Donnersbergkreis „Luftikusse“ mit Leib und Seele

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40 Meter Höhe, mit dem Motorrad übers Seil, dabei gelenkige Akrobatik. Die Geschwister Weisheit gehören zu Europas bekanntesten Hochseilartisten. Sie tourten durch Asien, den Nahen Osten – und machen am Wochenende auf der Leistungsschau Station. Die RHEINPFALZ hat die Familie aus dem thüringischen Gotha vorab besucht.

Ein straff gespanntes Seil. Und drunter Leere. Kein Netz, keine Luftmatte. Nur nackter Asphalt. „Wenn ich von dort runter fallen würde“, sagt Steve Weisheit (32) wenige Minuten später seelenruhig lächelnd, „dann würde ich wie ein Plätzchen zerbröseln“. Bitte kein Kopf-Kino jetzt. Staksig klettert er in seinem roten Trainingsanzug auf das oben drapierte Motorrad. Ohne Helm, gesichert nur mit Haken und Seil. Steve startet, es dröhnt und kracht. „Ab!“, ruft Schwiegerpapa André auf der Maschine nebenan ins Motorenbrummen hinein. Die Räder rollen auf dem vielleicht zwei Finger breiten Seil entlang. Der Clou: Am Unterboden schaukelt je ein Trapez im Wind – die Bühne der Mädels. „Es ist einfach ein tolles Gefühl, wenn man da oben steht und das Publikum begeistert ist. Angst hat man nicht. Aber Respekt. Der schützt davor, leichtsinnig zu werden“, so Natalia Weisheit. Lässig, als säße sie entspannt auf einer Parkbank im Grünen, hockt die 26-Jährige auf dem dünnen Balken. Sie posiert, streckt die Arme, dreht sich – alles mit einem fast eingefrorenen Lächeln. Man dürfe nicht daran denken, was unter einem sei – nichts. Einfach cool und konzentriert die Show abspulen. „Die Störfaktoren muss man ausblenden“, erzählt Mama Heike (51). „Wenn man das immer macht, über so viele Jahre, dann kommt auch Routine.“ Und natürlich hat die Familie Anekdoten auf Lager. Natalia etwa habe der „Drahtseilakt“ kaum Überwindung gekostet. Sie übt Hochseilakrobatik, seit sie laufen kann. Als sie mit vier Jahren erstmals durch die Luft wackelte, habe sie noch keine Furcht entwickeln können. Sie sei sozusagen auf dem Seil aufgewachsen und damit „angstfrei“, sagt sie. Ihrer Mutter machte das mehr zu schaffen: Das erste Mal „oben“ war sie im Brautkleid, mit 17, am Tag ihrer Hochzeit. „Es war sehr aufregend, der Pfarrer hat uns von neben gut zugeredet. Aber ich hatte mir das ja ausgesucht“, plaudert sie und lacht. Waghalsige Akrobatik auf bis zu 62 Metern, ohne festen Boden. Nur unwesentlich höher ist der Speyerer Dom. Die Künstlerfamilie Weisheit aus dem thüringischen Gotha steht für eine jahrhundertelange Tradition. Ein Zuckerschlecken war es aber nie, so André Weisheit: „Oft waren es schwere Zeiten“, sinniert der 48-Jährige neben dem riesigen Hochmast. Zwei Weltkriege, Gründung der DDR, Enteignung. Kleinkünstler wurden zeitweise wie Abschaum behandelt. Als der Familie 1953 der Zirkus genommen wurde, stand sie mit leeren Händen da, sah sich ihrer Existenzgrundlage beraubt. Ein Schock – später jedoch eine Chance, die die 1900 gegründete Artistengruppe zu dem machte, was sie heute ist: Es war der Startschuss der Hochseilakrobatik. „Wir haben uns immer durchgeschlagen. Kurz nach dem Mauerbau gab es noch ein Berufsverbot. Fakt ist aber, dass unsere Leistung, unser Ehrgeiz, immer überdurchschnittlich waren“, betont André Weisheit. Heute sind die aktuell 14 Weisheits in ihrem Metier Weltstars, touren durch Thailand, den Oman und Hongkong. Auf dem Hof der Göllheimer Gutenbergschule steht ein Lkw mit Firmenlogo neben dem anderen. Mittlerweile sind die Geschwister Weisheit in fünfter Generation dabei, die sechste steht schon parat. „Wir machen das nicht des Geldes wegen. Wenn man sieht, wie weit das geht, dann macht das einen stolz. Mir würde es in der Seele wehtun, wenn es uns nicht mehr gäbe“, so Natalia. „Wir sind nur als Truppe stark. Dem einen liegt es mehr, mit Requisiten zu arbeiten. Der andere gibt lieber den Untermann.“ André, dessen Großmutter lange im südpfälzischen Offenbach lebte, sagt stolz: „Seit 50 Jahren sind wir auf Weltniveau. Und ein Magnet.“ 2011 räumte die Familie auf dem Zirkusfestival in Monte Carlo den Ehrenpreis der Jury ab. Ihr Programm ist breitgefächert: Einräder, historische Balance-Akte, Rennautos. Auf dem Seil geht alles – naja, fast alles. Und das Risiko? Steve steht mitten auf dem Schulhof und winkt ab. Passieren würde eigentlich nie was. In all den Jahren gab es einen schwereren Sturz, 2010. Ein Sicherungsseil sei nicht da gewesen, wo es hätte sein sollen – Knochen brachen. „Wenn man oben steht, hat man einen erhöhten Puls. Der sagt einem, jetzt musst du aufpassen“, sagt er. „Ohne Sicherung will das niemand mehr sehen. Sonst kann der Zuschauer die Vorstellung nicht genießen, weil er denkt, gleich fällt einer und stirbt“, sagt Natalia. Am seidenen Faden hängt hier nichts. Alles sicher… Info Auf der Göllheimer Leistungsschau werden die Geschwister Weisheit heute und morgen je drei Vorführungen auf dem Hochseil zeigen. Startzeiten: 11, 15 und 18 Uhr.

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