bleibendes Handwerk
Scharfe Küchenmesser kommen aus Winnweiler
Wenig deutete darauf hin, dass Messer im Leben von Anselm Littschwager einmal eine zentrale Rolle spielen würden. 1985 geboren, wuchs er auf einem Einzelhof im Allgäu, in der Nähe von Kempten auf. „Natur, Tiere und frische Luft – daraus bestand meine Umgebung“, erzählt er. „Meine Schulzeit war von einigen Mäandern geprägt. Recht spät bin da zu einem mittleren Abschluss gekommen.“
Littschwagers Freude am Basteln und Werkeln, ein Praktikum bei einem Silberschmied und eine Empfehlung ließen ihn schließlich auf der Berufsfachschule für Schmuck und Glas in Kaufbeuren landen. Dort absolvierte er die dreijährige Vollzeitausbildung zum Silberschmied. „In der Schule hatte sich jemand im Keller eine Werkstatt eingerichtet, in der er sich mit Messern beschäftigte“, erinnert er sich. „Das hat mich sofort fasziniert. Zunächst habe ich allerdings ein Jahr lang als Geselle in meiner ersten Anstellung, in der Wiener Silberschmiedewerkstätte, gearbeitet, merkte aber bald, dass ich noch mehr und anders lernen musste.“
Als reisender Geselle auf der Walz
Das Ergebnis dieser Erkenntnis war der Entschluss, als reisender Handwerker auf die Walz, zu gehen. Ab Mai 2010 war Littschwager mit Stock und Hut zweieinhalb Jahre lang unterwegs in Deutschland und Skandinavien. „Die Reise entwickelte sich zu einer sehr erlebnisreichen und intensiven Zeit“, berichtet er. „Das Messermachen rückte immer stärker in meinen Fokus. Nachhaltig beeindruckt hat mich unter anderem der mehrwöchige Aufenthalt bei Roger Bergh, einem schwedischen Messer-Guru, der mit einem besonderen Damaststahl arbeitet und international bekannt ist.“
Am Ende des langen Weges sei er endgültig vom Messermachen infiziert gewesen und gleichzeitig skeptisch, ob er sich jemals dem Niveau, das er kennengelernt hatte, annähern würde, berichtet er weiter. 2013 eröffnet er in der Eisenschmelz in Winnweiler seine eigene Werkstatt und hat seitdem wohl Grund, mit seinen Produkten zufrieden zu sein. „Messer sind mächtige Instrumente; ich habe mich für die friedliche Variante, die Küchenmesser, entschieden – unter anderem, weil ich selbst sehr gern koche“, fährt Littschwager fort. „Sie müssen ästhetisch und haptisch ansprechend und natürlich beim Schneiden richtig gut sein.“
Jedes Stück ist ein Unikat
Jedes Messer, das der Schmied fertigt, ist ein Unikat. Die Klingen bestehen aus unterschiedlichem Stahl – Damast- und Dreilagenstahl –, den er entweder selbst herstellt, aus Kutschenwagenreifen beispielsweise, oder bei einem Händler kauft. Die Griffe werden aus Holz gefertigt und ebenfalls individuell gestaltet. „Ich arbeite gern mit Holz vom Buchs- oder Nussbaum“, erklärt Littschwager. „Die Übergänge zwischen Klinge und Griff, die sogenannte Schmiedemarken, bestehen oft aus Silber oder Kupfer. Das gibt den Messern zusätzlich etwas Edles.“
Insgesamt gestaltet sich die Herstellung der Werkstücke aufwendig und braucht sehr viel Zeit; ein Damastmesser besteht nämlich aus mehreren Lagen Stahl, das mehrfach gefaltet werden muss. Davon hängt seine Qualität ab. Deswegen sind Littschwagers Messer entsprechend teuer. Trotzdem verkaufe er nicht nur auf den Märkten so, dass er recht gut davon leben könne, so der Schmied weiter. „Es macht Freude, etwas so Existenzielles wie Messer herzustellen“, resümiert er. „Wenn sie dann auch noch schön sind, ist das ein Glück.“
Zur Sache
Messer gehören zu den ältesten Werkzeugen der Menschheit. Zunächst waren sie aus Stein, später aus Bronze und schließlich aus Eisen. Die Erfindung des Stahls machte die Herstellung von sehr harten, aber gleichzeitig flexiblen Klingen möglich. Seitdem gibt es keine Weiterentwicklung bei der Funktionalität, dafür aber bei der Gestaltung: Klingen und Griffe bekamen unterschiedliche Farben, man verwendete Gold, Silber und Edelsteine, fertigte Einlegearbeiten und aufwendige Gravuren an. Renommierte Messermacher sind international vernetzt und treffen sich zu Ausstellungen auf Messen. Eine der bemerkenswertesten ist die „Art Knife Invitational“, eine Show, zu der nur die Besten der Welt eingeladen werden. In diesem Jahr sind es am 29. Oktober in Las Vegas zwanzig Männer, einer davon aus Berlin.
Die Serie
Menschen, die ein außergewöhnliches und seltenes Handwerk ausüben, sind gerngesehene Gäste auf Märkten, bei Stadt- und Dorffesten. Die Besucher interessiert offensichtlich das Ursprüngliche, das Elementare und auch das Stück Geschichte, das mit der Präsentation von alten Techniken verbunden ist. Zu sehen, wie etwas durch Handarbeit entsteht, das jeder seit langer Zeit im Baumarkt oder Internet fertig verpackt kaufen kann, scheint immer noch zu faszinieren: ein Seil, eine Bürste, ein Hut zum Beispiel. In unserer Serie „Bleibendes Handwerk“ wollen wir diese Faszination transportieren und in loser Folge Menschen vorstellen, die noch ein solches ausüben.