Bolanden
Saxophonist Julius Gabriel fasziniert bei Konzert auf dem Weierhof
Die Saxophonklänge von Julius Gabriel gehen durch Mark und Bein. Sanfte und ruhige Töne sind eher selten. Die rhythmische Spielweise gipfelt oftmals in einer brachialen Musikgestaltung, die ihresgleichen sucht. Es ist teilweise richtig schrill und laut im kleinen Kirchengemäuer. Das Trommelfell im Ohr wird für kurze Momente regelrecht gequält. Und dann flacht der musikalische Exzess schlagartig ab, und eine kurze, wohltuende Ruhe setzt ein.
Die Melodien kommen unheimlich dynamisch daher. Gabriel lässt auch gerne die Rhythmen stolpern, baut bewusst eine Unregelmäßigkeit ein, die für Abwechslung sorgt. Ein besonderes Merkmal sind dabei die sich wiederholenden Elemente, die fast schon eine Art von Trancezustand hervorrufen. Beim Spiel auf der marokkanischen Ghaita, wobei der Künstler das Doppelrohrblatt ausgebaut und um ein anderes Mundstück ergänzt hat, klingt es wie eine Art von Schlangenbeschwörung. Wer die Augen schließt und die Musik auf sich wirken lässt, driftet dabei unweigerlich in eine andere Welt ab. Besonders die Percussions machen den Großteil des repetitiven Effekts aus.
Eine Eigenkonstruktion
Hierzu hat der Künstler eigenhändig während der Pandemie ein elektro-akustisches Saxophon konstruiert, dass mit acht Kontaktmikrofonen ausgestattet ist, die sich jeweils an den Klappen des Instruments befinden. An einen elektrischen Verstärker angeschlossen, werden hierbei nur die Klappenbewegungen akustisch verstärkt, nicht jedoch der Klang des Saxophons an sich.
Wenn Gabriel die Finger über die Saxophonklappen gleiten lässt, entstehen Töne, die an ein Trommeln, Klopfen oder Schnalzen erinnern. Der experimentelle Charakter der Musik wird damit offensichtlich. Neben dem zu einem Schlaginstrument erweiterten Tenorsaxophon hat der Künstler auch noch ein Sopransaxophon um eine weitere Röhre erweitert, wobei eine als Melodieröhre fungiert, während aus der anderen Röhre zumeist nur ein Dröhnen entweicht. Anders als bei einem Dudelsack, hat das Zwillingsinstrument aber zwei Mundstücke, die Gabriel mühelos mit seiner ausgeatmeten Luft versorgt.
Die Magie des Atmens
Er gehört zu den wenigen Bläsern, die eine Zirkularatmung perfekt beherrschen, wobei beim Ausatmen gleichzeitig wieder Luft eingeatmet wird. Daraus resultieren langanhaltende Bläserklänge des Saxophons, die insbesondere in der Zugabe für ein Staunen sorgen. Zum Ende hin wird ein Saxophonton minutenlang ausgeblasen – einfach großartig. Melodisch bewegt sich Gabriel dabei häufig im Moll, was typisch für Jazz ist.
Julius Gabriel ist ein klassisch ausgebildeter Jazzmusiker, der seinen Bachelor of Arts in Jazz Performing Arts an der Folkwang Universität der Künste in Essen absolviert hat. Dort lernte er während seiner Studienzeit den heutigen Musiklehrer Michael Zerger vom Weierhof-Gymnasium kennen. Zerger war es auch, der den Ausnahmekünstler nach Bolanden-Weierhof holte, in eine Region, in der der Saxophonist bisher noch nie aufgetreten war.
Auf und von den Socken
Julius Gabriel tourt international, war zuletzt in Italien, Portugal und Indien unterwegs. Fremde kulturelle Einflüsse lässt der Künstler dabei gerne in seine Performance einfließen. Eine Gepflogenheit aus Indien, die Bühne nicht mit Schuhen zu betreten, hat Gabriel auch in die Nordpfalz mitgebracht. Während des kompletten Konzerts steht Gabriel mit Socken auf einem flauschigen Teppich, verschließt beim Spielen die Augen und entfesselt dabei seine Musik.
In der Kirche brennen viele dekorative Kerzen, das dezente Licht schafft eine wohlige Atmosphäre. Einzig in ganz stillen Passagen stört in den hintersten Reihen das Brummen eines Kühlschranks, worin die Getränke für die Gäste aufbewahrt werden. Das Publikum ist überwiegend älteren Semesters, und nur wenige davon gehen mit der Musik mit, verschließen die Augen und wackeln hin und wieder mit dem Kopf.
Die Klangwelt von Gabriel lässt sich nur schwer in ein Genre einordnen. Es ist ein Mix aus Jazz, Folk, Klassik, Minimalismus, Drone- und Ambient-Musik. Die Stücke taugen gut und gerne als Begleitmelodie in einem Film, entfalten sie doch allesamt eine sehr starke emotionale Wirkung. Insofern könnte es für den Künstler erträglich sein, sich mit der Filmindustrie in Verbindung zu setzen.