Rüssingen / Rockenhausen
Illegale Spieler bei TuS Rüssingen: Vorstand zu Freiheitsstrafe verurteilt
Wer den Amateurfußball in der Region in den vergangenen Jahren verfolgt hat, dürfte irgendwann mal über den TuS Rüssingen gestolpert sein. Auch außerhalb des Donnersbergkreises wurde im Zeitraum zwischen 2019 und 2022 vielerorts darüber diskutiert, wie es sein kann, dass ein Verbandsligist wiederholt Talente aus Südamerika anwerben kann. Zwischenzeitlich bestand fast die komplette Mannschaft des TuS aus Südamerikanern.
Inzwischen weiß man: Der Verein hat sich dabei nicht immer an die Regeln gehalten. Bereits 2021 wurde der Vorsitzende deshalb verurteilt. Beendet waren die fragwürdigen Neuzugänge aus Südamerika aber auch danach nicht. Bis 2022 machte der TuS Rüssingen weiter. Nun stand der Vereinsvorsitzende erneut vor Gericht – und wurde zu einer Freiheitsstrafe verurteilt.
Kostenlose Unterkunft, erfolgsabhängige Zahlung
Richter Lukas Tschoepke sah es als erwiesen an, dass er sich als Vorsitzender des Vereins erneut mehrfacher Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz schuldig gemacht hat. Nicht nur deshalb, weil einige der Spieler, die beim TuS Rüssingen spielten, den zulässigen Zeitraum von drei Monaten ohne Visum überschritten hatten. „Offensichtlich wurde auch Geld angenommen“, hieß es im Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Damit seien alle Aufenthalte illegal gewesen, da keiner der Spieler als erwerbstätig gemeldet war.
Dass Geld geflossen ist, wurde vor allem durch Chatverläufe auf sichergestellten Mobiltelefonen klar. Auch wurden in den Wohnungen der Spieler Kuverts sichergestellt, inklusive handgeschriebener Abrechnungen. Unbeantwortet blieb die Frage, woher das Geld kam, um die Spieler einzufliegen, ihnen Kost und Logis zu stellen und sie sogar zu bezahlen. Wobei aber auch der Vorwurf der Ausbeutung im Raum stand. Schließlich hätten die jungen Männer nur wenig Geld bekommen – dieses sei sogar an die sportliche Leistung geknüpft und oft nur verzögert ausgezahlt worden. Eine Polizistin sprach als Zeugin in dem Zusammenhang gar von „modernem Sklavenhandel“, da die Spieler auch in einer gewissen Abhängigkeit gefangen gewesen seien und sich nicht trauten, Ansprüche zu stellen. Der Staatsanwalt sprach von „Bedingungen unter Sozialhilfeempfänger-Niveau“, wollte den Vorwurf der Sklaverei so aber nicht gelten lassen.
Spieler geben sich als Touristen aus
Die Ausführungen der Zeugin gewährten dennoch wichtige Einblicke in die Abläufe beim TuS Rüssingen in den Jahren 2021 und 2022. Nachdem der Südwestdeutsche Fußballverband im Sommer 2021 gemeldet hatte, dass erneut auffällig viele ausländische Spieler beim TuS gemeldet worden seien, sei zunächst die Ausländerbehörde aktiv geworden. Die Spieler hätten sich dann aber wenig kooperativ gezeigt, sich als Touristen ausgegeben. Spieler seien zum Teil ausgewiesen worden und später wieder eingereist. Das führte so weit, dass die Personen nach den Trainings observiert wurden, um ihre Aufenthaltsorte zu erfahren – mitunter die Wohnung des Vereinsvorsitzenden.
Es folgten Hausdurchsuchungen, bei denen schließlich auch die acht Mobiltelefone sichergestellt wurden, die dann wichtige Erkenntnisse über die Abläufe hinter den Rüssinger Kulissen gaben. Daraus sei auch hervorgegangen, dass es ab dem Winter 2021/22 ein „erstes Problembewusstsein gab“, wie es die Zeugin nannte. Vermehrt sei von „Schwierigkeiten mit dem Präsidenten“ die Rede gewesen. Später sei dann auch das Geld nicht mehr regelmäßig geflossen. Die Spieler seien dann auch immer öfter als Schwarzarbeiter vermittelt worden, etwa in ein Fitnessstudio oder in den Garten- und Landschaftsbau.
Vorstand kooperiert mit Ermittlern
Was schließlich zu einem milden Urteil verhalf, war die geständige Einlassung des Angeklagten. Dieser hatte sich im Vorfeld der Gerichtsverhandlung bereits kooperativ gezeigt. Dennoch ließ Richter Tschoepke keinen Zweifel an der gewichtigen Rolle des Vorsitzenden in diesem Fall. „Ohne Sie wäre all das nicht möglich gewesen“, so Tschoepke. Das sei vor allem daran festzumachen, dass es eben des Vereinsvorsitzenden Wohneinheiten waren, in denen die Spieler immer wieder kostenfrei untergekommen waren.
In den Chatverläufen war wiederholt von „El Presidente“ die Rede. Das sei eben der Vereinsvorsitzende gewesen. Er hat laut den Chatverläufen entschieden, wann es wieviel Geld für einen Spieler gab. Diese gewichtige Rolle und der Fakt, dass er eben für das gleiche Vergehen bereits vorbestraft war, ließen nach Ermessen des Richters keine geringere Strafe zu. Ein Jahr Freiheitsentzug auf Bewährung, dazu noch eine Geldstrafe in Höhe von 17.000 Euro und die Kosten des Verfahrens – der Vorsitzende akzeptierte das Urteil und verzichtete auf Rechtsmittel. Die Geldstrafe ist in monatlichen Raten von 1000 Euro an die gemeinnützige Organisation „Die Brücke“ zu entrichten.
Weitere parallel laufende Verfahren
Der Rechtsanwalt des TuS-Vorsitzenden, Stefan Motzenbäcker, brachte in seinem Plädoyer noch das Argument ein, dass sein Mandant „keinerlei wirtschaftliche Vorteile“ durch sein Vergehen erreicht hätte. Auch sei der TuS Rüssingen dadurch keineswegs zu Real Madrid geworden. An den Vergehen änderte das letztlich aber wenig. Gewichtiger war dann schon eher, dass der Vorsitzende nicht alleine gehandelt hat. Zwar ließen Richter und Staatsanwaltschaft keine Zweifel an der Hauptrolle des Vereinsvorsitzenden, andere Namen fielen aber ebenfalls oft und sind Teil parallel laufender Verfahren.
So beispielsweise das gegen jenen einstigen TuS-Torwart, der vermeintlich Mittelsmann und Kontaktperson war. Da er selbst brasilianische Wurzeln hat und portugiesisch spricht, kommt ihm in dem ganzen Konstrukt eine entscheidende Rolle zu. Der Vorsitzende selbst sprach indes wiederholt davon, nur im Sinne seines Vereins gehandelt zu haben. Immer sei es ihm nur darum gegangen, das Optimum für den TuS Rüssingen zu erreichen. Eine Erfolgsgeschichte wurde es für den Verein dennoch nicht.
Zwar spielte die Mannschaft bis zur Corona-Pandemie tatsächlich stark auf, wusste durch die zahlreichen spielstarken Talente aus Südamerika zu begeistern. Die ständigen Wechsel im Kader und die aufkommende Unruhe – wohl auch durch die beginnenden Ermittlungen – waren aber keineswegs gute Bedingungen, um eine Fußballmannschaft zu entwickeln. Seit dem Ende der Saison 2021/22 hat der TuS Rüssingen dieses Kapitel beendet. Inzwischen spielt die Mannschaft mit Talenten aus der Region, ist jedoch aktuell punktlos Tabellenletzter, nachdem es in den vergangenen Spielzeiten noch jeweils knapp für den Klassenerhalt reichte, droht nun der Abstieg in die Landesliga. Projekt gescheitert.
Dem Verein weiter verbunden
Der Vorsitzende selbst würde auch gerne einen Schlussstrich ziehen. Nicht nur unter die Vorkommnisse zwischen 2019 und 2022, sondern auch unter seine Tätigkeit im Verein. „Ich bin dem Amt überdrüssig, hätte gerne einen sauberen Schlussstrich“, sagte er abschließend im Gerichtssaal. Noch gebe es aber keinen Nachfolger, und er wolle seinen Verein eben nicht einfach im Stich lassen. Während die anderen vermeintlichen Strippenzieher längst über alle Berge sind – der Torwart spielt inzwischen in Angola Fußball –, steht der Vorsitzende weiterhin sonntags auf dem Sportplatz und kümmert sich um so ziemlich alles beim TuS Rüssingen, bis hin zum Würstchenverkauf.