LOHNSFELD RHEINPFALZ Plus Artikel In freier Wildbahn heißt es jetzt: Leben im Energiesparmodus

Diese Herde Rehe hat unser Mitarbeiter Winfried Maier vor wenigen Tagen im Jagdrevier Lohnsfeld fotografiert.
Diese Herde Rehe hat unser Mitarbeiter Winfried Maier vor wenigen Tagen im Jagdrevier Lohnsfeld fotografiert.

Spätestens wenn die Nächte knackig kalt sind, die Tagestemperaturen nur noch wenig über Null steigen und der erste Schnee gefallen ist, hat für die freilebenden Tiere das Leben unter winterlichen Bedingungen begonnen. Auch im Donnersbergkreis muss jetzt das Wild mit der Kälte und dem knapper gewordenen Nahrungsangebot zurechtkommen, wobei die Äsung zuweilen unter einer Schneedecke verborgen ist und erst freigescharrt werden muss.

In dieser Situation verbeißen die Rehe vermehrt Knospen und Triebe junger Bäume und Sträucher. Nach Ansicht von Jägern und Förstern sind die hier vorkommenden Wildarten dem Leben in der kalten Jahreszeit zwar hervorragend angepasst, dennoch mahnen sie eindringlich zur Rücksichtnahme auf die Tiere.

Auf seinen Reviergängen kann der Lohnsfelder Jagdpächter Wilhelm Theißinger jetzt das in der warmen Jahreszeit eher einzelgängerische Rehwild häufig in größeren „Sprüngen“ auf den Raps- und Saatäckern beobachten. Offensichtlich bietet in der ausgeräumten Winterlandschaft das Leben in der Gemeinschaft Vorteile: Je mehr Nasen, Augen und Ohren wachen, desto eher können potenzielle Gefahren erkannt werden.

Organismus wird zurückgefahren

Bei den weiblichen Rehen hat mittlerweile das Fötenwachstum eingesetzt, und die Böcke „schieben“ ihr neues Gehörn. Es fällt auf, dass sich die Tiere nur wenig bewegen. Mitunter verharren sie längere Zeit regungslos in der Landschaft. Neben dem dicken Winterhaar, welches sie vor übermäßigem Wärmeverlust schütze, gehöre dieser Energiesparmodus zu ihrer Überlebensstrategie im Winter. Über einen jahreszeitlichen Anpassungsmechanismus werde der komplette Organismus zurückgefahren, der Herzschlag verringere sich, und die Körpertemperatur sinke. Auch der Stoffwechsel laufe auf Sparflamme, wobei der Verdauungstrakt kleiner werde, die Verdauung sich verlangsame und der Bedarf an Nahrung zurückgehe, erläutert der erfahrene Waidmann.

Auch Kreisjagdmeister Klaus Weber bestätigt, dass die Natur mit dieser Strategie das Wild gut für den winterlichen Nahrungsengpass ausgestattet habe, vorausgesetzt, die Tiere konnten sich im Spätjahr ein dickes Fettpolster und damit ausreichende Energiereserven anfressen. „Bedingt durch den Klimawandel tragen in unseren Wäldern mittlerweile die Eichen und Buchen in immer kürzeren Abständen Mast, so auch im vergangenen Herbst. Mit dieser energiereichen Nahrung kam das Wild regelmäßig bei guter Kondition in die kalte Jahreszeit. In den zumeist milden und schneearmen Wintermonaten der letzten Jahre ist in unserer Region nie eine wirkliche Notlage für das Wild eingetreten, die eine Fütterung gerechtfertigt hätte“, sagt Weber. Lediglich das Schwarzwild habe bei länger anhaltenden Frostperioden Schwierigkeiten, Fraß aus dem hart gefrorenen Boden aufzunehmen, schränkt der Kreisjagdmeister ein.

Große Futternot eher selten

Obwohl der Schutz des Wildes vor Futternot zu den Aufgaben des Jagdschutzes gehöre, sei in Rheinland-Pfalz das Füttern von Schalenwild grundsätzlich verboten, fährt Weber fort. Im gesamten Donnersbergkreis gelte das für Rehe und Wildschweine, hinzu kämen noch Mufflons auf dem Donnersberg und Rotwild im Stumpfwald. Die zuständigen Behörden könnten allerdings bei besonderen Witterungsbedingungen auf Antrag eines Jägers die artgerechte Fütterung dieser Wildarten genehmigen, was seit Bestehen dieser Verordnung bislang aber nicht erforderlich gewesen sei, versichert der Kreisjagdmeister. Für Hase, Fasan und Rebhuhn hingegen dürfe durchaus geeignetes Futter ausgelegt werden, sofern sichergestellt sei, dass es von keiner Schalenwildart aufgenommen werden könne, fügt Weber an. Er halte es aber für wichtiger, Deckungsstreifen anzulegen, damit das Niederwild in der winterlich kahlen Feldflur besser geschützt sei vor Beutegreifern.

Nach Lothar Runge, dem Leiter des Forstamts Donnersberg, profitiere das Wild von der Bewirtschaftung der Landschaft durch den Menschen. Das dadurch in Feld und Wald vorhandene Futterangebot sei reichhaltiger als in der Natur. Nach dem Abernten der Felder würden die Rehe wegen der nun fehlenden Deckung im Spätjahr meist in den Wald ziehen. Zudem bieten die strukturreichen und naturnah bewirtschafteten Mischwälder am Donnersberg mit den eingestreuten Wiesen und der reichhaltigen Strauchschicht, insbesondere an den zahlreichen Wald- und Wegränder, dem Wild auch in der kalten Jahreszeit ausreichend Äsung.

Da das Schalenwild außer den wieder angesiedelten Luchsen und vielleicht einem durchziehenden Wolf hier keine natürlichen Feinde habe, wäre die Winterfütterung ein Eingriff in die natürliche jahreszeitlich bedingte Auslese, der durchaus einzelne schwache Tiere zum Opfer fallen können. Im Übrigen trage das Fallwild dazu bei, das Überleben anderer Arten zu sichern, zum Beispiel von Beutegreifern wie Bussard und Fuchs, verdeutlicht der Forstamtsleiter.

„Wild braucht jetzt Ruhe“

Jäger und Förster respektieren den erhöhten Ruhebedarf des Wildes im Winter durch die gesetzlich festgelegten Schonzeiten. So endet zum Beispiel die Jagdzeit für Feldhasen am 31. Dezember und für Reh-, Rot- und Muffelwild am 31. Januar. Wegen der hohen Bestände und der drohenden Gefahr durch die Afrikanische Schweinepest sind in Rheinland-Pfalz gegenwärtig die Schonzeiten für Schwarzwild aufgehoben. Auch im Staatsforst werden die Wildschweine über den 31. Januar hinaus bejagt, ausgenommen Bachen, die abhängige Frischlinge führen.

Um den Wildtieren das Überwintern zu erleichtern, rät Kreisjagdmeister Weber allen Spaziergängern, Joggern, Bikern und spielenden Kindern, unbedingt auf den Wegen zu bleiben und die Hunde anzuleinen. „Das Wild braucht jetzt vor allem Ruhe! Denn bei jeder Störung, durch die das Wild aufgeschreckt wird und mit Flucht reagiert, wird der Energiesparmodus unterbrochen und der reduzierte Stoffwechsel wieder hochgefahren. Diesen außerplanmäßigen Energieverbrauch müssen die Tiere durch zusätzliche Nahrungsaufnahme wieder ausgleichen, was zwangsläufig zu weiterem Verbiss an Kulturpflanzen führt“, verdeutlicht Weber.

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