Wartenberg-Rohrbach
Nach 57 Jahren Familienbesitz: Cornelia und Werner Dürr geben Tankstelle Blanz auf
Ganz wohl fühlt sie sich nicht bei dieser Sache. Cornelia Dürr will deshalb auch noch gar nicht daran denken, wie ihr Leben ohne Tankstelle aussehen könnte. Vor allem den persönlichen Kontakt zu ihren zahlreichen Stammkunden und den kleinen oder großen Plausch durch die Plexiglasscheibe an der Kasse hindurch wird sie vermissen. Vielen Kunden wird es nicht anders ergehen.
Selten am Hochzeitstag im Restaurant
Es waren ihre Eltern, Ilse und Otto Blanz, die an der einst so vielbefahrenen Kaiserstraße, die damals noch eine Bundesstraße war, am 1. April 1967 eine Tankstelle mit einer Reparaturwerkstatt eröffnet hatten. Tochter Cornelia lernte zu dieser Zeit den vier Jahre älteren Kraftfahrzeugmechaniker Werner Dürr aus Langmeil kennen. Sie wurden ein Paar. Und sind es bis heute geblieben. Im Vorjahr feierten sie ihre Goldene Hochzeit. Beim Griechen in Winnweiler. Es war der erste Hochzeitstag nach mehr als 20 Jahren, den beide gemeinsam in einem Restaurant verbrachten.
Denn seit Jahrzehnten bestimmt die Tankstelle den Lebensrhythmus der beiden. Cornelias Vater starb mit 64 Jahren. Tochter und Schwiegersohn hatten nun deutlich mehr Verantwortung zu tragen. Vor 20 Jahren überschrieben die Eltern den Betrieb auf die Nachfahren, doch Cornelias Mutter konnte nie ganz loslassen. Noch vor wenigen Jahren, im Alter von 90, half sie in der Tankstelle aus. „Sie hat sich besser an der Kasse ausgekannt als ich“, erinnert sich Tochter Cornelia Dürr. „Dazu hat sie am Tag zwölf Stunden gearbeitet und mittags für alle gekocht.“
Wenig Zeit, um Freundschaften zu pflegen
Zu tun gab es immer reichlich. Denn neben der Tankstelle, die täglich von 6 bis 21 Uhr geöffnet ist, kam 1992 eine Waschanlage, später kamen drei Waschboxen und eine Lagerhalle hinzu. Den bis dato letzten Urlaub verbrachte das Ehepaar Dürr in Gran Canaria. Das war vor 27 Jahren. Seither sind die Reise- und Freizeitaktivitäten nahezu komplett eingeschlafen. Dabei versuchten sie lange Zeit, neben all ihren Verpflichtungen auch ein Stück weit dem gesellschaftlichen Leben beizuwohnen.
Sie waren begeisterte Kegler, ehe sie 1991 nach 25 Jahren damit aufgehört haben. Auch seine Mitgliedschaft im Schützenverein kam zum Erliegen, wegen zu langer Abstinenz musste er zwischenzeitlich sogar seine Waffe abgeben. „Es ist schwer, Freundschaften zu pflegen, wenn man erst spät am Abend mit der Arbeit fertig ist“, hat Werner Dürr erkannt. „Wo willst du auf dem Land so spät noch hingehen?“
Snacks und Zeitschriften statt Öl und Keilriemen
Eine Teilzeitkraft und drei Aushilfen springen den Tankstellenbesitzern bei Bedarf zur Seite. Trotzdem bleibt die Belastung riesig. Bis auf einen einzigen Tag im Jahr, dem ersten Weihnachtsfeiertag, ist die Tankstelle geöffnet. 15 Stunden täglich. Zweimal in der Woche kommt der Tankwagen, um die Benzin- und Dieselvorräte aufzufüllen. Wo früher noch Öl, Batterien, Keilriemen und Zündkerzen über den Ladentisch gingen, werden heute Zigaretten, Getränke, Zeitschriften, Snacks und Süßigkeiten angeboten. Eine Tankstelle im Wandel der Zeit.
Werner Dürr erinnert sich lebhaft an die 1970er, als es noch den Tankwart der alten Schule gab. Da musste der Chef noch selbst Hand anlegen, auf Wunsch auch Ölstand und Luftdruck checken sowie die Scheiben reinigen. Alles inklusive. Das wurde ihm dann doch zu bunt, 1981 wurde der Service eingestellt. Die Zeit der Selbstbedienung an der Zapfsäule hatte anderswo längst begonnen.
A63 erweist sich als nicht ganz so schlimm
Damals wurden die Spritpreise noch per Hand und mit Hilfe einer Leiter annonciert. Ein mühseliges Unterfangen, „aber zu der Zeit änderten sich die Preise auch nur alle zwei Wochen“. Zum Vergleich: Im Oktober 2021 gab es einen Tag mit 53 Preisänderungen. Digital aus der Zentrale übermittelt. Fast unmerklich und manchmal unmittelbar vor einem Tankvorgang. Doch damals wie heute gilt die Faustregel: besser abends tanken, weil die höchsten Preise im Normalfall in den frühen Morgenstunden aufgerufen werden.
Einen gravierenden Einschnitt hatten beide bei der Fertigstellung der A63 Anfang der 2000er Jahre befürchtet. Durch die Herabstufung der B40 zur Landesstraße steuerten anfänglich tatsächlich deutlich weniger Autofahrer die Esso-Station Blanz in Wartenberg an. Inzwischen fahren viele eigens zum Tanken von der Autobahn ab, hinzu kommen treue Stammkunden, deren Eltern und Großeltern das Ehepaar Dürr bereits kannte.
Treffpunkt vor den FCK-Spielen
Im Nebenzimmer des Kassenraums entstand über die vielen Jahre ein beliebter Treffpunkt. Menschen trafen sich regelmäßig zum Feierabendbier oder vor einem FCK-Spiel, auch Jugendliche aus dem Ort nutzten das gemütliche Ambiente, um beispielsweise Darts zu spielen. Die Corona-Pandemie hat diese kleine Oase der Geselligkeit zerstört.
Natürlich gab es im Laufe der Jahrzehnte auch die eine oder andere brenzlige Situation zu meistern: Der vermeintliche Klassiker, nach dem Tanken den Zapfhahn im Einfüllstutzen des Autos zu vergessen, kam dabei kaum vor. Und wenn, dann jeweils mit glimpflichem Ausgang.
Schreckmomente soll es nicht mehr geben
Dramatischer verlief dagegen ein Unfall, der Werner Dürr bis heute beschäftigt und in seiner Mobilität einschränkt. Ein Corsa-Fahrer verließ sein Auto bei laufendem Motor, ehe sich dieses verselbstständigte und samt Beifahrerin in das Tankstellengebäude krachte. Die meterhohe Glasfront ging unter ohrenbetäubendem Lärm zu Bruch, Werner Dürr verletzte sich dabei und musste später am Fuß genäht werden. Im Sommer 2022 fing der Motorraum eines Fahrzeugs Feuer, nur mit großer Anstrengung und etwas Glück konnte ein Übergreifen auf die gesamte Tankanlage verhindert werden.
Diese Schreckmomente soll es ab Juli für Cornelia und Werner Dürr nicht mehr geben. Sie sind jetzt beide über 70 und haben einiges nachzuholen. Vor allem reisen wollen sie. An die Nordsee oder die Brandenburger Seenplatte. Ende der 1980er hat sich der gebürtige Ransweilerer beim Urlaub in Norddeich „verliebt in die Gezeiten, die Luft, die Fische“, lernte sogar bei einem Ausflug mit einem Fischkutter das Krabbenpulen. Und danach? „Die Masuren vielleicht, dort ist es auch wunderschön.“ Vor allem aber will das Ehepaar die Pfalz erkunden. Werner Dürr muss schmunzeln. „Wir sind doch in unserem Leben bisher noch nie weiter als nach Schopp gekommen.“