Donnersbergkreis Nackte Herren und grüne Männchen

Dampfend verteilte sich der Inhalt der Kelle über den heißen Steinen. Die Luft füllte sich mit dem beißenden Geruch eines alkoholischen Getränks. „Mensch, Willi, was hast Du denn da reingemischt?“, stöhnte Siegfried Schlosssieger von einer der oberen Saunabänke. „Na, Slibowitz, zur Verdauung des Weihnachtsbratens“, antworte Willi lachend, während er die nächste Kelle auf den Ofen kippte, was gleichsam durch synchrones Stöhnen von den Bänken quittiert wurde. Walter Weichmeier versuchte, die Fassung zu bewahren und sich gleichzeitig darauf zu konzentrieren, nur aufs eigene Handtuch zu tropfen. Wie üblich war die Sauna des Kibobades knallvoll. Doch wo schon an normalen Tagen, insbesondere am Mittwoch oder Freitag, kaum ein Platz zu ergattern war, war jetzt, zwischen den Jahren, akutes Sardinenbüchsen-Grillen angesagt. Gekonnt wedelte Willi die heiße Luft auch in die letzte Ecke der Aufgusssauna. Aus dem Lautsprecher plärrte dazu besinnlich „Highway to hell“. Links hatte es sich Rüdiger Knall bequem gemacht. Der Lokaljournalist von hinterm Berg war jüngst zu zweifelhaftem Ruhm gekommen, als er sich in einer Beilage der Rhoipalz, in der sich das Lokalblatt zum eigenen 70. Geburtstag in anbiedernder Weise selbstbeweihräucherte, als Sauna-Liebhaber outete – natürlich mit passendem Foto. „Knalli, wieso bist Du denn eigentlich heute hier in Kibo in der Sauna?“, wollte sein Banknachbar wissen. Offensichtlich war das Dr. Khenbe, auch so ein Rhoipalz-Schreiberling, den man regelmäßig hier beim Schwitzen antraf. „Ei, moi Lulu hott widder Ballett-Prob in de Schdadthall. Da hunn ich gedenkt, ich nutz die Zeit.“ „Hallihallo, bin ich zu spät?“, viel zu laut und gut gelaunt stürzte plötzlich Florian Keller in die Saunakabine, was von Saunameister Willi mit einem strafenden Blick quittiert wurde. „Hättet ja ruhig mal auf mich warten können“, tat der ehemalige Berufsjugendliche und Ex-Praktikant der Rhoipalz kund, bevor er sich zwischen Knall und Khenbe auf ein viel zu buntes Handtuch quetschte. „Wird das hier heute etwa gleich ’ne ganze Redaktionskonferenz?“, fragte Schlosssieger in Richtung der Rhoipalz-Redakteure. „Nee, keine Angst Siggi. Wir sind nur alle drei vor unseren Frauen geflüchtet“, antwortete Khenbe trocken, was durch allgemeines Grinsen und Kopfnicken aus diversen Richtungen bestätigt wurde. Weichmeier ertappte sich dabei, wie er mitnickte. Ja, auch er musste zugeben, dass er nach den zurückliegenden Feiertagen dringend einen Tapetenwechsel nötig gehabt hatte. Außerdem war die Stimmung im Hause Weichmeier seit dem Heiligen Abend – genauer gesagt seit der Bescherung – etwas abgekühlt. Sein Geschenk für Dörthe – eine sauteure Infrarot-Lampe gegen Verspannungen – hatte leider nicht ganz den erhofften Erfolg bei seiner Gattin gehabt. Die anschließende Heilige Nacht hatte er jedenfalls auf dem Sofa verbracht ... Ein feucht-warmer Regen riss Weichmeier aus seinen Gedanken. Willi hatte das Spezial-Besteck ausgepackt: Mit einer umfunktionierten Spritzflasche verteilte er einen feinen Wassernebel über den schwitzenden Herrenkörpern – was ihm ganz offensichtlich selbst die meiste Freude bereitete. „Wer will Eis?“ Zustimmendes Stöhnen von der oberen Sitzreihe. „Saa mol, Siggi, was waren dess jetzt eichentlich fer e Lichterscheinung am Samschdag? Es Krischtkinnche war’s jo wohl net?“, fragte Knall in Richtung des Polizeichefs. „Eigentlich gebe ich unbekleidet ja keine Interviews“, antwortete Schlosssieger trocken, was durch allgemeines Gelächter von den umliegenden Handtüchern kommentiert wurde. „Aber ich will mal nicht so sein. Kurz: Wir haben keine Ahnung“, antworte Schlosssieger. „Bei uns standen die Telefone jedenfalls nicht mehr still. Aus dem gesamten Ostkreis erreichten uns Anrufe“, sagte der Polizist. „Und die Flugsicherung?“, wollte Keller neugierig wissen. „Die wissen auch von nix“, antwortete der Polizist. „Ein Flugzeug war’s jedenfalls nicht.“ „Am Ende waren es doch die kleinen grünen Männchen“, kommentierte Willi, bevor er den nächsten Eimer auf den Ofen kippte. In Weichmeiers Kopf begann sich plötzlich alles zu drehen. Grüne Männchen? Unbekannte Flugobjekte? Nackte, behaarte Männerkörper ... „Luft, Luft“, röchelte der Ex-Polizist beim Versuch, noch rechtzeitig ins Freie zu gelangen. Dann wurde es auf einen Schlag stockfinster. (Illustration: Herrmann) Fortsetzung folgt Was ist los mit Walter Weichmeier? War das einfach alles zu viel für den ehemaligen Hauptkommissar? Lesen Sie morgen die nächste Folge unseres Krimis.