Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Kirchheimbolanden/Winnweiler: Junge Unternehmer in der Pfalz

Wünscht sich eine Art lockeres Netzwerk von jungen Unternehmern in der Region: Katharina Sauer.
Wünscht sich eine Art lockeres Netzwerk von jungen Unternehmern in der Region: Katharina Sauer.

Junge, hippe Unternehmensgründer, die zieht es nach Berlin oder Köln – ist das wirklich so? Und welche Vorteile bietet der Donnersbergkreis, das Leben und Arbeiten auf dem Land, gegenüber der Großstadt? Ein Redaktionsgespräch mit jungen Unternehmern, die sich bewusst für eine Karriere hier entschieden haben.

Katharina Sauer lebt und liebt ihre Produkte von ganzem Herzen. „Kindeskinder“, die besonderen Gewürzmischungen aus dem Haus KKS in Kirchheimbolanden, waren ihre Idee, sind ihr Ding. Nach Studium in Berlin und Bonn sowie einigen Auslandserfahrungen kehrte die heute 33-Jährige in den mittelständischen Familien-Betrieb der Eltern zurück. Daniel Pfleger ist im Donnersbergkreis geboren, aufgewachsen, hat bei Keiper in Rockenhausen seine Ausbildung gemacht – und jettet jetzt von hier aus durch die ganze Welt. Seine Firma „RTS“ in Winnweiler ist auf fahrbare Kamerasysteme für Film- und Fernsehproduktionen spezialisiert. Die Geräte aus dem Donnersbergkreis kommen in Hollywood genauso zum Einsatz wie bei den Olympischen Spielen, der Oskar-Verleihung oder der Fashion Week.

Starker Standort

Aus der Pfalz wegzuziehen, kam für den 40-Jährigen nie infrage – obwohl die restliche Filmindustrie eher in Köln, Berlin, Hamburg oder München sitzt. „Wir sind hier doch superzentral“, sagt Pfleger im RHEINPFALZ-Gespräch auf der Sommerterrasse der Redaktion in Kirchheimbolanden. „Wir haben mit unserer Firma hier angefangen, weil wir hier herkommen. Aber schnell war klar, dass wir sowieso immer unterwegs sein müssen. Mal Paris, mal Köln, mal Hamburg. Da ist die gute Autobahnanbindung perfekt – und dass wir eben ziemlich mittendrin liegen“, sagt Pfleger. Auch die Nähe zum Frankfurter Flughafen sei prima. „Wir fliegen natürlich oft, da ist das von Vorteil.“ Warum dann aber nicht gleich ins Rhein-Main-Gebiet ziehen? Bei dieser Frage schüttelt Pfleger verständnislos den Kopf. Lebensqualität, Immobilienkosten – gerade bei den Lagerflächen, die sie benötigen –, aber auch der Verkehr, das alles spräche absolut dagegen. „Bis wir aus Frankfurt und den Staus raus wären, sind wir jetzt schon halb in Köln.“ Aber wie ist das, wenn Auftraggeber aus der ganzen Welt „Winnweiler“ auf der Visitenkarte lesen? „Dank Mark Forster kennen das zumindest ein paar mehr in Deutschland“, sagt Pfleger lachend. „Aber im Ausland sagen wir immer, Winnweiler liegt bei Frankfurt. Das kennen die meisten. Selbst Kaiserslautern kennen nämlich nur wenige. Wenn man Glück hat, trifft man in Amerika mal jemand der durchs Militär in Ramstein war.“

Sauer schätzt ländliche Verbindlichkeit

Für Katharina Sauer war die Rückkehr aufs Land schon ein kleiner Kulturschock: „Ich kannte das Leben natürlich vorher. Ich bin hier ja aufgewachsen. Und ich weiß auch viele Dinge sehr zu schätzen.“ So sei vieles verbindlicher, als in der Großstadt, findet Sauer. „Man kennt die Leute, lebt im Grünen in einem behüteten Kosmos.“ Dennoch reicht das Katharina Sauer aktuell nicht. Gerade hat sie eine Zweitwohnung in einer WG in Mainz bezogen. „Das ist sicher meiner momentanen Lebenssituation geschuldet. Ich bin eben noch nicht verheiratet und habe keine Kinder, wie die meisten Bekannten in meinem Alter. Mir fehlt hier auf dem Land einfach der Austausch und die Eindrücke von außen, die auch neue Ideen bringen.“ Kulturelle Angebote gebe es zwar reichlich, aber eben eher für eine ältere Zielgruppe, findet Sauer. In Mainz, gerade in der Neustadt, träfe sie viele junge Unternehmensgründer, es bildeten sich Netzwerke oder Möglichkeiten zum Austausch. Das fehlt hier, sind sich Pfleger und Sauer einig. Eine Art lockeres Netzwerk von jungen Unternehmern in der Region, die sich austauschen und voneinander profitieren können.

Start-up Hype

Auf der anderen Seite beurteilt Sauer den momentanen Start-up-Hype auch kritisch, der wohl auch durch Fernsehsendungen wie „Die Höhle der Löwen“ ausgelöst wurde. „Es ist schon auch so, dass in der Großstadt an allen Ecken hippe Start-up-Firmen gegründet werden, von denen man aber oft den Eindruck hat, dass es dabei nicht um Herzblut, sondern vor allem darum geht, möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Mir fehlt da manchmal die Leidenschaft“, sagt Sauer. Ein Phänomen kennt auch Pfleger aus der Film- und Fernsehwelt dabei nur zu gut: „Wir sind oft bei Produktionen dabei, von denen wir uns fragen, wer produziert denn so einen Quatsch. Das schaut doch keiner. Aber alle vor Ort sind total begeistert von der Idee. Und am Ende wird es ein Riesenflopp“. „Das ist diese gigantische Filterblase, in der viele in der Großstadt leben. Das führt sicher auch dazu, dass viele Produkte an den Bedürfnissen der Menschen vorbei entwickelt werden. Es sind eben nicht alle Mitte 20, Leben in Berlin-Mitte und suchen ein neues Topping für ihre Quinoa-Bowl“, so Sauer. Sie erlebe das immer, wenn sie auf Designmärkten mit ihren Gewürz-Verkaufsständen unterwegs ist. „Es sind nicht die jungen Leute, die vor allem unsere Produkte kaufen. Die diskutieren nämlich vorher darüber, ob sie sich eine Gewürz-Dose mit ihrer WG-Mitbewohnerin teilen. Es sind die Ü50-Jährigen, die Spaß an gutgemachten und hochwertigen Dingen haben.“ Oft würde sie gefragt werden, ob „Kindeskinder“ ein Start-up sei. „Ich antworte dann immer stolz: ,Nein, wir sind ein Familienunternehmen und nicht auf der Suche nach Investoren’.“ Schwierig sei es auf dem Land neue Mitarbeiter zu finden, sagt Pfleger. „Wir haben natürlich besondere Anforderungen. Suchen Leute hier aus der Region, die gleichzeitig gerne in der Welt rumreisen wollen. Sie sollen technikaffin sein und dennoch ein gutes Auftreten haben. Das ist nicht einfach. Solche Leute findet man dann doch eher in der Großstadt. Und meistens wollen die da dann nicht weg oder zumindest nicht weiter als eine halbe Stunde zur Arbeit fahren.“

Familienunternehmen im Trend

Dabei überwögen die Vorteile deutlich. „Es suchen auch immer mehr Leute kleine Familienunternehmen“, weiß Sauer. „Viele schätzen das persönliche Umfeld und die Sicherheit, dass die Inhaber selbst alles dafür tun, dass es dem Betrieb gut geht. In einem großen Konzern ist man eben nur eine Nummer.“ Hier sehen sowohl Pfleger als auch Sauer die Chancen für den Kreis: kleine und mittelständische Unternehmen, die nicht darauf angewiesen sind, die Produkte vor Ort zu verkaufen, aber die Vorteile des ländlichen Raumes erkennen. Die Politik sei gefragt das Land für Arbeitnehmer attraktiv zu machen. Internet und Handyempfang seien dabei zwei wichtige Beispiele, findet Pfleger. „Wir können durchaus selbstbewusst sein. Ich war letztens auf einer Hochzeit in einem kleinen Dorf in Brandenburg eingeladen. Das war vielleicht trostlos. Dagegen ist Kibo richtig kosmopolitisch“, sagt Sauer lachend. Ein neues Unternehmen zu gründen, das glauben beide, sei auf dem Land einfacher, als in der Stadt. Wegen der Kosten, aber auch der kurzen Wege, zum Beispiel zu Verwaltungen oder Behörden. RTS hat für den Spagat zwischen Metropole und Landleben eine praktikable Lösung gefunden. Die Firma hat ihr Kameraequipment auch in Amerika oder Japan vorrätig. Das spart Transportkosten. „Demnächst kommt wohl noch England hinzu. Man weiß ja nicht, was da mit dem Brexit noch passiert“, sagt Pfleger. Und Sauer? „Die Mischung macht’s“, sagt sie mit einem Augenzwinkern in Richtung ihrer Produkte. Und ergänzt: „Früher fand’ ich es ja auch spießig, dass samstags die Straße gekehrt wird. Aber heute freue ich mich auch, dass es hier sauber ist.“

Sieht im Standort Winnweiler einige Vorteile für eine Firma, die weltweit unterwegs ist: Daniel Pfleger.
Sieht im Standort Winnweiler einige Vorteile für eine Firma, die weltweit unterwegs ist: Daniel Pfleger.
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