Schneebergerhof RHEINPFALZ Plus Artikel Pflanzen bei die Fische: Matthias Willenbacher plant Zentrum für Nachhaltigkeit

Aquaponik-Anlagen nutzen das Wasser aus Fischbecken, um Pflanzen zu düngen. Ein solches Kreislauf-System – hier zu sehen im Berl
Aquaponik-Anlagen nutzen das Wasser aus Fischbecken, um Pflanzen zu düngen. Ein solches Kreislauf-System – hier zu sehen im Berliner Leipniz-Institut – ist auch auf dem Schneebergerhof geplant.

Ein Nachhaltigkeitszentrum mit Herberge, Restaurant, Seminarräumen und Lebensmittelproduktion: Der Nordpfälzer Windrad-Pionier Matthias Willenbacher hat auf dem Schneebergerhof Großes vor. Nicht zuletzt den Bau einer Aquaponik-Anlage.

„Matthias Willenbacher ist hier aufgewachsen. Natürlich ist das für ihn nicht irgendein Investment, sondern ein sehr persönliches, emotionales Vorhaben“, sagt Andreas Blatt, wissenschaftlicher Leiter der Firma Wifood Center. Birte Reichert, die das operative Geschäft des noch jungen Unternehmens führt, nickt zustimmend.

Die beiden sitzen auf der Terrasse von Willenbachers Elternhaus, im Hintergrund sind die Rotoren des Windparks Schneebergerhof zu sehen. Die erste Anlage – nicht nur im Gerbacher Ortsteil, sondern überhaupt in der Nordpfalz – hat der spätere Juwi-Gründer 1996 errichtet. Mit verschiedenen Unternehmen sowie der Unterstützung zahlreicher Start-ups hat sich der 53-Jährige den Themen Erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit verschrieben.

Andreas Blatt leitet das von Matthias Willenbacher initiierte Projekt, ist aber auch in den Obst- und Gemüseanbau involviert. Hi
Andreas Blatt leitet das von Matthias Willenbacher initiierte Projekt, ist aber auch in den Obst- und Gemüseanbau involviert. Hier präsentiert er im Gewächshaus eine neue Sorte: Melonenbirnen.

Viel Ertrag auf kleiner Fläche

Nach dem Tod seiner Eltern vor einigen Jahren hat er auf einem zu dem Anwesen gehörenden Feld mit dem ökologischen Anbau von Lebensmitteln ausschließlich in Handarbeit begonnen. 1000 Quadratmeter werden aktuell nach den Prinzipien der regenerativen Permakultur – auch unter dem Begriff Market Gardening bekannt – von drei Beschäftigten bewirtschaftet: „Die Pflanzen stehen dicht an dicht, um möglichst viel Ertrag auf kleiner Fläche zu erzielen – ohne dabei den Boden zugrunde zu richten sowie unter Berücksichtigung sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit“, erläutert Blatt.

Charakteristisch sei dabei die große Diversität. „Über das Jahr bauen wir mehr als 40 Sorten an, haben stets um die zehn verschiedenen Kulturen gleichzeitig in Ernte“, ergänzt Reichert. Und ständig werde Neues probiert. „In dieser Saison haben wir etwa neben Tomaten, Paprika oder Chili erstmals mexikanische Mini-Gurken sehr erfolgreich vermarktet“, sagt Blatt und pflückt beim Gang durch das auf dem Feld stehende Gewächshaus ein Exemplar der „Mäusegurken“ von einer Ranke. „Sie lassen sich wunderbar mit verschiedenen Dips snacken“, so der studierte Molekularbiologe, der sich auch mit Pflanzenphysiologie beschäftigt hat und 2019 – unter anderem durch den gemeinsamen Wohnort Bretzenheim – mit Willenbacher in Kontakt gekommen ist. „Wir haben schnell festgestellt, dass wir die gleichen Vor- und Einstellungen beim Thema Nachhaltigkeit haben.“

Im Gewächshaus ranken sich allerlei Gemüsesorten – in dieser Saison erstmals auch mexikanische Mini-Gurken.
Im Gewächshaus ranken sich allerlei Gemüsesorten – in dieser Saison erstmals auch mexikanische Mini-Gurken.

Frische-Kiste wird frei Haus geliefert

Der Ackerbau-Zweig – offiziell handelt es sich um ein eigenständiges Unternehmen namens Obst- und Gemüseanbau Matthias Willenbacher, das gleichwohl inhaltlich und personell mit Wifood verzahnt ist – soll ausgebaut werden. „Mit Carsten Schwer haben wir dafür kürzlich einen Betriebsleiter mit 40 Jahren Erfahrung in der Landwirtschaft eingestellt“, berichtet Reichert. Nach einer Winterpause wird im Frühjahr auch wieder die im Sommer eingeführte Frische-Kiste angeboten, bei der Kunden aus der Region jede Woche die gerade verfügbaren Gemüsesorten frei Haus geliefert bekommen.

Apropos Kunden: Hier sehen Blatt und Reichert ebenfalls noch Potenzial. „Der Kontakt ist zwar sehr persönlich, manche ernten ihre Waren sogar selbst. Aber der Hof ist nun mal abgelegen, die Leute kommen nur gezielt vorbei.“ Zu den Abnehmern gehören auch Online-Handel von regionalen Lebensmitteln wie Marktschwärmer und Lokalkost. Aber auch hier sei noch Luft nach oben.

Neben dem Gemüseanbau gehört auch eine Streuobstwiese zu dem Betrieb von Matthias Willenbacher.
Neben dem Gemüseanbau gehört auch eine Streuobstwiese zu dem Betrieb von Matthias Willenbacher.

Gemüse- und Speisefischproduktion geplant

Insgesamt sind das aber eher kleine Fische im Vergleich mit dem Projekt, das von Wifood Center auf dem Grundstück realisiert werden soll. Wobei das mit den Fischen wörtlich zu nehmen ist: Denn neben Seminarräumen mit Übernachtungsmöglichkeiten und einem Restaurant ist auch eine Anlage für eine „innovative und ressourcenschonende Gemüse- und Speisefischproduktion“ geplant – so steht es im Entwurf des Bebauungsplans, mit dem der Gerbacher Gemeinderat gerade befasst ist. „Matthias Willenbacher hatte schon länger die Idee, ein Zentrum für Nachhaltigkeit in vielen Facetten zu schaffen. Ab 2019 wurden die Überlegungen konkreter“, erzählt Blatt.

Zu dem Konzept gehöre aber nicht nur die Erzeugung von Lebensmitteln, sondern auch die Aufklärung darüber. „Wir möchten Bildungsangebote zu Themen wie regenerative Landwirtschaft, erneuerbare Energie, nachhaltiges Bauen oder E-Mobilität machen.“ Inklusive Führungen auf dem Hof – sei es für Kitas, Schulen, Erwachsene oder Firmen. Nicht allein durch Wissensvermittlung, sondern zusätzlich mit Blick auf die Produktion lasse sich im Bewusstsein der Menschen etwas ändern, so die Überzeugung dahinter.

Kombination aus Fischzucht und Anbau von Pflanzen

Ermöglichen soll das eine Aquaponik-Anlage. Bei dieser aufstrebenden Methode handelt es sich um eine Kombination aus Fischzucht und dem Anbau von Pflanzen ohne Erde. Dabei wird das Prozesswasser der Fische durch Umwandlung des ausgeschiedenen Ammoniums in Nitrat zum Düngen der Pflanzen verwendet, dadurch gereinigt und ins Becken zurückgeführt – es entsteht ein Kreislauf, der keine landwirtschaftlichen Nutzflächen beansprucht, zudem Düngemittel einspart sowie den Wasserverbrauch und die Abwasserbelastung erheblich senkt.

Dieser Technologie werden erhebliche Vorteile – so lässt sich etwa unabhängig vom Klima an vielen Standorten sowie auf unterschiedlich großen beziehungsweise kleinen Flächen produzieren –, aber zugleich noch etliche Schwierigkeiten zugeschrieben. So sei für die Abstimmung, welche Fische gut mit welchen Pflanzen und in welcher Menge kombiniert werden können, hohes Fachwissen erforderlich, betont Blatt: „Das Spektrum reicht von einfachen Faustregeln bis hin zu komplexen Rechenmodellen.“ Und es gebe bislang nur wenige Spezialisten , die sich mit beidem auskennen.

Neben dem Feld, wo jetzt noch ausrangierte Ständer von Solarmodulen stehen, soll das Gewächshaus mit der Aquaponik-Anlage errich
Neben dem Feld, wo jetzt noch ausrangierte Ständer von Solarmodulen stehen, soll das Gewächshaus mit der Aquaponik-Anlage errichtet werden.

Ein Viertel Fisch, drei Viertel Pflanzen

Dennoch sind Blatt und Reichert überzeugt, dass die Aquaponik „perfekt in unser Konzept passt und unser Profil schärft“. Denn noch gibt es in Deutschland nicht allzu viele Anlagen, die Mehrzahl in Nord- und Ostdeutschland. Und durch Einbezug der aktuellen Forschung soll das System auf dem Schneebergerhof „einen Schritt weiter als die bestehenden gehen“, so Blatt, der bei der Planung von der Aquaponik-Manufaktur unterstützt wurde. So ist es beispielsweise eine Option für Wifood, nicht nur auf eine, sondern auf zwei Fischarten zu setzen.

Bei den Pflanzen ist im Unterschied zu anderen, auf Monokulturen setzende Anlagen ebenfalls Vielfalt vorgesehen. „Ein Viertel Fischhaus, ein Viertel für Rank-, zwei Viertel für Blattgemüse“ – so stellt sich Blatt die Aufteilung vor. Er und Reichert hoffen, dass 2023 mit dem Bau begonnen werden kann. Dazu werde neben dem Gemüsefeld ein etwa 1700 Quadratmeter großes Gewächshaus entstehen, das natürlich mit „grün“ gewonnener Energie versorgt wird. Blatt fasst das Ganze wiefolgt zusammen: „Wir wollen zwar das Rad nicht neu erfinden – aber es soll besonders rund laufen.“

Gebäudeumbau muss vermutlich noch warten

Vermutlich nicht ganz so schnell drehen wird sich das Rad in Sachen Seminar- und Beherbergungszentrum. Zwar existierten bereits Pläne für den Umbau der bestehenden Gebäude auf dem Hof Willenbacher, und mit Peter Kummermehr habe Wifood einen auf nachhaltiges Bauen spezialisierten Architekten an der Seite. Aber, so Blatt, bei der aktuellen Situation in der Baubranche „ist es fast unmöglich, Prognosen abzugeben – sowohl was den Zeitrahmen als auch was die Kosten anbelangt“.

Eventuell müsse man dabei Schritt für Schritt vorgehen, ergänzt Reichert: „Denkbar ist, zunächst einen Verkaufsraum für den Landwirtschaftsbereich und ein kleines Café einzurichten.“ In ein, zwei Jahren sehe die Situation vielleicht wieder besser aus. Von einem sind aber beide überzeugt: Matthias Willenbacher wird die ambitionierten Pläne auf „seinem“ Schneebergerhof weiterverfolgen – und zwar nachhaltig.

x