Kirchheimbolanden RHEINPFALZ Plus Artikel Logen-Vermietung und Orgelmusik per QR-Code: Wie die Zukunft der Paulskirche aussehen könnte

Ein Wahrzeichen Kirchheimbolandens: die lutherische Paulskirche, auf der Mozart 1778 die berühmte Stumm-Orgel spielte. Inzwische
Ein Wahrzeichen Kirchheimbolandens: die lutherische Paulskirche, auf der Mozart 1778 die berühmte Stumm-Orgel spielte. Inzwischen steht das Gotteshaus aber sehr oft leer.

„Keine Denkverbote!“: Das postuliert ein Arbeitskreis, der die Zukunft der Kirchheimbolander Paulskirche in den Blick nimmt. Viel zu oft steht sie leer – was muss sich ändern?

Sie ist ein herausragendes Zeugnis des Barock in Kirchheimbolanden, Teil eines bemerkenswerten Ensembles aus Schloss, Ballhaus, Orangerie, Gärten, Adels- und Bürgerhäusern jener Epoche. 1778 spielte Mozart auf Einladung von Fürstin Caroline die Orgel der lutherischen Paulskirche. Es ist das bis heute nachhallende Ereignis in der Geschichte der Kirche, dessen sich das Städtchen stolz rühmt. Mit diesem starken Argument, so wird kolportiert, sei den Orgelpfeifen sogar das Schicksal erspart geblieben, als Metallfutter für Kriegszwecke herzuhalten. Jetzt ist die berühmte Orgel, die größte, die Johann Michael Stumm je baute, grundsanierungsbedürftig. Beschlossen vom Presbyterium ist das längst, allein: Es hapert am Geld – etwa eine dreiviertel Million Euro müsste aus diversen Töpfen zusammengetragen werden.

Doch wer heute auf das markante, 1745 vollendete Bauwerk blickt, sieht sich mit weiteren, mannigfachen Problemen und Fragestellungen konfrontiert: rückläufigem Gottesdienstbesuch, langen Leerständen und finanziellen Nöten auch jenseits der Orgel-Sanierung. Schon seit etlichen Jahren wird die Kirche im Winterhalbjahr nicht mehr genutzt, weil viel zu viel Geld verheizt werden müsste, und für Gottesdienste steht die nahe Peterskirche zur Verfügung. Doch auch im Sommerhalbjahr würden sich die mittlerweile nur noch etwa 25 Besucher normaler Sonntags-Gottesdienste im großen Kirchenraum verlieren.

Für Gottesdienste kaum noch von Bedeutung

Heißt: Für diese Zusammenkünfte der Gläubigen hat die Paulskirche nur noch geringe Bedeutung – sieht man von Großereignissen wie Konfirmation und Jubelkonfirmation oder von Taufen und Trauungen ab, die auch zukünftig in der einstigen Hofkirche gefeiert werden. Diese Situation besorgt einen kleinen Arbeitskreis sehr, der sich Ende vergangenen Jahres auf Initiative von Erich Morschhäuser, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Presbyteriums, und Bezirkskantorin Ulrike Heubeck aus Presbytern, Pfarrern und interessierten Bürgern konstituiert hat. Für die Gruppe stellt sich angesichts dieser Gemengelage gar eine Existenzfrage: Was ist nötig, um künftigen Generationen diesen barocken Edelstein zu bewahren? Was können wir – Kirchengemeinde, Stadt, der Paulskirche verbundene Bürger – tun, um dieses Gotteshaus zu beleben?

Für Morschhäuser, Heubeck, Pfarrerin Marie-Luise Lautenbach und Detlof von Borries, mit denen die RHEINPFALZ darüber ins Gespräch kam, gibt es darauf nur eine Antwort: Neue, auch unkonventionelle Nutzungsmöglichkeiten müssen her, auf längere Sicht wird es nicht ohne spendable Förderer gehen. Denn ein großer Finanzschub dürfte von der Landeskirche kaum zu erwarten sein. Im Gegenteil, überall sind Kirchenverwaltungen erleichtert, wenn sie sich von im Unterhalt teuren sakralen, meist denkmalgeschützten Immobilien trennen können. Die Paulskirche wollen die Akteure des Arbeitskreises allerdings nicht auf eine profane Weise zur Disposition stellen. „Dazu ist sie als Wahrzeichen der Stadt und angesichts ihres weitgehend erhaltenen Originalzustandes einfach zu wertvoll“, so Borries. Ihre „Umwidmung“, also Preisgabe als Gotteshaus, stehe nicht zur Debatte, stellen auch Lautenbach und Morschhäuser klar. Worum es ihnen geht, ist ein vielfältig belebtes kirchliches Gemäuer.

Im Tourismus liegt einiges Potenzial

Für den Tourismus ist die Paulskirche seit langem ein Pfund zum Wuchern, ein nach Ansicht des Arbeitskreises allerdings ausbaufähiges. Den seit vielen Jahren erfolgreichen musikalisch-kulinarischen Stadtführungen, bei denen auch die Paulskirchen-Orgel erklingt, könnten weitere Angebote für Kulturinteressierte folgen. Ein Problem: Wer sich momentan als Tages-Tourist den Ort ansehen will, an dem das Wunderkind aus Salzburg die Register zog, steht vor verschlossener Tür. Den Mai über, so die vom Presbyterium gutgeheißene Idee, soll die Kirche darum erstmals ganztägig für Besucher geöffnet werden. Es ist, dessen ist sich der Arbeitskreis gewiss, ein Test nicht ohne Wagnis. Kantorin Heubeck kann sich vorstellen, für solche Individualtouristen in näherer Zukunft die Orgel über einen QR-Code erklingen zu lassen. Ganz vertrauen darf die Bezirkskantorin mit dem Frische-Wind-Gen nach wie vor auf regen Besuch des traditionellen Kirchheimbolander Orgelsommers. Über diese feste Position im kirchlichen Veranstaltungskalender und andere tradierte Konzerte hinaus ist aber sicher noch mehr denkbar, denn die Anziehungskraft von Kirchenmusik ist hoch, sind sich die Gesprächspartner einig.

Vermietung an Vereine oder Selbsthilfegruppen?

Darüber hinaus wird erwogen, den gewaltigen Kirchenraum für unterschiedlichste Veranstaltungen zu öffnen – Lesungen, Tanz, Kleinkunst, einiges an Ideen schwebt momentan schon durch die Luft. Doch nimmt der Arbeitskreis auch Räume ins Visier, in die viele Besucher wahrscheinlich noch nie einen Blick geworfen haben. Gemeint sind die „Logen“: sechs Räume von je etwa 30 Quadratmetern, die sich über mehrere Etagen verteilen. Sie könnten an Vereine, Selbsthilfegruppen und ähnliches vermietet werden. Bedarf dafür gäbe es, sagt Erich Morschhäuser. Und Mieteinnahmen, auch wenn sie nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein mögen, könnten nötige Investitionen unterstützen.

Unterm Strich ließe sich das Credo der Paulskirchen-Vordenker demnach auf den kurzen Nenner bringen: Ein Gebäude hat nur eine Zukunft, wenn es lebt und so auch im öffentlichen Bewusstsein verankert bleibt. Auf diesen visionären Weg, der ein sehr langer sein wird und an dessen Anfang sie noch stehen, wollen sie schon früh viele Bürger der Region mitnehmen, deren Ideen hören. Ohne „Denkverbote“, wie es ausdrücklich heißt.

Gedankenaustausch um „lebendigen Ort“

Erste Gelegenheit dazu bietet am 5. April ein „inspirierender Spaziergang“ , zu dem das Presbyterium alle Interessierten einlädt. Die durchs barocke Ensemble wandelnden Spaziergänger erwarten dabei vielfältige Informationen – und natürlich wird auch die Stumm-Orgel erklingen. Nach dem Spaziergang (Treffpunkt dazu ist um 10 Uhr am Platz vor der Kirche) hofft man bei einem Umtrunk in der Fürstenloge auf einen regen Gedankenaustausch mit den Besuchern. Und auf viele Ideen, um „die Paulskirche auch zukünftig als lebendigen Ort des Glaubens, der Kultur und des bürgerlichen Selbstbewusstseins der Stadt Kirchheimbolanden zu bewahren“, wie es in der Einladung des Presbyteriums heißt. Die Vorschläge sollen in ein Konzept einfließen, für dessen Erarbeitung die Kirchengemeinde Fördermittel aus dem Leader-Programm beantragen möchte.

Dass die Zukunft der Paulskirche letztlich nicht nur auf Idealismus gründen kann, ist den Initiatoren klar. Es wird viel Geld brauchen, nicht nur für die Orgel, sondern zum Beispiel auch für eine zeitgemäße Heizung. So wird sich irgendwann vermutlich die Frage neuer Organisationsformen stellen, einer Paulskirchen-Stiftung etwa. Mit Optimismus will der Arbeitskreis aber jetzt erstmal den ersten Schritt gehen: auf die aktuelle Situation und Lösungsansätze aufmerksam zu machen. Mit dem Spaziergang verbindet sich der Wunsch, dass die Bürger von Stadt und Region zum Mitdenken angeregt werden, wie die Paulskirche für viele Menschen belebt werden sollte. Es könnte also gut sein, dass Kirchheimbolanden neben dem Terrassengarten ein zweites Jahrhundertprojekt in Angriff nimmt.

Ende vergangenen Jahres hat sich ein Arbeitskreis gebildet, der sich über eine zeitgemäße Nutzung der Paulskirche Gedanken macht
Ende vergangenen Jahres hat sich ein Arbeitskreis gebildet, der sich über eine zeitgemäße Nutzung der Paulskirche Gedanken macht.
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