Donnersbergkreis
Pflanzenexperte Andreas Raschke rät zu mehr Gelassenheit im Garten
Herr Raschke, kommen wir doch gleich zur beliebten Frage: „Mein Garten soll pflegeleicht, aber auch insektenfreundlich sein.“ Ist das überhaupt vereinbar?
Sehr schöner Widerspruch, der aber gar keiner ist. Je insektenfreundlicher ich einen Garten gestalte, desto pflegeleichter ist er. Mit frei wachsenden Stauden und Blühsträuchern kann ich alle intensiv zu bearbeitenden Flächen dauerhaft pflegeleicht halten. Aufwendige Rasenflächen oder auch Sichtschutz aus immergrünen Lorbeerkirschen, Thujas oder Photinias machen nur Arbeit. Sie bringen aber für die Biodiversität fast nichts. Viele dieser arbeitsintensiven Gestaltungselemente werden ohnehin der Vergangenheit angehören. Stichwort: Thuja-Sterben. In klimaresilienten Gärten haben diese Pflanzen keine Zukunft.
Erleben Sie im Donnersbergkreis besondere Herausforderungen an Gartenbesitzer?
Wir haben eigentlich keine wesentlich anderen Probleme als in anderen Regionen Mitteleuropas. Worauf ich immer wieder hinweise: Wir in der Nordpfalz haben zwar Sommertemperaturen wie in der milden Vorderpfalz. Viele der mediterranen Gewächse, die dort wachsen, fallen aber hier oben den Spätfrösten oder der Winternässe zum Opfer.
Haben Sie einen Rat im Umgang mit der aktuellen Schneckenschwemme? Viele Hobbygärtner berichten von einer regelrechten Plage.
Ich rede da lieber nicht von Plagen. Schnecken sowie Raupen oder Käferlarven vermehren sich in warmen, feuchten Wintern immer überproportional. Darauf können sich Hobbygärtner sehr gut vorbereiten, indem Gemüsepflanzen vorsorglich mit einem Schneckenzaun umgeben werden. Schnecken sind überaus nützliche Tiere. Sie tragen mit den Regenwürmern zu einem stabilen Bodengefüge bei und helfen uns bei der Entwicklung eines gesunden, guten Bodens. Sie sind Teil des Biodiversitätskreislaufs. Schnecken werden von allerlei Prädatoren gefressen. Es ist also erst einmal gar nicht schädlich, wenn es viele Schnecken gibt. Es geht darum, die Pflanzen, die ich erhalten will, von den Schnecken fernzuhalten und gleichzeitig die Schnecken für die Räuber übrig zu lassen. Also sorge ich im Gemüsegarten für schneckenfreie Zonen, aber die angefressenen Blätter der Pfingstrose sind Teil des ökologischen Systems Garten.
Wie beurteilen Sie die aktuellen Gartentrends, wie sie gerne in den Hochglanzkatalogen der Gartenmärkte vorgestellt werden?
Der Schottergarten ist nach wie vor nicht aus den Köpfen zu bekommen. Sprechen Sie mit einem Gärtner. Lassen Sie sich beraten. Dass Schotterflächen und auch ungenutzte Pflasterflächen ebenso von der Natur zurückerobert werden, sieht man nach drei bis fünf Jahren. Und dann ist das Gejammer groß, was denn das effektivste Mittel gegen Unkraut in den Fugen ist. Dabei ist es einfacher denn je. Weg vom zwanghaften „sauber und steril“. Ändern Sie Ihre Sichtweise. Das Gute ist das Grüne in der Fuge, das schlechte ist der Pflasterstein drum herum. Er zerstört in der Produktion unser Klima, er sorgt für Hitzestau und Überschwemmungen.
Dazu gehört ja auch der positive Trend zum insektenfreundlichen Garten, den wir schon angesprochen haben. Ihre Empfehlung?
Halten Sie es aus, dass Wanzen und Käfer Blätter fressen. Dass erst die Läuse an den Pflanzen saugen müssen, bevor die Marienkäfer und Florfliegen kommen. Dort, wo Bienen, Hummeln und Wespen fliegen, kann auch mein Kind mal gestochen werden. Es tut nur weh, das geht vorüber. Gelassenheit und Toleranz hilft nicht nur im Miteinander der Menschen, es hilft auch im Miteinander der Natur.
Immer häufiger hört man von Warnungen vor invasiven Pflanzenarten. Wie beurteilen Sie das?
Die Menschen möchten etwas für die Vielfalt tun und kaufen im Supermarkt oder Baumarkt extra angepriesene insektenfreundliche Pflanzen. Oft werden Billigpflanzen in anderen Ländern und Regionen angezogen, um hiesige Gesetze zu umgehen. So kann es passieren, dass eine Pflanze in der Produktion so mit Gift getränkt wurde, dass Insekten von der vermeintlich insektenfreundlichen Pflanze vergiftet werden. Das wurde schon wissenschaftlich untersucht, und leider gibt es solche Vorfälle immer wieder. Die Schweiz hat aus diesem Grund gerade den populären Sommerflieder auf die Rote Liste gesetzt.
Hinzu kommt: Eine Pflanze, die in konventioneller Anbaumethode in Torftöpfen mit chemischer Düngung produziert wurde, hat alleine durch die Produktion eine negative Klimabilanz. Pflanzen sind also nicht per se die Retter des Klimas. Man muss schon drauf schauen, was man und wo man es kauft.
Welche Kardinalfehler beobachten Sie bei Gartenbesitzern?
Sich zu viel von Bildern in Zeitschriften und Werbung beeinflussen zu lassen. Den „englischen Rasen“ gibt es nur in England – und Irland –, aber nicht in der Nordpfalz. Die Toskana liegt südlich der Alpen und nicht in der Nordpfalz. Bunte Rhododendronparks und Hortensienbeete funktionieren nur perfekt in atlantisch beeinflussten Klimaregionen. Das funktioniert nicht in den sommerheißen Gebieten rund um den Donnersberg. Mit Glück in feuchten Flusstälern, aber keinesfalls in der Rockenhausener Bergstadt.
Gibt es Fragen, die Sie besonders häufig gestellt bekommen?
Nun, vieles, was ich oben schon angesprochen habe. Oft sind es innere Konflikte, die man nicht auflösen kann. Vermeintliche Zwänge und Bedürftigkeiten, die man erst nach genauer Betrachtung bereit ist, fallen zu lassen. Muss die Rose gespritzt werden? Wie oft dünge ich meinen Rasen? Warum ist der gelb, obwohl ich jedesmal Blaukorn darauf werfe? Warum wächst meine Pflanze nicht so, wie ich es will? Oft ist das Problem gar keines des Gartens, sondern eines des Gartenbesitzers.
Haben Sie eine ganz persönliche Empfehlung im Umgang mit dem eigenen Garten?
Wir müssen uns sowohl beim Thema Klimawandel als auch bei dem extremen Rückgang der vielen verschiedenen Lebewesen in unserer Sichtweise den verändernden Bedingungen stellen. Ein wenig mehr Wissen und Bewusstsein zulassen. Ein wenig mehr Gelassenheit an den Tag legen. Aber ganz wichtig: Ein deutlich geringeres Eingreifen in ökologische komplexe Zusammenhänge ist jetzt notwendig, um das zu retten, was noch zu retten ist.
„Tag der offenen Gartentür“ im Donnersbergkreis
Von 10 bis 18 Uhr öffnen am Sonntag, 30. Juni, auch im Donnersbergkreis einige Gartenbesitzer ihre Türen:
Albisheim: Sigrid und Klaus Rinne, Donnersberger Straße 18
Niederhausen: Monika Liebig, Schulstraße 15
Ramsen: Annerose und Fritz Bär, Wiesenstraße 12, Telefon 06351 42449
Rüssingen: Sibylle und Thomas Raichle, Gaubergstraße 5
Standenbühl: Gabi und Ludwig Gaß, Kaiserstraße 9 a, Telefon 06357 1691
Winterborn: Familie Hübner, Steinstraße 3