Donnersbergkreis In der Glut hochromantischer Klangfarben

Hinterließen einen hervorragenden Gesamteindruck: Andrey Rozendent und Sergey Markin.
Hinterließen einen hervorragenden Gesamteindruck: Andrey Rozendent und Sergey Markin.

«DANNENFELS.» Kein Geiger kommt an den großen „Bs“ der Violinliteratur vorbei, als da sind: Bach, Beethoven, Brahms und Bartok, die alle sowohl Sonaten wie auch Solokonzerte für dieses führende Instrument der Sinfonie- und Theaterorchester geschrieben haben. Und so war auch für den Geiger Andrey Rozendent und seinen pianistischer Begleiter Sergey Markin die Literaturauswahl geprägt von dieser Alliteration. Sie hinterließen bei Meisterwerken der Duo-Literatur am Sonntag im zu neuem Leben erwachten Jagdhaus Dannenfels einen hervorragenden Gesamteindruck.

Haben die Komponisten im ersten Konzertteil die Gemeinsamkeit der Initialen, so gelten Analogien auch für das sich kongenial ergänzende Künstler-Duo: Beide sind im gleichen Jahr (1989) in Kaliningrad in Russland geboren worden. Mittlerweile haben auch beide nach russischer Ausbildung ihre Studien in Deutschland fortgeführt und landeten auch so beide an der Musikhochschule Köln. Nicht nur biografisch, auch in der Interpretationsauffassung bestehen vielfältige Gemeinsamkeiten, wie vor allem die erste Sonate, die in c-Moll von Johann Sebastian Bach, aufzeigte: Beide huldigen jener Interpretationsauffassung, die in dieser Musik ein klar konturiertes, scharf akzentuiertes und markantes melodisches Profil als Ideal ansieht. Töne, wie in Stein gemeißelt in unerbittlich strenger, bisweilen schroffer Deutlichkeit. Und dies mit der Präzision eines Uhrwerks ablaufend – ohne Agogik und Artikulationsunterschiede. Hinzu kommen Instrumente aus moderner Bauweise, Vibrato beim Geiger und kraftvoller Anschlag beim Pianisten, sodass ein Bach aus heutiger Sicht entsteht. Vertretbar, aber kompromisslos, unerbittlich in der Strenge und formalen Klarheit. Ein Bach, wie er vielfach als Ideal stilisiert wird. Und der doch im Hinblick auf das historische Instrumentarium Bachs, seine tiefere Stimmung und die damalige Saitenbespannung und vieles mehr anders geklungen hat: Dezenter, wärmer, gedeckter und feiner ziseliert im Klang. Und wahrscheinlich aufgrund des Instrumentariums und anderer „Klangmittel“ wie Barockbogen und Darm- anstelle von Stahlsaiten auch nuancierter. Daher wirkte die Sonate G-Dur von Beethoven überzeugender, beseelter, geschmeidiger und in sich schlüssiger. Die Entwicklung und Durchführung der Themen in den Ecksätzen gelang überzeugender. Beethoven setzt auf einen tänzerisch bewegten Impuls im Kopfsatz, der gut getroffen und vermittelt wurde. Die brillanten Skalenläufe mit nachfolgenden Akkordbrechungen bei gelegentlichen Molleintrübungen sind für die Wiener Klassik typisch. Durch das folgende Menuett kam zwangsläufig ein graziler, verspielter Zug ins Spiel, was nach dem „erdenschweren“ Bach dem Konzert gut tat. Für den Finalsatz gilt, dass sich trotz des hohen spieltechnischen Schwierigkeitsgrades dessen Leichtigkeit und Eleganz sowie Noblesse erst erschließt, wenn der Bogen entsprechend geschmeidig geführt wird. Diese Lockerheit und Eleganz – anstelle von Brillanz – fehlt dem Duo noch, sie nehmen diesen – im Vergleich zu anderen Werken Beethovens – eher unbeschwerten Konversationston eher tragisch. Was dann allerdings bei Brahms seine volle Berechtigung hatte, da wirkte die Melodik in die Glut hochromantischer Klangfarben und in schwelgerisches Pathos getaucht. Das Scherzo aus der Sonate verdankt seine kuriose Entstehung einer Absprache dreier Komponisten (neben Brahms Robert Schumann und Albert Dietrich), die je einen Satz zur gemeinsamen Sonate beitrugen. Der von Brahms ist ein Scherzo, das sein Hauptgewicht im Klavierpart hat, was dem Pianisten zwar alles abverlangte, er jedoch souverän blieb und die grifftechnisch hohen Hürden sicher nahm. Das Konzertprogramm war nicht nur eine Hommage an die „B-Komponisten“ und nicht nur chronologisch geordnet, es war auch deutlich als künstlerische Steigerung – im interpretatorischen Sinn – angelegt. Es schien, als identifizierten sich die Ausführenden mit zunehmender Spieldauer immer mehr mit den Werken. Und das hatten schließlich mit der Sonate von César Franck seinen Kulminationspunkt. Einmal zwingt die lyrische Melodik im Legato und wiegenden (9-)Achteltakt des Hauptmotivs zu mehr pastosen Linien. Schwebende Rhythmen und häufige Modulationen und Überleitungen in entfernte Tonarten „verschleiern“ etwas den eigentlichen satztechnischen Aufbau, was hier dem Ganzen die Schärfe nimmt. Obwohl beide Interpreten tonlich wesentlich sensibler und in der Charakterisierung filigraner wirkten, konnten sie dennoch die Bevorzugung eines kraftvollen, zur Übertreibung neigenden Stils nicht ganz ablegen. Ein Anschlag in französischer Tradition sozusagen aus den Fingerkuppen heraus und eine Bogenführung, die schwerelos gleitet, würde noch mehr an klanglicher Ästhetik und einen Gewinn an Verinnerlichung bringen. Nicht jeder Ton ist ein markanter Höhepunkt. Ausgerechnet die Zugabe – natürlich wieder ein „B“ – sollte diese Finessen bringen. Ein ungarischer Tanz von Brahms hatte all diese Finessen, Seele und Ausdruck in Hülle und Fülle. Weiter so! Mit begeistertem, lang anhaltendem Beifall feierte das Publikum das Duo im fast vollbesetzten Jagdhaussaal.

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