Donnersbergkreis
Lisel Heise: Wie die Hundertjährige Kirchheimbolanden weltweit berühmt macht
Kirchheimbolanden: Eine Hundertjährige schafft, was keine teure Imagekampagne vermag. Sie spricht über das „oude Zwembad“ – das alte Schwimmbad – kämpft für „Kirchheimbolanden is us“ und macht ihren Heimatort „Kirisham Mabuland“ rund um den Globus bekannt. Lisel Heise sagt, was sie will – und die Welt hört zu.
Verstehen Sie thailändisch (respektive siamesisch)? Ich auch nicht. Aber drei Wörter, die eine Fernsehmoderation im fernen Südostasien in die Kamera spricht, bleiben auch bei unsereinem hängen: „Lisel – Heise – Kirchheimbolanden.“ Während wir bei der dem Video beigefügten Textnachricht in dieser so schönen Bogen- und Schnörkelschrift wieder total außen vor sind.
Filmcrew besucht die Hundertjährige
Macht ja aber nix, denn Video und Nachricht existieren in -zig Sprachen rund um den Globus. Ihr Urheber: die Deutschland-Abteilung der Agentur Thomson Reuters, einer der Weltmarktführer im Nachrichtengeschäft. Ein Journalist und eine kleine Filmcrew hatten kürzlich unsere Hundertjährige besucht, die für die Gruppierung „Wir für Kibo“ in den Stadtrat will, und – wie stets zum nimmermüden Vergnügen der Jubilarin – einen hübschen kleinen Film mit ihr gedreht. Wie „Lisel“ durch die Altstadt spaziert, in lockeren Statements ganz normaler Bürger für ihre Courage bewundert wird, ist da zu sehen. Wie sie entschieden an die Tür des alten Stadthauses klopft (wie weiland Gerhard Schröder am Gitter des Bonner Kanzleramts rüttelte) mit der klaren Botschaft: Ich will hier rein. Nun tagt zwar der Stadtrat längst nicht mehr in diesem Gebäude, aber die Geste hat natürlich Symbolkraft – ebenso wie Heises „Victory“-Zeichen, als sie auf der großen alten Steinbank davor sitzt (von Ausruhen wollen wir bei ihr ja gar nicht erst reden!) Ja, und dann: steht sie vorm Zaun des verlotterten, verschlossenen einstigen Thielwoog-Bades. Eine Hundertjährige, das hat sie das Reuters-Team wissen lassen, könne den Mund aufmachen und sagen, was ist. Im Falle des „oude Zwembad“ (wie eine holländische Zeitung schrieb), mit dem Lisel Heise ungefähr neun Jahrzehnte ihres Lebens teilte, lautet ihr Urteil: „Die größte Fehlzündung, wie hier ein Paradies in einen Trümmerhaufen verwandelt wurde.“ Das lesen, hören und sehen sie jetzt überall in der Welt. Und, für eine Kommunalwahl wohl direkt von Belang: Viele Bürger stimmen der alten Dame zu.
Nachricht in 30 Sprachen übersetzt
Die mit dem Reuters-Besuch eh schon erlangte globale Reichweite vergrößerte sich noch einmal, als auch die Deutsche Welle (DW), Deutschlands Stimme in der Welt, auf die alte Dame aufmerksam wurde, mit Thomas Bock, dem Chef von „Wir für Kibo“, und Lisel Heise telefonierte. In etwa 30 Sprachen soll die DW-Nachricht übersetzt worden sein, erzählt Bock. Nach dem Koordinieren von Gesprächswünschen diverser Zeitungen und Fernsehsender (das noch immer anhält, gerade hatten sich die „Welt am Sonntag“ und der Schweizer Tages-Anzeiger angemeldet) ist der Bürgermeisterkandidat nun vor allem mit dem Zusammenstellen einer nicht enden wollenden internationalen Medienschau beschäftigt: Heise im ORF-Fernsehen bei „Österreich am Mittag“, Heise in der meistgelesenen italienischen Zeitung „Corriere de la Sera“, im renommierten britischen „Guardian“, in der holländischen Zeitung „AD“ („Algemeen Dagblad“), Heise in Medien in Brasilien und Südafrika, Heise übersetzt ins Chinesische, Portugiesische, Rumänische. Einfach verrückt! Übrigens: Nicht, dass sich die selbstbewussten Äußerungen der Hundertjährigen auf Freibad und Stadtpolitik beschränken würden. Auf den schönen Reuters-Fotos blättert die an Weltpolitik Interessierte (die sich maßlos ärgert, dass das Fernsehen zur Hauptsendezeit „Mist“ bringt, Wichtiges aber in die Nacht verdrängt) im heimischen Wohnzimmer in Büchern über Helmut Schmidt und Barack Obama. Ihre Meinung zum Brexit? „Gehört gestrichen aus der Politik!“ Klimawandel? „Großartig, wie sich die Jungen engagieren. Man kann ihnen nur Erfolg wünschen!“ Die Jungen hat ja auch sie, die frühere Lehrerin, im Blick mit ihrem Kampf um ein neues Freibad in Kirchheimbolanden und anderweitige Möglichkeiten sinnvoller, gesunder Freizeitgestaltung.
Von Kibo in die ganze Welt
Und wir, die wir uns im Internet durch You Tube und andere Kanäle hangeln auf den digitalen Spuren der derzeit bekanntesten Kirchheimbolanderin, lernen beiläufig noch manches dazu: dass Kommunalwahlen auf Niederländisch „Gemeenderaatsverkiezingen“ heißen. Oder dass die britische Boulevard-Zeitung „Daily Star“ die Gruppierung „Wir für Kibo“ („Kirchheimbolanden is Us“) durchaus zutreffend der aus der Bevölkerung heraus entstehenden Graswurzel-Bewegung („Grassroots Group“) zuordnet. Aber auch, dass man dem Automatismus von Google-Übersetzungen nicht trauen oder, besser noch, mit Heiterkeit begegnen sollte. Bei der Übertragung der persischen Nachrichtenversion ins Deutsche sei, wie Bock erzählt, aus „Wir für Kibo“ ein „Wir sind für Friseure“ geworden. Aus dem pfälzischen Städtchen der magische Ort „Kirisham Mabuland“. Aber Bock, so scheint’s, hat ja auch sonst gut lachen. Die Wahlkampf-Hilfe der Medien ist für seine Gruppe unbezahlbar. Gut möglich daher, dass sich ein Video-Kommentator kräftig irrt mit seiner Prognose, auf Listenplatz 20 hätte Lisel Heise kaum eine Chance, in den Stadtrat einzuziehen. Ein zweiter Sitz statt der momentanen One-Man-Show von „Wir für Kibo“ scheint möglich. Auch und vor allem dank einer Hundertjährigen, deren Gesicht nun irgendwie alle Welt kennt. Und mit ihr den Namen Kirchheimbolanden. Keine noch so teure Imagekampagne hätte auch nur einen Hauch vergleichbarer, kostenloser Popularität gebracht. Allein dafür sollte die Stadt ihrer so liebenswürdigen wie unbequemen Bürgerin einen Lorbeerkranz winden.