Kirchheimbolanden
Ramon Chormann: Knochenbrüche, Künstlerpech und Pfälzer Mundart
Die wichtigste Frage: Wie geht es Ihnen, Herr Chormann?
Jeden Tag ein bisschen besser. Schmerzen hab’ ich schon, jetzt muss wieder zusammenwachsen, was zusammen gehört. Einer der Brüche, am rechten Handgelenk, musste am Montag operiert werden. Aber keine Sorge: Ich stehe schon wieder, wenn auch mit Einschränkungen, auf der Bühne. In Kirchheimbolanden musste nur eine Vorstellung ausfallen. Und schnell war für mich auch klar: Diesmal lasse ich mir das Jubiläum nicht verderben, und wenn ich’s mit dem Kopf unterm Arm durchziehe.
Mit Verlaub, darf man nach dem Befinden der Sandsteintreppe in Ihrem Theater fragen, auf der Sie mitten in den Jubiläumsvorbereitungen gestürzt sind?
Die macht grad so, als wäre nichts gewesen. Das hat mich menschlich etwas enttäuscht.
Gehen wir zurück in die Zeit, als die Scheune, die zu einem großen Mühlenkomplex gehörte, selbst noch ein Patient war, der auf Reanimierung hoffen durfte. Woher hatten Sie den Mut, sich dort ein eigenes Theater zu gönnen?
Das Wort Mut höre ich nicht so gern. Ich hab ja mal BWL studiert und wusste, worauf ich mich wirtschaftlich einlasse. Wenn, sagen wir mal, ein Kleinunternehmer ein paar Hunderttausend Euro in eine neue Anlage investiert, spricht komischerweise keiner von Mut, bei einem Theater aber schon.
Vielleicht auch deshalb, weil Ihr Theater quasi um einen einzigen Menschen herumgebaut ist, ohne den dann schlimmstenfalls alles nichts ist. Aber erzählen Sie, wie lief das damals ab?
Nachdem ich mich schon Jahre zuvor aus dem Kommunaldienst verabschiedet, künstlerisch selbstständig gemacht hatte und bereits mit vier Bühnenprogrammen unterwegs war, wollte ich eine feste Bleibe. Das alte Getreideschüttgutlager schien, als ich es im September 2013 mit dem Architekten Walter Mizera besichtigt habe, ideal dafür. Dann ging alles ganz schnell:
Notartermin, Finanzierungsgespräche, Baugenehmigung. Anfangs hatte ich vom gesamten Mühlenkomplex nur dieses Lager im Blick, liebäugelte aber bereits mit wenigstens einem der zwei Mühltürme. Bis mein Bischheimer Nachbar und Freund Volker Kaiser meinte: Ja, dann kauf doch gleich alles. So kam es, und wir zwei Verrückten machten uns ans Werk. Von Vorteil war, dass wir auf Bestandsplanungen der Vorbesitzer Müller & Mizera zurückgreifen konnten und dass die Mühle in einem geförderten Sanierungsgebiet lag.
In welchem Zustand war die Getreidescheune?
Die Substanz war hervorragend, stabil, die Holzkonstruktion beeindruckend. Zwar regnete es durchs Dach, das mussten wir erneuern, ebenso wie die Haustechnik und dann natürlich die Räume theatergerecht umbauen. Aber insgesamt blieb der Sanierungsbedarf überschaubar. Was mich an dem Gebäude, das wohl so um 1900 errichtet wurde, fasziniert, ist, dass es fast keinen rechten Winkel darin gibt, es ist einfach alles schief. Wichtig war mir, dass die Mühlentechnik von der Trichterhalle im Erdgeschoss bis zum Theatersaal oben erhalten und sichtbar bleibt, das Haus seine Seele behält.
Sie hegen, wie man spätestens seit Ihrem Programm „Lauter Experte!“ weiß, eine gewisse Abneigung gegen Leute, die fix mit Ihrer Meinung sind, was geht und was nicht. Wie war das beim Theaterbau?
Mit Architekten und Handwerkern, die sich auf unsere Vorstellungen eingelassen haben, haben wir alle wichtigen Grundlinien festgelegt, dann aber mit wenigen Leuten vieles auch selber gemacht. Ich war mein eigener Bauleiter. Die Umbaukosten für die Scheune blieben so bei 600.000 Euro, das kann man heute kaum noch glauben.
Und als fast alles geschafft war vor der ersten Vorstellung am 15. Mai 2015, gab’s noch ein schwerwiegendes Problemchen: den Bechstein-Flügel in den Theatersaal unterm Dach zu kriegen ...
Ihn mit einem Kran hochzuheben, wie ich dachte, ging nicht. Also schoben acht Leute das schwarze 680-Kilo-Monster hochkant mit einer Schlitten-Konstruktion auf der neu angebauten Fluchttreppe nach oben. Nur die Kurve ins Gebäude kriegten wir nicht, deshalb musste das Geländer nochmal abgeschraubt werden. War Zentimeter-Arbeit, hat aber funktioniert.
Sie begrüßen Ihre Besucher vertraut als „Liewe Leit“. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Publikum beschreiben?
Ich möchte, dass wir alle zusammen einen schönen Abend verbringen. Mein Publikum hat treu alle meine Wandlungen über die Jahre mitgemacht – von Fasnacht und Comedy hin zu mehr politischem Kabarett und Satire, von Tralala-Liedern zu ernsteren Songs. Und es ist offensichtlich einverstanden damit, wenn ich an die bisher 60.000 Gäste in 313 fast immer ausverkauften Vorstellungen im Kerchemer Theater denke. Viele sind Wiederholungstäter, kommen oft in größeren Gruppen und nehmen weite Wege für diesen Abend in Kauf.
Wieviele Auftritte absolvieren Sie im Jahr?
Ungefähr 150. Sie verteilen sich zu je einem Drittel auf meine Theater in Kirchheimbolanden und Mainz sowie auf Gastspiele andernorts.
Wie lang im Voraus sind die 200 Plätze in Kirchheimbolanden momentan ausverkauft?
Bis auf wenige Einzelplätze die nächsten vier bis fünf Monate. In Mainz ist die Wartezeit noch etwas länger.
Wer hilft Ihnen, die ganzen Abläufe zu stemmen?
Vor allem die beste Frau an meiner Seite, Carmen Maleiner, die einiges mit mir mitmacht. Aber auch Klaus Menges, ebenfalls ein alter Freund aus Bischheimer Tagen, der in der Mühle wohnt, ist immer da und für alles zu gebrauchen. Den Thekendienst übernehmen treue, zuverlässige, immer gut gelaunte Aushilfen. Bleibt dann nur noch das bisschen Arbeit für mich, die Programme zu schreiben, das sind jedesmal so 60 Din-A4-Seiten.
In der Corona-Zeit wurde das Theater dichtgemacht. Ein Udo-Jürgens-Projekt, das Ihnen am Herzen lag und reif für die Premiere war, blieb auf der Strecke. Ebenso die Feier zum fünften Theater-Jubiläum. Haben Sie es damals bereut, sich auf das Abenteuer Theater eingelassen zu haben?
Nein, das nicht. Aber man fängt an, an vielem zu zweifeln. Ich bin Demokrat und Grundgesetz-Liebhaber. Was damals abgelaufen ist, hat mein Vertrauen gründlich erschüttert. Vernünftige, auch kritische Meinungen wurden nicht mehr gehört, solche Leute wurden einfach abgekanzelt. Eine wirkliche Aufarbeitung der Fehler von damals findet nicht statt. Manche Politiker, die in dieser Zeit weitreichende, sehr zweifelhafte Entscheidungen getroffen haben, kümmert das bis heute wenig.
Mir scheint, dass Ihre Programme seit den Lockdowns nachdenklicher, auch härter geworden sind. Sie ermuntern dazu, nicht jeder Obrigkeitsvorgabe ohne eigenes Denken zu folgen, sondern mit normalem Menschenverstand zu agieren. Sie appellieren auf Ihre Weise, dass wir wieder zusammenfinden sollen anstatt uns in kontroverse Grüppchen zu spalten. Aber auch und vor allem daran, dass wir uns nicht die Freude am Leben, am Lachen nehmen lassen. Teilen Sie diesen Eindruck?
Er ist auf den Punkt gebracht. Aber ich bin auch sehr dafür, schlechte Stimmung nicht zu übertreiben. Etwas mit Humor oder satirisch zu nehmen, kann befreiend sein. Neulich hat jemand nach der Vorstellung gesagt: Das war jetzt zwar nicht zum Lachen, trotzdem gehe ich optimistischer nach Hause.
Apropos Lachen: Worüber lachen Sie eigentlich gern?
Über ziemlich viel, besonders gern über Missgeschicke im Alltag. Vielleicht demnächst über Sandsteintreppenwitze nach dem Motto „Wann mer so bleed is...“
Ihr Markenzeichen ist die Pfälzer Mundart. Haben Sie ein Pfälzer Lieblingswort?
Das wechselt, das meiste stammt aus dem Schimpfwortschatz meiner Oma: Dollbohrer oder – besonders schön – Seltenfröhlich. Im Moment ist es Hoschbes, ein schusseliger, bisschen absonderlicher Mensch.
Ein anderes Markenzeichen ist die hausgemachte Musik. So lag es auch nahe, zum Jubiläum „Ramons Lieder aus zehn Jahren“ zu präsentieren – und zwar mit Band. Aber was macht nun der Hauptakteur, der Mann mit der lädierten rechten Hand?
Der beschränkt sich aufs Singen und wird am Flügel von Hans-Joachim Barth vertreten – bei allem Pech ein großer Glücksfall. Wie die fünf Profimusiker überhaupt, für die zehn meiner ungefähr 60 Eigenkompositionen neu arrangiert wurden. Na, und vielleicht kann ich ja doch noch was mit links auf den Tasten machen.
Ein Blick übers Jubiläum hinaus: Auf „Alles dorschenanner“ soll als Bühnenprogramm Nummer zwölf im August ein fast tröstliches „Es werd als besser“ folgen. Verraten Sie uns schon mal, wie wir aus dem Durcheinander herauskommen und woraus sich Ihr Optimismus nährt?
Es gibt, ganz klar, vieles, was nicht gut läuft bei uns. Aber es gibt auch vieles, was besser läuft, als wir es im Alltag manchmal wahrnehmen. Ich habe das jetzt wieder dankbar bemerkt bei der Betreuung im Kerchemer Krankenhaus. Wir müssen uns als Land und auch als Menschen wieder auf unsere Stärken besinnen, stolz und zupackend anstatt Jammerlappen sein, Wege finden, um mit veränderten Situationen in der Welt klarzukommen. Auch Menschlichkeit ist unsere Stärke, es gibt sie viel öfter als wir denken. Klingt jetzt ein bisschen nach Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, aber ich kann versprechen, dass es bei mir spaßiger wird.
Info
Das Jubiläum beginnt am 15. Mai mit einem „Ehrenabend“ für geladene Gäste. In einer Talkrunde mit Sebastian Stollhof (SWR) werden das Theater und seine „Macher“ gewürdigt. In einer Jubiläumsbroschüre hat der bekennende Pedant Chormann Zahlen aus zehn Jahren aufgelistet: 38.400 Minuten Bühnen-Gebabbel, 10.000 Liter Begrüßungssekt für Besucher, 800 Kästen Bier in der Bauphase. Die Abende „Ramons Lieder aus zehn Jahren mit Band“ am 16. und 17. Mai sind ausverkauft. Trösten kann man sich aber mit einer neuen CD, für die elf Lieder in Orchester-Arrangements eingespielt wurden. Außerdem liegt zum Jubiläum eine Doppel-CD des aktuellen Programms „Alles dorschenanner“ vor, es ist der zweistündige Mitschnitt einer Vorstellung in Limburg. Zum Frühschoppen mit den Kuckucksmusikanten Enkenbach in der Trichterhalle wird für Sonntag, 18. Mai, ab 11 Uhr eingeladen. Karten hierfür gibt es über das Theater.