheitsüberprüfungen und Fahreignungstests für alle Menschen ab 70 Jahren hat das EU-Parlament in diesem Jahr erneut mehrheitlich eine Absage erteilt. Vor allem in Deutschland gab es erheblichen Widerstand; hier setzt man auch weiterhin auf Selbstverantwortung. Andere Länder wie Spanien, Italien, Dänemark oder die Schweiz haben bereits seit längerem Regelungen bei Gesundheits- und Fahrchecks.

Unter anderem der ADAC hält eine gesetzliche Pflicht zur Fahreignungsprüfung für ältere Menschen nicht für verhältnismäßig. Diese Einschätzung bestätigt eine Erhebung des Finanzkonzerns „Lending Tree“. Danach sind nicht die Älteren, sondern ist die Generation „Z“ – also die Altersgruppe zwischen 18 und 26 – die „gefährlichste“. Mit einer Unfallrate, die doppelt so hoch sein soll wie die der anderen Generationen.

Trotzdem sei es für Senioren – so ebenfalls der ADAC – wichtig und sinnvoll, ihre Fahrfähigkeiten bei Tests regelmäßig überprüfen zu lassen. Diese werden von verschiedenen Verkehrsorganisationen angeboten (beispielsweise ADAC, DEKRA, TÜV oder Deutsche Verkehrswacht). Auch Online-Tests sind möglich, etwa beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR). Die Kosten liegen je nach Anbieter zwischen 70 und 110 Euro.

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