Eisenberg
Nur online ein Reizthema? Lokal wird gegendert
Nein, auch wenn es so wirkt, ist das Gendern in der Sprache nicht erst in der Gegenwart ein Thema. Schon in den 1960er Jahren wurde versucht, durch den Schrägstrich, liebe Leser/innen, Frauen in der Sprache sichtbar zu machen. Das Binnen-I tauchte offenbar in den 1980er Jahren das erste Mal auf, das Sternchen in den 1990er Jahren und die Gender-Gap dann Anfang der Nuller Jahre, um buchstäblich zu unterstreichen, dass es eben nicht nur Mann und Frau gibt, sondern auch alle, die sich ganz anders definieren, miteinbezogen werden müssen. Doch gleich, welches Instrument en vogue war, ging es immer um das Sichtbar machen jener, die sich durch das generische Maskulinum unterdrückt fühlten. Aber: Ist das Gendern eher eine Twitter-Debatte, eine Scheindiskussion, die vor allem online geführt wird? Oder beschäftigt es die Menschen vor Ort tatsächlich?
Die 16-jährige Helena aus dem Donnersbergkreis besucht die elfte Klasse eines Gymnasiums und ist schon seit mehr als zwei Jahren politisch aktiv. „Ich setze mich dafür ein, dass sich alle Menschen willkommen fühlen“, sagt sie und nennt dabei folgendes Beispiel: „Wenn man beispielsweise von Polizist*innen spricht, fühlen sich Frauen und Mädchen einfach mehr angesprochen, als wenn nur von Polizisten gesprochen wird. Und sie versuchen eventuell auch, in diesem Beruf Fuß zu fassen.“
Helgo über tote Namen
Helena hat sich die Gendersprache auch im alltäglichen Sprachgebrauch angewöhnt und wendet sie an. „Wir sind eine Gruppe von rund zehn Jugendlichen, Jungs und Mädels, die sich bemühen, Sprache gendergerecht zu benutzen, wobei uns wichtig ist, dass sich neben Frauen auch Transgender angesprochen fühlen“, sagt sie. In der Praxis benutze sie das Sternchen oder lege beim Sprechen bei den entsprechenden Wörtern Sprechpausen ein. Von den Lehrern werde ab und zu auch die Gendersprache benutzt. „Ich selbst fühle mich nicht unbedingt weiblich, es ist mir egal, mit welchem Pronomen ich angesprochen werde“, so Helena.
In Genderkreisen bezeichne man die Namen, die man zur Geburt bekommen habe, als Death-Names, also tote Namen. Sie sagt: „Deshalb nenne ich mich jetzt auch nicht mehr Helena, sondern Helgo – so hat mich mein Bruder früher genannt – das ist neutral.“ Eine Freundin aus der Gendergruppe mit Namen Prisca nenne sich jetzt Robin, weil das auch ein neutraler Name sei.
Das sagt die Statistik
Keine Frage: Das Thema Gendern bewegt die junge Generation. Und es polarisiert. Laut einer neuen Studie des rheingold Instituts in Köln liegt das Verhältnis zwischen jenen, die geschlechtergerechte Sprache als störend empfinden und jenen, die sie als wichtig einstufen, bei etwa 50:50. Allerdings: Offenbar herrschte unter den Befragten auch große Unkenntnis darüber, was das Gendern eigentlich bezwecken sollte. Auch das Institut für Generationenforschung aus Augsburg kam 2021 zum Ergebnis, dass das Gendern nicht unbedingt ein Ding der ganz jungen Leute sei. Allerdings sei festzustellen, dass die Befragten bis 50 Jahre das Thema merheitlich wichtig finden, danach die Zustimmung aber sinke.
So positioniert man sich lokal
Lokal hat man offenbar ganz unterschiedliche Strategien, mit dem Thema umzugehen. Bei Gienanth in Eisenberg etwa sieht das so aus: „Stellenanzeigen werden selbstverständlich mit dem Kürzel m/w/d (männlich/weiblich/divers) versehen. In schriftlicher Form verwenden wir häufig Worte wie Mitarbeitende statt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, sagt Simon W. Geib, Prokurist bei Gienanth und Leiter der Unternehmensentwicklung und Projektmanagement. Beim Briefverkehr habe man es meist mit einem bekannten Ansprechpartner zu tun, wodurch sich die Frage selten stelle.
Und in der Verwaltung? Heike Sattler vom Fachbereich 1, Organisation und Finanzen der Verbandsgemeinde Eisenberg, berichtet, dass sich dem Thema in der VG angenommen wurde und im Schriftverkehr beispielsweise gegendert wird. „Eine hundertprozentige Anwendung, unter anderem auch in Bezug auf die Sprache, haben wir bisher noch nicht erreicht, da es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterschiedliche Meinungen zum Thema gibt und in Gesprächen die Umsetzung noch schwerfällt“, bestätigt sie. Nach Möglichkeit würden in der VG Eisenberg auch neutrale Formulierungen gewählt.
Sabine Schanz ist Gleichstellungbeauftragte der Verbandsgemeinde Eisenberg. Sie sagt: „Den Grundansatz finde ich richtig, alle Geschlechter, auch Diverse, sprachlich zu berücksichtigen und nicht per se das Maskulinum für eine heterogene Gruppe zu verwenden.“ Die Umsetzung sei allerdings teilweise schwer sprechbar und auch im Schriftverkehr umständlich beziehungsweise schwer praktikabel. „Aber die Sprache lebt, verändert sich und passt sich an. Grundvoraussetzung hierfür ist das Verständnis und die Akzeptanz für dieses Thema in der Bevölkerung“, meint sie. Sie gibt jedoch zu bedenken: „Wenn Frauen immer noch weniger Lohn für die gleiche Arbeit oder Position im Berufsleben bekommen als ihre männlichen Kollegen, wird es für die Frauen eher gleichgültig und unwichtig sein, beispielsweise bei einer Betriebsversammlung statt mit ,liebe Kollegen’ gender-gerecht mit ,liebe KollegInnen’ oder ,Kolleg*innen’ begrüßt zu werden. Die Gleichstellung in allen Bereichen sowie die Akzeptanz in der Bevölkerung sollte vorangetrieben werden. Da ist die gender-gerechte Sprache nur ein Aspekt.“
So machen’s der Kreis und die IGS
Die Gleichstellungsbeauftragte der Kreisverwaltung Donnersbergkreis in Kirchheimbolanden, Barbi Driedger-Marschall, bestätigt, dass Gender auch in der Kreisverwaltung angewandt wird. „Wir schreiben in der Regel aus: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ortsbürgermeisterinnen und Ortsbürgermeister, Schülerinnen und Schüler und so weiter. So sprechen wir auch aus. Bei Stellenausschreibungen ist es auch bei uns selbstverständlich üblich, dass wir m/w/d (männlich/weiblich/divers) mit angeben“, erklärt sie. Nach ihrem Empfinden werde die genderneutrale Sprache innerhalb der Kreisverwaltung als Selbstverständlichkeit angesehen: „Einen wichtigen Beitrag dazu hat sicherlich die Dienststellenleitung geleistet, die seit langem sensibel mit dem Thema umgegangen ist und ihm die nötige Bedeutung beigemessen hat.“
Christa Mayer ist Schulleiterin der Integrierten Gesamtschule (IGS) Eisenberg. Sie sagt: „Meist wende ich gerne beide Anreden an, also Lehrer und Lehrerinnen, Schüler und Schülerinnen, bei den Eltern sind das dann die Erziehungsberechtigten.“ Darüber hinaus sei die Anwendung der gendergerechten Sprache eher kein Thema in der IGS und stelle auch kein Problem dar. „Vielmehr geht es ja auch darum, das Thema ins Bewusstsein der Menschen zu bringen, dass Frauen auch gewisse Aufgaben übernehmen und Teil der Gesellschaft sind“, ist ihre Meinung. Sie fügt noch hinzu: „Bei uns an der Schule betreiben wir eine gute Gender-Politik, denn in unserem Schulleitungsteam sind von acht Kollegen sechs Frauen.“