Donnersbergkreis
Kirchheimbolanden: Art-Hotel Braun stellt „Kunstwerk des Jahres 2020“ vor

Beim Hinaufsteigen zur Rezeption des Hotel Braun bemerken es die meisten Besucher noch gar nicht. Aber spätestens beim Hinabsteigen fällt es unweigerlich ins Auge: Perfekt an die Unterseite der Treppe des halben Stockwerks vom Parterre zur ersten Etage angepasst, hängt das Kunstwerk „Ende und Anfang“ von Vanessa von Wendt, gemalt mit Kohlestift und Acryl auf Holz.
Genau für den Ort geschaffen
Dass ein Werk genau für den Ort geschaffen wird, an dem des später hängen soll, ist mittlerweile doch eher eine Seltenheit im Kunstbetrieb, was der Künstlerin bei der Ausführung besondere Freude machte: „Lediglich der Ort und damit auch das Format standen von Anfang an fest, nachdem wir uns bei einer Begehung auf diese besondere Stelle geeinigt hatten“, berichtet sie. „Ansonsten war ich vollkommen frei in meinem Tun.“
Diese Freiheit hat sie wunderbar genutzt: Die Fläche von knapp anderthalb auf drei Meter hat Vanessa von Wendt in acht etwa 35 Zentimeter hohe Bahnen eingeteilt, die wiederum jeweils in zwei oder drei Rechtecke unterteilt sind. In diese Räume setzt die Künstlerin nun mit leichter Hand verschiedene Szenen, die auf den ersten Blick gleichzeitig zusammenhängend und zusammenhanglos wirken. Hier reihen sich locker und spielerisch verschiedenste Figuren aneinander.
Laudatorin Lydia Thorn Wickert führt dazu aus: „Es geht um Frauen, um Liebe, fließendes Wasser, Gefäße, die es auffangen und gleichzeitig wieder abgeben, biblische Szenen, Märchenfiguren, Schutzsuchende und Beschützte, Objekte mit Symbolgehalt wie Muscheln und Lilien, die Heilige Schrift, Maria.“ Die einzelnen Felder um die Figuren herum strahlen in leuchtenden Farben, so etwa in Mittelmeerblau, in tiefem Rot, zarten Grün und leuchtendem Gelb. Die Figuren selbst bestechen auch formal in ihrer Schlichtheit, sie sind lediglich mit Kohlestift ausgeführt und nur an einzelnen Stellen – und dort ganz gezielt – mit Farbe gefüllt. Trotzdem gehen die Zeichnungen nicht im Hintergrund unter, ganz im Gegenteil: Sie scheinen regelrecht zu leuchten. Ein Effekt, der durch die Umgebungsfarbe erzeugt wird: Je dunkler die Farbe drum herum ist, umso mehr erstrahlen die Figuren von innen heraus. Dieser Effekt gibt dem Bild eine immense Tiefe und Lebendigkeit.
Unendlicher Symbolgehalt
Das Programm ist, wie Vanessa von Wendt erklärt, in der geistigen Auseinandersetzung mit verschiedensten Themen entstanden. So erklärt sich auch der momenthafte Charakter der Zeichnungen: Es gibt kein durchgehendes Programm, sondern die Künstlerin verarbeitet immer neue Eindrücke und Themen oder flicht auch kleine Anspielungen ein: So erkennt man in der oberen linken Ecke, nach abendländischer Leserichtung am Anfang des Kunstwerkes also, einen jungen Bananenbaum. Den hat sie zu Ehren der Auftraggeberfamilie Martin in ihr Werk „eingepflanzt“.
Es tummelt sich also ein unendlicher Symbolgehalt in diesem Bild, man kann die Augen gar nicht abwenden von den Figuren, entdeckt immer wieder etwas Neues. Dieser Effekt wird noch dadurch verstärkt, dass die Figuren nicht in „ihrem Feld“ verbleiben – sie sind fließend angeordnet, überschreiten die mit den Farben gesetzten Grenzen der Felder und schaffen so eine wahnsinnige Lebendigkeit und einen formalen Kontext zwischen den einzelnen Szenen.
Die Suche nach der Liebe Gottes
Trotzdem aber gibt es auch einen inhaltlichen Zusammenhang, einen roten Faden, wie Lydia Thorn Wickert erklärt: „Es ist das Immaterielle, das Vanessa von Wendt beschäftigt und wofür sie in ihren jüngeren Bildern Ausdrucksformen sucht. Ist ’Anfang und Ende’ nichts anderes als ein Ausdruck für Vergänglichkeit, so steckt in der Umkehrung der Gedanke der Ewigkeit. Gott, ein anderes Wort für Ewigkeit, ist mehr und mehr zum zentralen Thema der Künstlerin geworden. Ohne Pathos und völlig unaufgeregt stellt Vanessa von Wendt ihr eigenes Lebensbild dar, tief geprägt von der Suche nach der Liebe Gottes, die sie seit 2016 neben ihrem Beruf als Künstlerin auch einem Theologiestudium nachgehen lässt.“
Insgesamt hat man beim Anblick des Werkes den Eindruck, mit einer stillen, aber immens tiefgründigen Künstlerin zu tun zu haben, was sich auch in der Wahl der beiden Märchenfiguren auf dem Werk widerspiegelt: Sterntaler und Aschenputtel. „Den beiden wohnt eine gewisse Bescheidenheit inne“, sagt Vanessa von Wendt dazu, „das gefällt mir sehr.“
Kurz-Info
- Angeschlossen an das Kunstwerk des Jahres ist eine Ausstellung der Künstlerin, die Arbeiten aus den Jahren 2009 bis 2019 zeigt und die die künstlerische Entwicklung von Vanessa von Wendt von der Akademieschülerin hin zur eigenständigen Künstlerin sichtbar macht. Zahlreiche Bildelemente und Motive kehren über große Zeiträume hinweg in den Bildern immer wieder, der pastose, teigige Farbauftrag der Akademiezeit aber ist einer eher dünnen Farbgebung und der starken Konturierung durch den allgegenwärtigen Kohlestift gewichen.
- Die Arbeit „Ende und Anfang“ von Vanessa Wendt kann von Montag bis Freitag von 8 bis 23 Uhr im Art-Hotel Braun in der Uhlandstraße 1 in Kirchheimbolanden besichtigt werden.
- Auch die nächste Ausstellung steht bereits in den Startlöchern: Im Sommer stellt die in China geborene Künstlerin Echo Can Luo aus Kassel im Art-Hotel Braun aus.