Falkenstein
Schwert, Schild und Spaß: Einblicke in ein Wikingerlager
Den Waldweg entlang, auf der Suche nach dem Lager, sieht man sie plötzlich. Eine große Gruppe von Kämpferinnen und Kämpfern. Gewandet. Bewaffnet. Und gerade dabei, sich gegenseitig mit verschiedenen Waffen zu attackieren. Was wie ein wildes Gerangel aussieht, folgt tatsächlich Regeln. Wer einen Treffer in einer der definierten Zonen einsteckt, muss das Schlachtfeld verlassen. Der Rest macht weiter. Ein Schauspiel, wie man es von Mittelaltermärkten und ähnlichen Veranstaltungen kennt, wird hier mitten im Wald bei Mehlingen trainiert. Ohne Zuschauer und Handgeklapper, aber dafür eingebettet in ein Lager-Wochenende in frühmittelalterlichem Ambiente.
Mittendrin ist Marc Herrgen. Für den Falkensteiner ist das Reenactment seit vielen Jahren mehr als nur ein Hobby. Er lebt es. Oder vielmehr erweckt er selbst damit eine längst vergangene Zeit zum Leben. Und das mit allen Tücken, die sich besonders bei der Wikingerzeit ergeben. „Vieles ist Interpretationssache. Die Wikinger haben anders als beispielsweise die Römer nichts oder nur sehr wenig aufgeschrieben. Was wir wissen, sind lediglich Beschreibungen, die beispielsweise von Feinden niedergeschrieben wurden“, erklärt Herrgen. Er selbst orientiert sich für seine Darstellung an den Funden zweier Gräber am Oslofjord, die auf das neunte Jahrhundert datiert werden. Daran angelehnt stellt Herrgen viele Teile seiner Ausrüstung selbst her. Auch Zelt, Möbel und andere Utensilien sollen sich möglichst nah an der dargestellten Zeit bewegen und werden entsprechend bearbeitet oder gleich ebenfalls selbst hergestellt. Seit mehr als 20 Jahren geht Herrgen seinem Hobby nach. Die investierten Stunden kann er längst nicht mehr beziffern. „Ich gehe davon aus, dass ich in der ganzen Zeit gut 20.000 Euro alleine in Ausrüstung gesteckt habe“, schätzt er. Allerdings habe er so auch viel gelernt und viele, besonders handwerkliche Fähigkeiten, entwickeln können. Ein besonderes Anliegen ist ihm seit jeher aber der historische Kampf – oder vielmehr die Sportart, die sich daraus ableiten lässt.
Kampfsport in Vereinen und Gruppen organisiert
Im Lager starten die Kämpfer derweil eine neue Runde, nun etwas tiefer im Wald. Die Ausdauer ist beachtlich, bedenkt man, wie viele Trainingsrunden die Frauen und Männer bereits absolviert haben, stets in Bewegung, stets ausgerüstet mit Schwert und Schild. Nun dauert der Kampf derart lange, dass die ausgeschiedenen Kämpferinnen und Kämpfer durch Berühren einer speziellen Stelle „wiederbelebt“ werden können und so nochmal neu starten können. Was mitunter wie ein wildes Durcheinander aus Attacke und Verteidigung aussieht, ist letztlich viel Strategie, viel Geschick und – da sind sich alle auf dem Schlachtfeld einig – ein riesiger Spaß. Marc Herrgen kann diesmal nicht mitwirken, da noch die Folgen aus eines schweren Unfalls auskurieren muss.
Für ihn wie auch für alle anderen im Lager, die eben nicht zur Waffe greifen, gibt es aber andere Aufgaben. Ein Rundgang durchs Lager zeigt neben historisch nachempfundenen Zelten und einigen spielenden Kindern auch Leute, die sich um den Haushalt kümmern, wie Herrgen es nennt. Unter anderem ums Kochen. Statt auf Kontrahenten einzuhauen, hackt Herrgen diesmal also Möhren und Lauch. Die Freude an seinem Hobby nimmt aber auch das nicht. „Das hier ist wie eine große Familie“, sagt er. Und längst gehört seine eigene mit dazu. Während er sich diesmal um das Essen kümmert, tobt seine Lebensgefährtin auf dem Schlachtfeld und irgendwo im Lager spielt sein Kind mit Freunden.
Längst ist die Szene derart gut vernetzt, das gemeinsame Trainings oder größere Treffen keine Seltenheit mehr sind. „Ich könnte im Prinzip jedes Wochenende irgendwo hinfahren“, sagt Herrgen. Auch treffen sich die Kampfbegeisterten nicht nur im Wald bei speziellen Treffen. Sie gehen ihrem Sport mitunter auch in Vereinen nach. Marc Herrgen tut dies innerhalb der Vereinsstrukturen des SV 05 Meckenheim im Landkreis Bad Dürkheim. Dort hatte Herrgen früher gewohnt und eine aktive Trainingsgruppe an seiner Seite. Nachdem man einige Zeit auf dem Gelände des Sportvereins trainiert hatte, kam die Idee, doch einfach eine eigene Abteilung im Verein zu eröffnen. Diese nennt sich nun „historisches Fechten“, die Trainingsgruppe „T-Rox“ wächst stetig. „Es war einfach logisch, diesen Schritt zu gehen. So sind wir sichtbarer und können gleichzeitig auch die Infrastruktur, also beispielsweise Umkleiden und Duschen, vom Verein mitnutzen“, sagt Herrgen.
Wikingerzeit auch popkulturell auf dem Vormarsch
Was sich in Meckenheim nun „historisches Fechten“ nennt, umfasst Kampfsportarten verschiedener Epochen. „Wir schicken keinen weg, auch nicht wenn er jetzt als spätmittelalterlicher Ritter hier auftauchen würde“, erklärt Herrgen. Im Gegenteil, genau darin liege einer der Gründe, warum die Szene in der Vergangenheit eher größer geworden ist. Man habe sich geöffnet, schotte sich weniger gegenüber anderen Strömungen oder Epochen ab. „Alle haben ihre Vor- oder Nachteile. In einer schweren Rüstung ist man beispielsweise langsamer und weniger beweglich“, sagt Herrgen. Vereinzelt gebe es sogar Bogenschützen, die in Kämpfe involviert werden. Zu sehen gibt es solche Kämpfe dann beispielsweise auf Mittelaltermärkten oder ähnlichen Veranstaltungen, wo die Zuschauer dann eben auch das Ergebnis langen Trainings sehen können. Für die Kämpfer selbst sind die Höhepunkt aber eher die großen Schlachten abseits der Öffentlichkeit. In Deutschland findet eine solche jährlich im badischen Osterburken statt. Der Höhepunkt für die Kämpfer ist aber die Veranstaltung im dänischen Sletten mit knapp 500 Kämpfern aus aller Welt. „Und wir werden jährlich mehr“, freut sich Herrgen.
Die Szene wächst also, was sich bestimmt auch an dem popkulturellen Höhenflug der Wikingerzeit festmachen lässt. Die Epoche erlangte in der jüngeren Vergangenheit durch Serien wie „Vikings“, Kinofilme, Videospiele oder auch Musik besonders große Beachtung. Die dänische Band „Heilung“ füllt beispielsweise mit einem Programm, welches eher einem Ritual denn einem Konzert ähnelt, große Hallen auf der ganzen Welt. Einen direkten Zusammenhang zur eigenen Gruppe sieht Herrgen allerdings nicht, sagt er, dass er sich zu Beginn auch an den Darstellungen in Filmen orientiert habe.
„Feykir“-Gruppe feiert im Lager Geburtstag
Im Lager gibt es am Osterwochenende dann noch etwas zu feiern. Die Kampfgruppe „Feykir“, was so viel wie „rasender Wind“ bedeutet, feiert ihr 15-jähriges Bestehen. Die Kämpfer, die auf dem Schlachtfeld an ihren blauen Umhängen zu erkennen sind, geben zu diesem Anlass das eine oder andere Fass Bier aus. Dieses ist natürlich in einem Holzverschlag Marke Eigenbau versteckt, um das Ambiente zu wahren. „Und getrunken wird auch aus Tonkrügen, wie sich das gehört“, sagt Herrgen. Und so bleibt allen im Lager nach schweißtreibenden Kampfeinheiten das, was ihr gemeinsames Hobby ebenso ausmacht – gute Gesellschaft, ein familiäres Umfeld und eben ein ganz besonderes Ambiente.