Donnersbergkreis Millimeterweise zum Colossus

. Ein, zwei Millimeter fehlen noch. Mit viel Fingerspitzengefühl zieht Robert Weryho an einem Steuerhebel. Riesige Hydraulikzylinder an der Unterseite des Sattelzuges heben die 30 Tonnen um einen Hauch an. Jetzt steht die Libelle, die Luftblase in der Wasserwaage, die Weryho auf den Metallträger des Sattelzuges gelegt hat, perfekt. Ein kurzes Nicken des Vorarbeiters genügt, damit die vier Aufbauhelfer des Schaustellerbetriebes Göbel aus Worms wissen, dass es weiter gehen kann. Fünf Mann sind einen Tag damit beschäftigt aus drei Lkw-Sattelzügen, einer Zugmaschine mit Ladekran, einem Transport-Lastwagen und zwei Wohnwägen „Colossus“ zu bauen – das erste Riesenrad, das seit Jahrzehnten in Kirchheimbolanden steht. Rund 40 Meter hoch und mit einer Grundfläche von 17 mal 14 Metern erhebt sich Colossus weithin sichtbar über den diesjährigen Kirchheimbolander Maimarkt-Rummel am Herrengarten. „Es hat sich dieses Jahr einfach gut ergeben. Wir konnten Kirchheimbolanden einschieben, weil wir als nächstes in Simmern sind“, erklärt Firmenchef Andreas Göbel. Die Schwertransportkosten eines so großen Fahrgeschäftes seien enorm, außerdem Sondergenehmigungen nötig. „Jetzt hoffen wir natürlich, dass viele Besucher des Maimarktes auch eine Runde mit unserem Riesenrad fahren.“ Nicht nur der Ausblick über die Kleine Residenz von einer der 26 Gondeln aus der Luft dürfte atemberaubend sein, auch das Bild, das Colossus selbst abgibt, verspricht, spektakulär zu werden: „Wir haben erst vor kurzem modernste LED-Beleuchtungstechnik für rund 100.000 Euro eingebaut“, erklärt Göbel. Damit leuchtet das Riesenrad nicht nur weithin sichtbar, es sind auch faszinierende Beleuchtungseffekte bis hin zu gigantischen Herzen oder Sternen möglich, die die Lampen entlang der Speichen bilden. Bis es soweit ist, haben Robert Weryho und seine Kollegen aber noch jede Menge zu tun. Drei nebeneinander gestellte 17 Meter lange Lkw-Sattelzüge bilden die Basis des Riesenrades. Rund 30 Tonnen Gewicht bringen allein die Fahrzeuge auf die Waage. Mittels eingebauter Hydraulikzylinder an der Unterseite werden die Giganten angehoben, die Zugmaschinen herausgefahren und die drei Plattformen anschließend miteinander verschraubt. Nun ist das besagte Fingerspitzengefühl von Weryho und seine 20-jährige Erfahrung im Schaustellergewerbe gefragt: Die Basis des Riesenrades muss perfekt waagrecht stehen, damit sich am Ende alles richtig dreht. Vier Metallstempel werden abgelassen und mit dicken Holzbrettern unterbaut. Das alles dauert alleine rund drei Stunden. Dann können die Hydraulikstempel eingefahren werden, und der eigentliche Aufbau kann beginnen: „Wir klappen als erstes das Podium nach vorne aus, über das die Zuschauer später das Fahrgeschäft betreten“, erklärt Weryho. „Anschließend hängen wir die Achse, an der später die Speichen befestigt werden, zwischen die Masten ein. Noch während der Aufbauprofi das Prozedere erklärt, sind seine Kollegen damit beschäftigt, Holzbalken zu verteilen, Seilwinden zu lösen und riesige Metallschlüssel herbeizuschleppen. Weryho lenkt den Lkw-Kran gezielt rückwärts an die Stirnseite heran, muss dabei allerdings mühevoll um einen grünen Renault-Kangoo rangieren. Irgendjemand hat den mitten in der Aufbauzone abgestellt. Abschleppen lassen wollten ihn Weryho allerdings noch nicht gleich: „Wir hoffen, dass der Fahrer in den nächsten zwei, drei Stunden eintrifft. Wir wollen ja keinen schlechte Stimmung verbreiten noch bevor der Markt überhaupt angefangen hat.“ Mit gezielten Bewegungen hebt sich die riesige Achse am Kranausleger mit einem Stahlseil befestigt in die Luft. Zwei große Bolzen werden mit den beiden Auslegern verbunden, dann wechselt das Team auf die andere Seite des Fahrgeschäftes – es folgt der spektakulärste Teil des Aufbaus. „Früher haben wir einen großen Autokran gebraucht, um die Masten aufzustellen. Aber Colossus ist so modern, dass der Mast sich hydraulisch von selbst aufrichtet“, erklärt Weryho sichtbar begeistert. Und in der Tat: Es dauert nur einige Minuten, dann steht die rechte Mastseite bereits in rund 20 Metern Höhe. Nun können die Männer die linke Seite einfach ausklappen und gegenüber ebenfalls mit großen Bolzen befestigen. „Jetzt kommt der langweilige Teil“, sagt Weryho lachend. Speiche um Speiche muss nun an einer Winde bis zur Achse gezogen, dort verschraubt und mit der benachbarten Speiche verbunden werden. So setzt sich nach und nach das gesamte Riesenrad zusammen. Anschließend wird jede der Fahrgast-Gondeln mit Sicherheitsbolzen an den Speichen eingehängt. Zeit für eine Mittagspause. Arbeit bleibt noch genug: Kassenhäuschen, Verkabelungen – „Kleinkram“, nennt das Weryho. Der Lohn für die Mühe? Natürlich das Gehalt, aber auch die Begeisterung der Besucher und Fahrgäste. So wird es hoffentlich auch heute sein, wenn Colossus seine Runden über der Kleinen Residenz dreht.