Zell Quereinsteiger mit Leidenschaft fürs Kochen lassen „Schwarzen Herrgott“ neu erstehen

Karin Hellert und Michael Grünewald vor dem Schwarzen Herrgott, der ehemaligen Villa der Familie Golsen, in Zell.
Karin Hellert und Michael Grünewald vor dem Schwarzen Herrgott, der ehemaligen Villa der Familie Golsen, in Zell.

Nach längerem Leerstand herrscht seit knapp zwei Jahren im „Schwarzen Herrgott“ in Zell wieder Betrieb. Dabei sind Geschäftsführerin Karin Hellert und ihr Lebensgefährte Michael Grünewald ursprünglich gar nicht vom Fach. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum es so gut läuft.

Vor drei Jahren haben Karin Hellert und Michael Grünewald die traditionsreiche Villa Golsen in Zell gekauft. Das Haus, 1888 erbaut, ist landläufig besser bekannt als „der Schwarze Herrgott“. Unter diesem Namen, er kommt von der gleichnamigen Weinlage im Zellertal, diente es jahrzehntelang als Restaurant – manchmal mit, manchmal ohne Hotelzimmer, manchmal mit mehr, manchmal mit weniger Erfolg betrieben.

Die neuen Besitzer haben dem Anwesen bereits ihren Stempel aufgedrückt. „Coronabedingt konnten wir nicht unmittelbar nach dem Kauf öffnen, also haben wir die Zeit genutzt, um umzubauen“, sagt Hellert. Keiner von beiden kommt aus der Branche. Grünewald hat als Versicherungskaufmann seine Brötchen verdient, während Hellert, geboren in Halle an der Saale und in Frankfurt an der Oder aufgewachsen, viele Jahre als freiberufliche Grafikerin und Buchillustratorin tätig war. Grünewald, der aus Worms-Pfeddersheim stammt, kennt Zell schon seit seiner Kindheit. „Meine Oma hat in Wachenheim gewohnt. Der Witz ist, ich kenne den Schwarzen Herrgott eigentlich von klein auf, denn ich habe meinen Onkel oft beim Weinausfahren begleitet. Da hinten im Hof hat eine alte Frau Eis verkauft, da durfte ich mir immer für 50 Pfennig eins holen.“

In der ausgebauten Remise im Hof.
In der ausgebauten Remise im Hof.

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Inzwischen sind die beiden Quereinsteiger Gastronomen aus Leidenschaft. „Bei uns gibt es keine Pommes mit Schnitzel“, macht Michael Grünewald unmissverständlich klar. Vielmehr wollen beide „etwas tun, das uns wirklich Spaß macht“, und das ist nun mal das Kulinarische. „Wir haben oft für Freunde gekocht, bekamen dafür sehr viel Anerkennung, sodass wir irgendwann beschlossen haben, das in größerem Rahmen zu machen“, sagt Hellert.

Einmal geöffnet, hat der Betrieb schnell Fahrt aufgenommen. Das einzige Problem, das es anfangs gab, betraf das Personal: „Es war, auch wegen Corona, zuerst schwer, gute Leute zu bekommen.“ Inzwischen haben die beiden aber „vier junge Helfer, die nach Bedarf eingesetzt werden und voll mitziehen, mit denen können wir auch mal größere Aktionen machen“. Worauf sie Wert legen: „Wir bezahlen unsere Leute anständig – und zwar über dem Mindestlohn. Dann kommen sie auch gerne zur Arbeit.“

„Wohnzimmer“, „Fine Dining“ und Übernachtungen

Derzeit steht das Familienunternehmen Schwarzer Herrgott – auch Hellerts 13-jähriger Sohn Magnus ist im Servicebereich schon sehr engagiert – hauptsächlich auf drei Säulen: „Fine Dining“, „Michels Wohnzimmer“ und Übernachtungen. Am Herd stehen nur die Gastgeber selbst. „Auf der Speisekarte haben wir hausgemachte saisonale Spezialitäten. Die Weine kommen von den umliegenden Weingütern“, erläutert Grünewald. Eine Spezialität der Küche ist Wild, „vom Hausjäger“, wie er betont, eine weitere sind vegetarische und vegane Gerichte – und zwar, so Hellert, „ohne erhobenen Zeigefinger“. Die Produkte, auch die veganen, sollen für sich selbst stehen und so auch Skeptiker überzeugen. „Wir haben mal spaßeshalber zum Wild eine vegane Rote-Bete-Sauce angeboten, davon waren die Gäste begeistert, ganz ohne dass wir die irgendwie als vegan beworben hätten.“ Auch das Brot und die Brötchen, unter anderem für das Frühstücksbuffet, backen die beiden selbst.

„Zwanglos wie zu Hause“

„Michels Wohnzimmer“ ist an jedem ersten Donnerstag und Freitag im Monat (außer im August) geöffnet. Gegessen wird à la carte, die Speisekarte gibt es erst am Abend selbst. Dabei stehen die Gerichte in zwei verschiedenen Portionsgrößen zur Verfügung, sodass sie entweder zusammen als Drei-Gänge-Menü bestellt werden können, oder einmal in Groß, wenn es nur ein Hauptgang sein soll. „Wichtig ist, dass die Gäste sich dabei wohl fühlen. Es geht um Genuss, Liebe zum Produkt, Zwanglosigkeit, eben wie zu Hause im Wohnzimmer, daher auch der Name“, sagt Grünewald. Eine Reservierung ist übrigens dringend empfohlen. Bei schönem Wetter kann das Ganze auch in den Hof verlegt werden. Die ausgebaute Remise dient dann als „Hofwohnzimmer“.

Mehrgangmenüs mit Pianobegleitung

Den Gegenpol bildet das „Fine-Dining“-Angebot: In unregelmäßigen Abständen, aber maximal einmal im Monat. Das Besondere sind dabei speziell zusammengestellte, mehrgängige Menüs bei Pianobegleitung und thematisch der Jahreszeit angepasst, die für gehobene Ansprüche keine Wünsche offen lassen sollen. Ab acht Personen kann man auch ein ganz privates Fine Dining buchen.

Eines der drei Gästezimmer.
Eines der drei Gästezimmer.

Die 60 Quadratmeter große Ferienwohnung mit Platz für vier Personen befindet sich im Obergeschoss des Gästehauses, dem ehemaligen Heimatmuseum, außerdem gibt es noch drei Doppelzimmer, bei deren Gestaltung die Hand der Grafikerin deutlich zu erkennen ist. „Nächtigen wie die Altvorderen“ nennt sich das auf der eigenen Homepage – und tatsächlich haben die Zimmer einen deutlich nostalgischen – aber nicht altmodischen – Touch.

In die Werbung musste das Paar übrigens bisher noch nicht allzu viel investieren – „es geht viel über Empfehlungen, zum Beispiel auch über die umliegenden Weingüter“, sagt Karin Hellert. Trotzdem beteiligt sich der Schwarze Herrgott an verschiedenen Tourismusinitiativen der Region, unter anderem auch an einem Projekt des Vereins „Zellertal aktiv“, bei dem verschiedene Unternehmen, etwa auch Weingüter, durch ein gemeinsames Logo auf sich aufmerksam machen wollen.

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