Donnersbergkreis Kämpfen für die Identität

Seit mehr als 30 Jahren lebt Aida Kidane in Deutschland, ihre Kinder sind hier geboren, alle fühlen sich als Deutsche – auch wenn vor allem die Mutter häufig wegen ihrer dunklen Hautfarbe angefeindet worden ist. Was ihr jetzt passiert ist, als sie die deutsche Staatsbürgerschaft für die Familie beantragt hat, macht sie wütend und ist für sie ein weiteres Zeichen der Diskriminierung, die sie nicht mehr still hinnehmen will.
„Warum jetzt?“, fragen sich Aida Kidane, ihre Kinder Asia (18), Aijanna (17) und Junior (16) sowie ihr Rechtsanwalt Thomas Oberhäuser aus Ulm, Spezialist für Staatsangehörigkeitsrecht. Im Juli wurde in Kidanes blauen Reisepass, ein Identitätsdokument für Flüchtlinge, jener Vermerk eingetragen, der entscheidend für eine Einbürgerung sein könnte: „Die Personendaten beruhen auf den eigenen Angaben der Antragstellerin.“ Dass dieser Satz bisher nicht in Kidanes Ausweis stand, war das Widerspruchsargument ihres Anwaltes gegen die abgelehnte Einbürgerung. Als sie nun jedoch einen Ausweis für ihren gerade 16 Jahre alt gewordenen Sohn beantragen wollte, habe man bei der Ausländerbehörde ihren Ausweis sowie den von der ältesten Tochter Asia einbehalten und trotz ihrer Proteste den Eintrag vorgenommen. Das Problem: Nur wessen Identität einwandfrei nachgewiesen ist, der kann auch die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen. Und nur, wessen Eltern eine Identität haben, kann sie bekommen – es trifft also die ganze Familie. Warum ihre Identität plötzlich angezweifelt wird, ist Aida Kidane unklar. 1973 in Eritrea geboren und kurz danach mit ihrer Mutter geflohen, kam sie Ende der 1970er Jahre nach Deutschland. Anerkannt wurden sie als politische Flüchtlinge, Geburtsland und -datum per eidesstattlicher Erklärung festgehalten, so erinnert sie sich. Ihre Kinder haben deutsche Geburtsurkunden. Auch bei deren Ausstellung sei ihre mit dem blauen Pass belegte Identität nie in Frage gestellt worden. Ungewollt zu sein, anders zu sein, das hat Aida Kidane oft zu spüren bekommen: Als Kind ist sie im sudanesischen Flüchtlingslager mit Steinen beworfen, auf einem bayrischen Dorffest mit ihrer Mutter von Nazis verprügelt worden und schließlich: der Verlust einer Lehrstelle als Metzgereiverkäuferin, weil die Kundschaft den Chef erpresste: „Die Schwarze muss weg, oder wir kaufen nicht mehr bei dir ein.“ Damals schon machte ihr Fall Schlagzeilen in der regionalen Presse, doch Aida Kidane wollte nicht kämpfen. Aber das will sie jetzt. Jetzt, wo sie eine feste Arbeit hat, ihre Kinder groß sind. Nach Kaiserslautern kam die Familie zu einem Ausflug auf die Gartenschau, Aida Kidane bewarb sich auf eine Wohnungsanzeige und bekam die Wohnung. „Das war eine ganz neue Erfahrung. Endlich keine Ablehnung!“ Das war 2006. Die Kinder sind glücklich hier, die Mädchen besuchen die Oberstufe des St. Franziskus-Gymnasiums, Junior die Kurpfalz-Realschule plus. Ihre Mutter hat sich als Alleinerziehende hochgearbeitet: von der Zeitarbeiterin zur Kommissioniererin zur Abteilungsleiterin Qualitätssicherung in einem Textilversand. Und vor drei Jahren beantragte sie für sich und ihre Kinder die deutsche Staatsbürgerschaft. „Ich habe mir das Land ja nicht ausgesucht, aber ich habe mich integriert und identifiziere mich damit“, sagt sie. Die Bearbeitung zog sich hin, die Familie inzwischen vom Landkreis in die Stadt um, die Unterlagen wurden weitergereicht. Die beiden Töchter bekamen mit 16 eigene Ausweise: graue „Reiseausweise für Ausländer“ und Aufenthaltstitel in Scheckkartenformat. Eine Demütigung für ihre Kinder, die sich doch als Deutsche fühlen, findet die Mutter. Und die 18-jährige Asia Kidane fügt hinzu: „Mich unterscheidet doch nichts von meinen Klassenkameradinnen.“ Außer, dass sie nach dem Abitur nicht einfach ein Freiwilliges Soziales Jahr, vielleicht in Afrika, machen kann. Mit ihren Ausweisen nicht möglich. Nur Reisen innerhalb Europas sind damit machbar. Ihre Mutter zermartert sich den Kopf, warum man sie nicht will. Warum in einer Stadt, die vor wenigen Wochen die 1000. Einbürgerung groß feierte, für sie eine Einbürgerung nicht möglich ist. Sie fragt sich, warum ihr 2007 problemlos der Ausweis auf der Kaiserslauterer Ausländerbehörde erneuert wurde, auch die beiden Töchter keinen Eintrag im Ausweis bekamen, dann aber plötzlich doch der Identitätszweifel bekundet wurde. Kidane wundert sich ferner, was wohl falsch gelaufen ist bei der Anhörung vorm Stadtrechtsausschuss, zu der sie geladen wurde, nachdem sie gegen die Ablehnung der Ausländerbehörde Widerspruch eingelegt hatte. Die Familie will nun vor Gericht um ihre Identität kämpfen. Denn nach Meinung ihres Anwalts ist der Eintrag im Ausweis rechtswidrig. Die Stadt Kaiserslautern will sich zu dem Fall wegen des laufenden Verfahrens nicht äußern.