Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Kirchheimbolanden: Borg Warner weiterhin im „Krisenmodus“

Der Campus von Borg Warner in Kirchheimbolanden: Dort kämpft man weiterhin mit den Veränderungen in der Automobilindustrie.
Der Campus von Borg Warner in Kirchheimbolanden: Dort kämpft man weiterhin mit den Veränderungen in der Automobilindustrie. Foto: Stepan

100 Mitarbeiter haben das Borg-Warner-Werk in Kirchheimbolanden in der Zwischenzeit verlassen. Zahlreiche weitere werden folgen. Denn der amerikanische Automobilzulieferer hat in Kirchheimbolanden weiterhin zu kämpfen. Doch trotz Krise blicken Werkleitung und Betriebsrat hoffnungsvoll in die Zukunft.

„Wir kämpfen nach wie vor mit den Veränderungen in der Automobilindustrie“, betont Werkleiter Jürgen Adam – und fügt im Gespräch mit der RHEINPFALZ an: „Alles, was da kommt, bedeutet für uns rückläufige Produktionsmengen.“ Etwa 80 Prozent der in Kirchheimbolanden hergestellten Produkte sind für Dieselmotoren. Aufträge gehen im Zuge der Dieselkrise seit einiger Zeit zurück. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, den Standort Kirchheimbolanden fit für ein verändertes Umfeld zu machen. Ziel ist es, die Wettbewerbsfähigkeit abzusichern, den Standort neu aufzustellen und zukunftsrobust zu machen.“

Das, so sagt Adam, sei jedoch nur mit einigen schwierigen Maßnahmen zu stemmen. Seit einem dreiviertel Jahr spreche man darüber mit dem Betriebsrat. „Natürlich gibt es da in Teilen auch unterschiedliche Sichtweisen“, so der Werkleiter. Dennoch habe man sich darauf verständigt, gemeinsam ein Lösungspaket zu erarbeiten. „Das ist noch nicht fertig“, sagt der Werkleiter. Themen wie Interessensausgleich und Sozialplan werden in den weiteren Verhandlungen noch eine Rolle spielen. Bis Ende des Jahres, so hofft Adam, soll das Paket stehen.

Ein Standort weniger

„Momentan fehlen uns einfach die Volumen“, blickt Adam auf die Produktionsmengen. Der Plan für die Zukunft sieht eine Verschlankung vor – der Produktionsmengen und der Mitarbeiter. In den nächsten drei bis vier Jahren soll Schritt für Schritt das, was derzeit im Werk 2 in der Robert-Bosch-Straße in Kirchheimbolanden produziert wird, auf den Campus in der Marnheimer Straße verlagert werden. „Hier am Campus versuchen wir uns neu zu konsolidieren. Durch diese Verlagerung gibt es auch weniger Logistikaufwand“, erläutert der Werkleiter.

Im Werk 2 werden überwiegend zweistufige Turbolader, zudem eine kleinere Anzahl Nutzfahrzeuglader produziert. Zirka 400 Mitarbeiter sind dort tätig. Insgesamt sind in den Werken in der Robert-Bosch- und der Marnheimer Straße aktuell rund 1700 Menschen beschäftigt. Das angemietete Werk 2 werde man nach der Umstellungsphase aufgeben. Platz geschaffen werde in der Marnheimer Straße durch Produktionslinien, die auslaufen.

„Wir werden Arbeitsplätze abbauen“, sagt Adam. „Wie viele Mitarbeiter letztlich betroffen sein werden, wird die Zukunft zeigen.“ Er macht deutlich: „Es wird durchaus eine größere Anzahl.“ Fügt aber an: „Wir wollen Mittel ausschöpfen, um die Anpassung ohne betriebsbedingte Kündigungen zu erreichen.“ Heißt: Altersteilzeitregelungen, Fluktuation, Mitarbeiter, die in andere Werke des Automobilzulieferers wechseln, dazu ein Freiwilligenprogramm mit Abfindungen. Damit habe man schon in diesem Jahr begonnen. „Um ein Gespür zu bekommen, ob wir ohne Kündigungen hinkommen.“ Und es habe sich gezeigt, dass es einige gebe, die das Werk einerseits verlassen oder an dem Programm mit Abfindungen interessiert sind. Rund 100 Personen sind es nun im Werk weniger, wie Adam berichtet.

Neuer Betriebsratsvorsitzender

Man habe es sich als Betriebsrat nicht leicht gemacht, einem solchen Programm zuzustimmen, liege inhaltlich auch in manchen Dingen auseinander, betont der neue Betriebsratsvorsitzende Frank Kling. Der 51-Jährige ist verheiratet, lebt in Albisheim. Von Seiten des Betriebsrates habe man selbst versucht, Aufträge einzuholen, habe im Headquarter vorgesprochen. Und habe schließlich mit TBS eine Unternehmensberatung ins Boot geholt. Ergebnis: Wenn man in Kirchheimbolanden die Restrukturierung nicht vornehme, habe der Standort keine Zukunft. Auch um unpopuläre Entscheidungen komme man nicht umhin.

Abbau über ältere Mitarbeiter

„Seit der Betriebsversammlung im September ist auch beim letzten Mitarbeiter angekommen, dass wir im Krisenmodus sind“, verdeutlicht Kling. Erfreulich sei in dieser Situation die Arbeitsmotivation in der Belegschaft. Er betont: „Jeden Arbeitsplatz, den wir halten können, werden wir halten.“ Zudem sei es Bedingung des Betriebsrates, dass es keine betriebsbedingten Kündigungen gebe. Im Werk gebe es eine Altersstruktur, die es ermögliche, einen größeren Abbau der Belegschaft über ältere Mitarbeiter fahren zu können, sagt Adam. Das, ohne den Zufluss an Auszubildenden stoppen zu müssen. Denn gerade für die Zukunft brauche Borg Warner neues Know-how.

„In schwierigen Situationen gibt es nur eine Strategie: Offene Kommunikation zu den Mitarbeitern und den Betriebspartnern“, betont Adam. Er zeigt sich aber auch zuversichtlich: „Wir sind relativ optimistisch, dass wir ein Maßnahmenpaket erstellen, mit dem wir in der Lage sind ein stabiles, zukunftsfähiges Werk an den Start zu bringen.“ Eine Garantie für den Erhalt dieses könne er gleichwohl nicht geben. „Wir werden aber alles dafür tun, um die Zukunft zu sichern.

Drei Segmente bedienen

Bei der Umstrukturierung gebe es ein großes Fragezeichen: Wie entwickelt sich der Umsatz? „Natürlich sprechen wir mit den Fahrzeugherstellern“, sagt der Werkleiter. Selbstverständlich beobachte man auch generell den Markt, wie Unternehmenssprecher Hans-Peter Vater berichtet. Von den Herstellern gebe es aber keine klaren Prognosen. „Die Elektromobilität kommt. Wie schnell, mit welchem Mix, das ist unklar“, so Adam.

Von heute auf morgen funktioniere das aber gleichwohl nicht. Batterieproduktionen, Logistik, Ladeinfrastruktur nennt der Werkleiter hier als Beispiele, die ebenfalls angepasst werden müssten. Dennoch heiße das für Borg Warner, sich weiter umzuorientieren. „Wir machen uns auf, alle drei Segmente zu bedienen: Verbrennungsmotoren, Hybridfahrzeuge und reine Elektromobilität“, gibt der Werkleiter einen Blick in die Pläne. Für den Standort Kirchheimbolanden heiße das den Schritt in Richtung elektrifizierter Turbolader. „Der E-Turbo wird entwickelt“, sagt Adam.

Das Interesse daran sei bereits hoch. Beim E-Turbo geht es darum, die Lagerung des Turboladers um einen Elektromotor zu ergänzen. Dieser kann dann je nach Anforderung den Turbolader unterstützen oder überschüssige Rotationsenergie in Form von elektrischer Leistung ins Fahrzeug zurückspeisen. Ein Elektromotor direkt neben einer glühenden Turbine stellt jedoch auch eine große Herausforderung für die Ingenieure dar.

Ladetechnik ist DNA

Eines macht Jürgen Adam klar: „Wir geben den Turbo nicht auf.“ Auch in Hybrid-Fahrzeugen werde ein Turbolader benötigt. Und Unternehmenssprecher Vater ergänzt: „Neben all dem Hype um die E-Mobilität sehen wir durchaus Chancen für den Turbolader.“ Das zeige auch ein Blick auf die Zahlen. Studien prognostizieren laut Vater einen weiteren Anstieg der Verbrennungsmotoren. Im Jahr 2023 sollen demnach weltweit neben den 76 Millionen Fahrzeugen mit reinem Verbrennungsmotor noch weitere 26 Millionen Hybridfahrzeuge ebenfalls mit Verbrennern ausgerüstet werden.

„Wir wollen nichts beschönigen. Die Situation ist schwierig. Von außen kommt ein großes Problem auf uns zu, dem wir uns stellen“, berichtet der Werkleiter. Man werde sich weiterhin für neue Geschäfte bewerben. „Wir setzen weiter auf die Ladetechnologie. Das ist unsere DNA in Kirchheimbolanden, das ist unsere Stärke. Und dennoch machen wir auch einen Schritt zur Elektrifizierung. Dafür ist auch neue Kompetenz gefragt“, so Adam.

x