Donnersbergkreis Klangwonnen mit kleinen Einschränkungen

91-91921110.jpg

Auf machtvolle Prachtentfaltung bedacht war am Sonntag Dirigent Stefan Wasser beim Konzert seines mit Sängern aus Kreuznach verstärkten und von einem soliden Solistenquartett unterstützten Nordpfälzer Oratorienchors, diesmal in Kirchheimbolandens komplett besetzter katholischer Peterskirche. Geboten wurde ein reines Bach-Programm. Der Instrumentalpart oblag der Kammerphilharmonie Europa, einem freien Sinfonieorchester aus der Kölner Gegend, und dem Trompetenensemble Egbert Lewark.

Bach im Klanggewand des klassischen Sinfonieorchesters – das hört man heute nicht mehr oft. Die historisch informierte Aufführungspraxis arbeitet mit Instrumenten, Spieltechniken, Artikulationsweisen und Besetzungsstärken, wie sie im Barock üblich waren, und sie hat vielfach gezeigt, dass damit diese ferne Musik plausibler, verständlicher, durchhörbarer wird, als wenn man ihr mit den Klangvorstellungen des 19. Jahrhunderts zu Leibe rückt. Sinfonisch dicht, oft genug kaum durchschaubar wuchtig und wenig konturenscharf war der Instrumentalpart, den Wasser mit seinen Instrumentalisten und dem groß besetzten und daher klangmächtigen Chor verwirklichte. Der war zwar gut vorbereitet, aber als er am Ende nach anhaltendem, selbst für den Hörer in der letzten Reihe anstrengend lautem Fortissimo sich noch einmal steigern sollte, geriet er fast ins Schreien. Da insgesamt aber durchaus fähige Musiker am Werke waren, gelang auch viel Schönes, besonders in den solistisch instrumentierten Sätzen. Zu hören waren Bachs berühmte dritte Orchestersuite, seine Adventskantate „Nun komm, der Heiden Heiland“ und das prachtvolle Magnificat, der Lobgesang Mariens im lateinischen Text. Die Ouvertüre der Orchestersuite setzt breit und getragen ein, in dichtem sinfonischen Klang. Prachtvoll klingen die Trompeten und Pauken, aber auch laut und vordringend. Dumpf und wenig konturenscharf dagegen die Bassgruppe. Die Streicher bringen ihre wiederkehrenden Figuren ohne verlebendigende Binnengestaltung – im Barock ist nicht ein Ton wie der andere zu spielen. Die berühmte Air hat indes Verdienste. Wasser nimmt sie als Andante, also durchaus flüssig voranschreitend. Warm und differenziert pulst der Bass den Rhythmus, schön intoniert singen die Violinen – eine verhaltene, keineswegs gefühlig zerdehnte Interpretation, die gefällt. Knallig im Klang und rhythmisch hemdsärmelig kommt die Gavotte, auch Bourrée und Gigue setzen auf den Glanz der Trompeten und Pauken, die klanglich und rhythmisch hervorragend spielen. Zu Beginn der Adventskantate überdecken die hohen Streicher – es sind für diese Musik einfach zu viele – die Oboe, und sobald der Chor mit klanglicher Macht einsetzt, ist der Orchestersatz kaum noch zu hören. Immerhin – das straffe Tempo, das Wasser vorgibt, schaffen alle Beteiligten gut. So hat der Eingangschor Zugkraft und Wucht. Der Neustadter Tenor Thomas Jakobs, dessen Stärke in der lebhaft gestaltenden Textausdeutung liegt, hat zu solchen Differenzierungen wegen des raschen Tempos, das Wasser vorgibt, schlichtweg keine Zeit. Dem Bass hat Bach eine Koloratur-Bravur-Arie heldischen Charakters zugedacht; Stefan Grunwald macht das recht ordentlich. Die kurzfristig, aber noch vor Druck des Programmhefts eingesprungene Sopranistin Gunda Baumgärtner und Katja Boost, Alt, singen ihr gemeinsames Akkompagnato-Rezitativ klar und ausgewogen, breit fließend entfaltet sich der Schlusschoral. Plastische Einsätze strukturieren den Eingangschor des Magnificats, der ins Monumentale mündet. Katja Boost, jetzt als Sopran II, fordert für ihr „Et exultavit“ freieren Vortrag – der Dirigent gewährt ihn. Baumgärtner singt klangprächtig, aber in Gebärde und Gestaltung recht musical-like. Im Bass-Solo „Quia fecit“ gefällt vor allem das vorzügliche rhythmusbetonte Kontrabassspiel. Jakobs` „Deposuit“ ist lebendig durchgestaltet. Auch die Ensembles gelingen. Der doch fehlende zweite Solosopran wird hier von zwei Choristinnen gesungen. Das ist klanglich völlig in Ordnung – dass sie dann aber mit laut auf den Steinboden knallenden Absätzen rund um den ganzen Zuschauerblock eilen, um wieder ihren Platz im Chor zu erreichen, nicht. In den zwei Schlusschören sind die Tempi recht langsam geworden. Wasser setzt noch einmal ganz auf klangliche Wucht. Der Beifall ist – verdientermaßen – anerkennend, und da man neuerdings auch bei geistlichen Konzerten Zugaben gibt, musiziert man nochmals den Eingangschor als Dacapo.

x