Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Orgelsommer: Zsigmond Szathmáry überzeugt beim Abschlusskonzert

Zsigmond Szathmáry überzeugte mit spektakulären Kompositionen.
Zsigmond Szathmáry überzeugte mit spektakulären Kompositionen.

Zum Abschluss des Orgelsommers gab Zsigmond Szathmáry aus Freiburg am Sonntag in der Paulskirche in Kirchheimbolanden ein Konzert. Neben Bach, Buxtehude und Mozart spielte er auch eigene spektakuläre Kompositionen.

„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, skandierte einst Schlagerstar Udo Jürgens. Was hätte er erst getextet und komponiert angesichts der „neuen“ 80-Jährigen, die in der Kulturszene heute für Furore sorgen? Zum Beispiel der 81-jährige Konzertpianist Robert Leonardy, der neben konzertanten Höhenflügen und pädagogischen Tätigkeiten ein Youtuber und Entdecker digitaler Medien ist. Oder der ebenfalls 81-jährige, in Ungarn geborene Konzertorganist Zsigmond Szathmáry, der am Sonntag in der protestantischen Paulskirche Kirchheimbolanden seine klingende Visitenkarte abgab. Szatmáry wirkte bislang in Hamburg, Bremen und Köln als Organist, ist ebenfalls ein internationaler Globetrotter als Solist, ein vielfach beachteter Komponist und Dozent.

Beide gehören noch der Generation an, die einen solch künstlerischen Beruf aus Berufung ausüben. Der Organist beispielsweise widmet sich mit niemals nachlassender Intensität und schöpferischer Lebenskraft unermüdlich seiner Vervollkommnung in Interpretation und Komposition. Dies führte beim Abschlusskonzert des diesjährigen Orgelsommers nach tagelanger Auseinandersetzung mit der Bauart der historisch bedeutenden Stumm-Orgel und der besonderen Akustik vor Ort zu einer interpretatorischen Offenbarung.

Barockmusik der Superlative

Konzipiert war das Orgelkonzert als eine Art klingendes Kompendium einer liturgischen und konzertanten Orgelmusik, die neben einer durchdachten Systematik auch Traditionslinien aufzeigte. Etwa zwischen Dieterich Buxtehude und Johann Sebastian Bach: Wie groß müssen Einfluss und Sogwirkung gewesen sein, wenn man sich vor Augen führt, dass einst Bach 400 Kilometer Fußmarsch auf sich nahm, um Buxtehude zu „behorchen“. Bach, damals 20 Jahre alt und schon Organist in Arnstadt, erhielt vierwöchigen Bildungsurlaub, kehrte aber erst nach vier Monaten zurück.

Beide Komponisten kultivierten das Gattungspaar aus Präludium und Fuge, zeigten im Präludium freie fantasieartige und damals experimentell anmutende kühne und rauschende Akkordkaskaden und virtuose Spielfiguren. Der Lehrmeister der norddeutschen Orgelschule fand in Bach seine Vollendung: Das Orgelkonzert am Sonntag machte bewusst, dass all das von Buxtehude ausgehende Gerüst von Bach nochmals mit neuem Geist und noch größerer Experimentierlust und Monumentalität erfüllt wurde. Eine Barockmusik also der Superlative, gespielt in vollendeter spieltechnischer Perfektion.

Große spielerische Klasse

Dagegen ist Orgelmusik zum liturgischen Gebrauch wie Zoltan Kodalys eher unbekannte Missa Brevis eine Gelegenheit für den erfahrenen Organisten die Messe zu illustrieren, zu begleiten, einzustimmen und zu zelebrieren. In subtilen klanglichen Schattierungen und lyrischen Kantilenen anstatt monumentaler Klangwirkungen.

Ebenfalls sind die Kirchensonaten Mozarts in der Übertragung auf Kirchenorgel problematisch: Sie atmen den Geist der damaligen Orchestermusik mit singenden Allegri und grazilen Ornamenten und verspielten Figurationen. Dies alles auf eine Orgel zu übertragen und adäquat zu realisieren und die verschiedenen Orchesterstimmen zu imitieren und gleichzeitig zusammen zu halten, erfordert große spielerische Klasse.

Fundierter Kenner der Musikgeschichte

Doch: Szathmáry ist ein Organist, bei dem sich jeder Zuhörer entspannt zurücklehnen kann, da stimmen die Tempi, da überzeugen die Interpretationen durch schlüssige Registrierung und durch werk- und stilgerechte Gestaltung in Artikulation, Agogik und feinster Ziselierung melodischer Linien. Da erfüllt jeder Ton seine präzise Funktion, fasziniert die subtile Koordination bei Mozart zwischen Melodie, Begleitung und Basslinien.

Der Organist stellte aber auch eine Auswahl seiner eigenen Kompositionen vor, die nicht nur Orgelmusik, sondern auch Werke für Soloinstrumente, Chor und Orchester beinhalten; sie haben ebenso „Hand und Fuß“. Will sagen: Dieser Organist ist ein fundierter Kenner der Musikgeschichte. Von barocken Soggetti, die als Keimzelle Sätze bilden, von klassischen Themenbildungen oder spätromantischen Kantilenen hat er Kenntnis und man hört dies heraus. Daher ist seine eigenwillige Komposition mit dem Titel „Mixtur“ kein Zufallsprodukt oder Ausdruck von experimenteller Musizierlust, sondern basiert auf intensivem Studium der Kompositionslehren und ihrer Werke.

Ausloten von Grenzen und Möglichkeiten

Über das Experimentelle hinaus haben die Abschnitte seiner zugegeben spektakulären Komposition aber eine klare Metrik, haben wie in der Musikgeschichte tonale Bezugspunkte und formale Gliederungen. Dennoch bewegt sich Szathmáry recht frei innerhalb dieser Strukturen, sprengt sie, löst sie auf, um sich letztlich doch zu diesen zu bekennen. Clusterähnliche Klänge und schroffe Klangwirkungen verlieren ihren Schrecken, wenn man sie vor dem Hintergrund ihrer historischen Entwicklung betrachtet. Letztlich vollendet der Organist eine Entwicklung, die schon bei Bach ihren Höhepunkt hat: Ausloten von Grenzen und Möglichkeiten.

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