WINNWEILER RHEINPFALZ Plus Artikel Maifeier vor 100 Jahren: „Stürmischer Beifall für den Genossen Profit“

Die Teilnehmer der Großkundgebung, alle im Sonntagsstaat, auf dem Marktplatz in Winnweiler, wohl kurz vorm Aufbruch zum eigentli
Die Teilnehmer der Großkundgebung, alle im Sonntagsstaat, auf dem Marktplatz in Winnweiler, wohl kurz vorm Aufbruch zum eigentlichen Festplatz im Falkensteiner Tal. Aufgenommen wurde das Foto von Heinrich Boertzel, dem Vater des langjährigen RHEINPFALZ-Fotografen Rudi Boertzel.

Am Samstag ist der Maifeiertag, der Tag der Arbeit. Normalerweise ein Festtag der Gewerkschaften, wäre da nicht die Corona-Pandemie. Vor 100 Jahren, als das noch kein offizieller Feiertag war, gab es in Winnweiler erstmals in der Region eine Großkundgebung der SPD zu diesem Tag, ein bedeutendes Ereignis für die Nordpfalz mit einem prominenten Festredner.

Ein bemerkenswertes Zeitdokument: Dicht an dicht drängen sich auf dem Foto hunderte Menschen im Sonntagsstaat auf dem Winnweilerer Marktplatz. In der vorderen Reihe präsentieren Männer, mit Anzug, Krawatte und keiner ohne Hut oder Mütze, stolz und mit selbstbewusstem Blick ihre geschmückten Fahrräder. Links sind Mitglieder einer Blaskapelle zu sehen, dahinter nicht wenige Frauengesichter. Aus der Menschenmenge ragen Fahnen und Plakate auf mit den Namen von Ortsvereinen der „S.P.D.“ im Umland, auch Parolen wie „Der Jugend die Zukunft“ sind zu sehen. Unter das Bild hat jemand in der schnörkeligen Schrift jener Tage vermerkt: „Zur Erinnerung an den 1. Mai 1921“.

Genau hundert Jahre ist das also her, und das denkwürdige Ereignis war bemerkenswert für Winnweiler und für die Nordpfalz. Es war die erste regionale Großkundgebung der SPD, veranstaltet aus Anlass des 1. Mai – der damals noch kein gesetzlicher Feiertag war, in diesem Jahr aber auf einen Sonntag fiel. Bemerkenswert ist diese Kundgebung auch deshalb, weil mit Friedrich Profit (1874-1951) aus Ludwigshafen einer der damals prominentesten Sozialdemokraten der Pfalz und darüber hinaus die Festrede hielt. Der bedeutende Mann mit dem so gar nicht sozialdemokratischen Namen engagierte sich schon früh gewerkschaftlich, als das noch manche Risiken barg, war seit 1892 Mitglied der SPD und deren hauptamtlicher Sekretär von 1906 bis 1921, Redakteur in Parteizeitungen, Landtagsabgeordneter, später in hochrangigen Ämtern der Reichsregierung.

Teilnehmer aus vielen umliegenden Orten

„Stürmischen Beifall“ habe ausgelöst, was der „Genosse Profit“ zur Bedeutung des 1. Mai ausgeführt habe, ist im knappen Nachbericht zu lesen in der noch jungen Parteizeitung „Pfälzische Freie Presse“, die erst im gleichen Jahr in Kaiserslautern gegründet worden war. „Auch der kurze Regen konnte die Begeisterung nicht im geringsten beeinträchtigen“, ergänzt der damalige Chronist. Profit nahm diesen Moment auf schloss seine Rede damit, dass die Partei so, wie jetzt die Sonne wieder durch die Wolken breche, bald über alles Dunkel triumphieren werde – noch ahnte keiner, was für dunkle Jahre da noch bevorstanden. Zuvor hatte sich der Zug der Teilnehmer, der sich auch aus den umliegenden Orten speiste, nach dem Fototermin in Winnweiler ins Falkensteiner Felsental bewegt, wo das Fest dann stattfand mit Musik, Gesang und, was damals dazugehörte, turnerischen Darbietungen.

Fritz Nies und seine Großväter

Wie aber kam es dazu, dass diese Versammlung überhaupt stattfand in der ärmlichen Nordpfalz – und dazu noch mit einem so prominenten, umworbenen Festredner? Der geschichtsinteressierte Kunstsammler Uli Giloi, der zu diesem Ereignis viel Material zusammengetragen hat, bringt zu diesen Fragen den Romanisten Fritz Nies ins Spiel, der heute 87-jährig in Schweisweiler lebt und über seine Familiengeschichte mit dem damaligen Geschehen verbunden ist. Denn seine beiden Großväter, Philipp Gutmann und Karl Nies, haben – der eine sicher, der andere mutmaßlich – entscheidend dazu beigetragen. Der eine, Gutmann, Sandformer bei Gienanth, ein Mann aus ganz kleinen Verhältnissen, der sich aber früh gewerkschaftlich engagiert hat, war ein Aktivposten des noch jungen Winnweilerer SPD-Ortsvereins und mit dem damaligen SPD-Ortsbürgermeister Lott die treibende Kraft hinter der Großkundgebung. Und Nies, aus Ruppertsecken stammend und mit einer Frau aus Schweisweiler verheiratet, dürfte über sie und Philipps Frau Marie auch mit Gutmann selbst bekannt oder befreundet gewesen sein. Da Nies mit Profit in Ludwigshafen bei den Pfälzischen Eisenbahnen gearbeitet und ein gutes Jahrzehnt in seiner Nachbarschaft gewohnt hat, dürfte über diese Schiene eine Vermittlung nach Winnweiler sehr wahrscheinlich sein.

Dargestellt sind diese Zusammenhänge in einem Lebensbild, in dem Fritz Nies, bis 1999 Professor für romanistische Literaturwissenschaft in Düsseldorf, nachzeichnet, was von seinem Großvater Gutmann noch bekannt oder zu erschließen ist. Erschienen ist dieser Text in „Pfälzer Lebensbilder“ (Band 9), letztes Jahr herausgegeben von Hartmut Harthausen. Ein farbiges, sehr lebendig und frisch erzähltes Porträt eines einfachen, ansonsten von der Zeit vergessenen Menschen aus einer eher „stummen“ Bevölkerungsschicht, wie Herausgeber Harthausen schreibt, der dieses Lebensbild als prototypisch für Menschen dieses Standes in dieser Zeit in den Band aufgenommen hat.

Uli Giloi bewegen dieses Geschehen vor 100 Jahren und diese zusammenhänge, er hat in Archiven und im Gespräch mit Nies weitere Details dazu zusammengetragen und will dessen Beitrag über seinen Großvater nun zu einem Buch ausweiten, ergänzt um Bilder und weiteres Material auch über Friedrich Profit, der nach 1945 auch eine treibende Kraft für den Wiederaufbau der SPD in der Pfalz gewesen ist.

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