Kirchheimbolanden Martin Reitzig probt für das letzte Orgelsommerkonzert seiner Laufbahn

Leitet am 3. Oktober sein letztes Orgelsommerkonzert in Kirchheimbolanden: Bezirkskantor Martin Reitzig, hier anno 2018.
Leitet am 3. Oktober sein letztes Orgelsommerkonzert in Kirchheimbolanden: Bezirkskantor Martin Reitzig, hier anno 2018.

Die Bezirkskantorei Kirchheimbolanden-Winnweiler probt derzeit mit Hochdruck Beethovens Messe in C-Dur. Die Aufführung ist krönender Abschluss des 34. Orgelsommers in der Paulskirche Kirchheimbolanden. Ein Probenbesuch vor dem nahenden Ruhestand des Bezirkskantors Martin Reitzig.

Martin Reitzig „dreht gerade die Finalrunde und biegt schon in die Zielgerade ein“, wie er sagt. Das Ende seiner seit 1988 währenden Amtszeit als Bezirkskantor im Donnersbergkreis naht: Die monumentale Aufführung der Beethoven-Messe zusammen mit den LUfonikern Ludwigshafen und komplettiert im Programm von Borodins Sinfonie in a-moll „Unvollendete“ am Tag der Deutschen Einheit ist eines der letzten Konzert dieser Art: Es folgen noch am 17. Dezember in der Peterskirche das Weihnachtsoratorium von Saint-Saens und am 29. März 2024 dort eine Passionsmusik. Schließlich ist als Ausklang der Amtszeit Reitzigs am 26. Mai nächsten Jahres noch etwas Besonderes geplant: Im Gedenken an den 100. Todestag von Gabriel Fauré wird auch noch dessen Requiem aufgeführt.

Reihe soll weiter gehen

Reitzigs großartiges Lebenswerk in der Nordpfalz – nach seiner ersten hauptamtlichen Kirchenmusikerstelle in Nürnberg – findet auch in der öffentlichen Ausschreibung (die der RHEINPFALZ vorliegt) Bestätigung: Demnach wird der herausragende Rang der Mozartorgel, gebaut von der Orgelbaudynastie Stumm 1745, nach Reitzigs Implementierung einer Konzertreihe wie dem 1988 von ihm gegründeten Orgelsommer darin gewürdigt: Die Reihe soll demnach weitergeführt werden. Ebenso sollen Reitzigs Aufbauarbeit beim Posaunenchor, in der Kinder- und Jugendarbeit sowie in der Chorarbeit mit der Kantorei und seine pädagogischen Tätigkeiten als Ausbilder beim Kirchenmusikalischen Seminar der evangelischen Landeskirche eine sinngemäße Weiterführung finden. Zudem oblag ihm die Anleitung, Betreuung und Weiterbildung der nebenamtlichen Kirchenmusiker im Kreis: Das Bewerbungsverfahren für diese A-Stelle läuft, und hier zeichnet sich zumindest in der Anzahl von überdurchschnittlich vielen Bewerbern eine gebührende Resonanz bei den nachrückenden Kirchenmusikern ab.

Messlatte liegt sehr hoch

Das aktuelle Konzertprojekt mit Beethovens herausragender Messe zeigt, dass die Messlatte sehr hoch liegt. Martin Reitzig hat den allgemein schwieriger werdenden Rahmenbedingungen wie dem Schrumpfen von Chören, der Überalterung und der rückläufigen Besucherresonanz sowie sinkenden Zuschüssen durch die Landeskirche getrotzt und mit einem semiprofessionellen Orchester und Sponsoring durch örtliche Geldinstitute einen (noch praktikablen) Weg für die Erhaltung des hohen künstlerischen Anspruchs gefunden.

Die Bezirkskantorei bei ihrem Adventskonzert 2022.
Die Bezirkskantorei bei ihrem Adventskonzert 2022.

Von all diesen Begleiterscheinungen war allerdings beim Probenbesuch mit 20 Vokalisten in kleiner, aber leistungsfähiger Besetzung nichts zu spüren. Auch nichts von Beethovens Spannungen mit dem Auftraggeber Fürst Nikolaus Esterhazy, der damals zum Namenstag der Fürstin diese Messe zur Aufführung in Eisenstadt in Auftrag gab. Die 1807 erfolgte Aufführung war nach historischen Quellen nicht zufriedenstellend verlaufen, Beethoven erhielt vom Fürsten keine Folgeaufträge mehr und Beethoven zog sogar daraufhin die Widmung zurück. Später eignete er das Werk der „Musica Sacra“ dann dem Fürsten Ferdinand Kinsky zu. Zu Gründen der damaligen Befremdung finden sich Vermutungen wie ein eklatanter Bruch mit der Tradition der Haydn-Messen. Belegt ist ein abfälliges Urteil des Fürsten in einem Brief an die damalige Gräfin Henriette Zielinska. Allerdings polarisierte Beethoven auch mit seinen Sinfonien, die heute zum Stammrepertoire jedes Sinfonieorchesters gehören.

Wechselnde Harmonien auf engstem Raum

Wer in die Probenarbeit der sechs Sätze hineinschnuppert und verfolgt, wie Martin Reitzig akribisch jeden Abschnitt erläutert, analysiert und fast schon seziert, um Parameter wie Betonung, Deklamation, Aussprache und den jeweiligen Stimmverlauf einzuüben, der ahnt, warum man sich mit Beethoven damals (und heute) schwer tat: Ein ungewohntes Wort-Ton-Verhältnis prägt das Werk, das bewirkt in der Einstudierung einen erheblichen Mehraufwand. Der Chor muss auch die Motivik des Klavierauszugs (oder Orchestersatzes) aufgreifen, nicht mehr umgekehrt wie bei Haydn die Melodieführung vorgeben. Wechselnde Harmonien auf engstem Raum bedingen weitere Schwierigkeiten der Konzentration und Intonation.

Zuvor hat Reitzig mit Atem- und Lockerungsübungen die Basis für diese monumentale Aufgabe geschaffen: Singen auf wechselnden Vokalen und Konsonanten oder Silben (Solmisation), um Skalen oder Dreiklangsmelodik zu üben. Bei Choristen meistens wenig geliebt, als Pflichtübung nur geduldet, aber hier emphatisch und mit Hingabe angegangen. Dies bereitet vor auf die ständig wechselnden Schwierigkeiten im Kyrie, bei dem homophone und imitatorische (fugierte) Passagen ständig wechseln.

Komponist geizt nicht mit Herausforderungen

Beim Credo ist es eine Herausforderung, das schnelle Grundtempo von Reitzigs brillanter und souveräner Klavierbegleitung aufzunehmen und nach Zwischenspielen wieder auf den Punkt genau die Einsätze zu finden. Das lebhaft pulsierende Credo zeigt auch, dass die Tempi (Chor und Instrumentalpart) zusammenfinden müssen, ein Chor nicht so beweglich und homogen wirkt wie ein Klaviersatz. Zwischendurch ist beim Proben denn auch mal eine Pause mit einer Sprechübung zur gemeinsamen Betonung des Textes in Abstimmung mit dem Instrumentalpart nötig.

Ob Takt- oder Tempo- oder Harmoniewechsel: Beethoven geizt nicht mit gestalterischen Herausforderungen, die neben gesangstechnischen Schwierigkeiten auch Differenzierung am musikalischen Ausdruck mit sich bringen. Ob Chorjubel im Gloria oder Verinnerlichung im Sanctus, der Chor zeigt sich an diesem Probentag um dynamische Charakterisierung bemüht. Reitzig arbeitet pädagogisch geschickt nur mit positiven Verstärkern als Lob bei besonders gelungenen Partien im jeweiligen Stimmfach. Schwachstellen werden nicht benannt, hier setzt Reitzig schlicht auf häufiges Wiederholen derselben.

Hauptlast stemmt der Chor selbst

Gesangstechnisch und klanglich wirkt der Chor „sattelfest“ und „gut bei Stimme“, also gut vorbereitet und hoch motiviert: Das Wagnis besteht in der Übertragung eines Klavierparts auf Orchestersatz (mit nur zwei Orchesterproben). Dafür hat die Chorgemeinschaft – verstärkt durch Gäste – den Vorteil, dass nun Reitzig selbst als Dirigent des Dreigestirns aus Chor, Solisten und Orchester Einsätze und Überleitungen vermittelt.

Und was macht die Aufgabe für den Laienchor so attraktiv? Nicht die Solisten stehen im Mittelpunkt, sie leiten nur mit kurzen Überleitungen die Abschnitte ein, die Hauptaufgabe stemmt der Chor selbst – das war zu Beethovens Zeit revolutionär neu und bewirkte die Ratlosigkeit der Traditionsbewussten. Man darf also auf die Aufführung gespannt sein.

Termin

Dienstag, 3. Oktober, 17 Uhr, Protestantische Paulskirche Kirchheimbolanden: 6. und letztes Konzert des Orgelsommers 2023, Chor- und Orchesterkonzert mit Beethovens Messe C-Dur op. 86 mit der Bezirkskantorei Kirchheimbolanden-Winnweiler und den LUfonikern Ludwigshafen, die zudem die „Unvollendete“ Sinfonie a-moll von Alexander Borodin spielen. Gesangssolisten: Lena Maria Kosack, Sopran; Simone Pepping-Sattelberger, Alt; Martin Steffan, Tenor, und Thomas Herberich, Bass. Vorverkauf in Kirchheimbolanden: Sparkasse Donnersberg, Vorstadt 41, und Buchhandlung Manar, Vorstadt 12, sowie telefonische Kartenreservierungen: Protestantisches Verwaltungsamt, Telefon 06352 706700.

x