Donnersbergkreis Kobba, Kapse und Kartoffeln mit Quark
Was lernen Menschen häufig als erstes von einer anderen Kultur? Das Essen! Bei dem Projekt „Intissgu – Integriert is(s)t gut“ des Landfrauenverbandes Pfalz stehen am Mittwochabend in der Albert-Schweitzer-Realschule plus in Winnweiler 25 Hobby-Köchinnen und Köche am Herd – iranische, syrische und afghanische Flüchtlinge kochen gemeinsam mit den deutschen Organisatorinnen und weiteren interessierten Gästen vier arabische Gerichte, deutsche Pellkartoffeln und insgesamt fünf Kilo Reis. Die Rezepte sollen in einem Kochbuch zusammengefasst werden.
«WINNWEILER.» Mitglieder der „Multi-Kulti-Kochtruppe“ sind neben den internationalen Teilnehmern die Landfrauen Münchweiler mit ihrer Vorsitzenden Denise Schneller, Rotraut Schneller vom Café Global in Winnweiler und Lehrerin Doris Damnitz von der Realschule in Winnweiler. Lisa sieht sich ihren Teighut, der ein „Kobba“ werden soll, kritisch an: „Ich bin verzweifelt“, seufzt sie. Ihre Freundin Nadine lacht. Als die beiden von der Kochaktion der Landfrauen gelesen haben, haben sie sich angemeldet. Jetzt formt Lisa seit fast drei Minuten geduldig mit Öl bedeckten Fingern den Griesteig. Er soll gleich mit Hackfleisch gefüllt und dann frittiert werden. Doch ihr Kobba ist zu breit, die Wände ungleichmäßig dick. Als sie Rihana ihr Werk zum Füllen überreicht, lacht die Syrerin, schüttelt den Kopf, rollt Lisas Werk wieder zusammen und zeigt ihr die richtige Technik. Den Dreh raus hat Salha Alabdj, die das Rezept mitgebracht hat. Sie hat eine Karotte geschält, über die sie das walnussgroße Teigbällchen stülpt und so im Handumdrehen den länglichen Mantel formt. Die ersten fertigen Kobba werden nebenan schon auf einer Platte angerichtet. Und wie schmeckts? „Ganz toll, aber gut gewürzt“, stellt Ingrid Weißmann fest. Über 50 Stück müssen ins heiße Fett. Die Köche rollen fleißig Bällchen – außer Salhas jüngste Tochter Shirin: „Ich sage immer: Mama, ruf mich, wenn du fertig bist!“, sagt der Kochmuffel lachend. Sie freut sich auf ihr Lieblingsessen „Kapse“. Der Basmati-Reis wird mit Karotten, Paprika, Knoblauch, Tomaten, Zwiebeln und Curry zubereitet. Dazu gibt’s Hähnchenschenkel und geröstete Cashewkerne. Von einer anderen Kochinsel in der Lehrküche der Winnweilerer Realschule steigt Dampf auf. Mahjan Azizpour kocht „Tschau“ – eine afghanische Gerstensuppe mit zerrupftem Hühnchen, Karotten, Tomaten und Petersilie. Im „Schlepptau“ hat sie ihren Mann, der leidenschaftlich gerne kocht. Der Experte stellt fest: „Mehr Zitrone“ und schmeckt ab. Nadine ist begeistert: „Die Suppe kocht schon so lange, ich bin total gespannt, wie sie schmeckt.“ Nebenan brutzelt Biglari Mojeh Dahliu für ihr iranisches Reis-Gericht „Taschin“ Mandelsplitter und etwas Kleines, Rotes in Butter. Die Zuschauer beugen sich über dem Topf und rätseln: Johannisbeeren oder Cranberrys? Rotraud Voll packt ihr Persisch-Wörterbuch aus. An anderer Stelle wird fleißig gespült: Sedighe Sebihi ist mit ihrem „Estamboli“ schon fertig. Basis ist auch hier Reis, der mit grünen Bohnen, Kurkuma und Lammfleisch vermengt wird. Das deutsche Rezept der Landfrauen steht nebenan verzehrbereit auf dem Tisch. Es gibt Pellkartoffeln mit Quark. Was im Vergleich auffällt: Die arabischen Gerichte werden aufwendig angerichtet. Auf große Platten kommt zunächst die Beilage, darauf dann das Fleisch, das mit Gemüse, Kräutern oder gerösteten Nüssen verziert wird. Berge von Essen trägt die Kochtruppe ans Buffet. Das Projekt „Intissgu – Integriert is(s)t gut“ hat der Landfrauenverband der Pfalz initiiert, es wird gefördert vom Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung. 50 Landfrauenvereine sollten gemeinsam mit Frauen mit Migrationshintergrund kochen. Die Rezepte aller zubereiteten Gerichte werden in einem Kochbuch gesammelt. In der VG Winnweiler taten sich die Münchweilerer Landfrauen mit dem Café Global zusammen – alle Interessierten konnten ihre Kochvorschläge einbringen. Dann wurde eingekauft. Die Grundzutaten unterscheiden sich von den deutschen gar nicht so sehr: Karotten, Tomaten, Zwiebeln, Hackfleisch und Hähnchen. Ausgefallen wird es erst bei den Gewürzen, die zum Teil von den Frauen selbst mitgebracht worden sind. Für das Reisgericht Kapse gibt es zum Beispiel ein extra Gewürz. Und auch Kurkuma kommt fast überall zum Einsatz – selbst dort, wo es eigentlich nichts zu suchen hat: „Rotraut, du hosch Kurkuma an de Nos“, gibt Denise Schneller den nützlichen Tipp, bevor es gleich aufs Gruppenfoto geht. Satte fünf Kilo Reis hat die Vorsitzende der Landfrauen bei der Einkaufstour am Montag besorgt – und dabei gelernt: Erstens gibt es nicht nur weißen Reis, und zweitens wird er vor dem Kochen gewaschen. „Die Frauen sind total aufgeblüht“, berichtet Schneller und ergänzt: „Wir werden das auf jeden Fall wiederholen.“ Auch jetzt ist den Hobby-Köchen anzusehen, wie viel Spaß sie haben: Der Geräuschpegel im Raum ist enorm, über die Kücheninseln werden Gewürze, Öl und Löffel zum Probieren hin und her gereicht. Kurz bevor das Essen beginnt, verdoppelt sich plötzlich wie von Geisterhand die Anzahl der Personen – Reismenge und Lautstärke hingegen nehmen rasant ab. Denn mit vollem Mund spricht man nicht – weder in Deutschland noch im arabischen Raum.