Eisenberg RHEINPFALZ Plus Artikel „Hier fühle ich mich zu Hause“: Eisenbergs erste Gastarbeiter über ihre Anfänge

Gekommen, um zu bleiben (von links): Necati Önder, Veli Sakar, Yusuf Bahadir und Mustafa Demir.
Gekommen, um zu bleiben (von links): Necati Önder, Veli Sakar, Yusuf Bahadir und Mustafa Demir.

Mehr als 4,3 Millionen türkischstämmige Menschen leben in Deutschland, davon 2,8 Millionen mit einem deutschen Pass.Ein Zeugnis dafür, wie sehr das Anwerbeabkommen in den 60er Jahren die Gesellschaft verändert hat. Auch in Eisenbergwohnen viele Menschen, die durch dieses Projekt nach Deutschland kamen – und hier eine neue Heimat gefunden haben.

Es waren mehrere politische Motive, die dem Anwerbeabkommen, das am 30. Oktober 1961 von Deutschland und der Türkei unterzeichnet wurde, zugrundelagen. Zum einen: das Wirtschaftswunder. Gab es um das Jahr 1950 herum in Deutschland noch zwei Millionen Menschen ohne Arbeit, sah das Land sich wenige Jahre später mit einem absoluten Arbeitskräftemangel konfrontiert. Die Wirtschaft kam so sehr in Fahrt, dass der Arbeitsmarkt nicht mehr mithalten konnte.

Die Nachfrage sollte durch ausländische Arbeitskräfte gestillt werden – mit dem Zusatzeffekt, dass auch die Löhne hierzulande nicht mehr weiter ansteigen. Zum anderen ließ sich mit dem Anwerbeabkommen die Türkei stabilisieren, die hohe Arbeitslosenzahlen zu beklagen hatte. Da die Türkei als Nato-Staat eine wichtige Rolle an der Südostflanke zur damaligen Sowjetunion einnahm, war der Westen an ihrer Stabilität maximal interessiert.

Abkommen mit mehreren Ländern

Um Arbeiter zu werben – nicht nur aus der Türkei, sondern auch aus Spanien, Italien und Griechenland, mit denen es ähnliche Abkommen gab – sendeten deutsche Arbeitsvermittlungen Suchlisten in diese Länder. Eigentlich sollten die Menschen, die als Gastarbeiter kamen, nur zwei Jahre in Deutschland bleiben. Viele von ihnen fanden hier aber eine neue Heimat und organisierten ihr Leben entsprechend um. Diese Entwicklung zeigte sich unter anderem in Eisenberg, wo einige Betriebe – darunter die Gießerei Gienanth – auch auf eigene Initiative Mitarbeiter wochenlang in die Ferne schickten, um Arbeiter für sie zu gewinnen.

900 Mitarbeiter waren im Frühjahr 1964 bei Gienanth beschäftigt – darunter 146 Spanier, 35 Italiener und zwei Türken. Ein halbes Jahr später waren es bereits 186 Spanier, 60 Italiener, 19 Türken und ein Grieche. Das Durchschnittsalter dieser Arbeiter lag bei 36 Jahren. In der Verbandsgemeinde Eisenberg lebten 1990 insgesamt 639 Menschen türkischer Abstammung (das sind 4,09 Prozent der Gesamtbevölkerung), 2002 waren es 774 (4,20 Prozent). Danach wird die Statistik beim Meldeamt uneindeutig, weil mittlerweile die doppelte Staatsbürgerschaft angenommen werden kann. So kann man nur sagen, dass von den rund 1800 Ausländern in der VG Eisenberg die meisten wohl türkischstämmig sind.

Von Sivas nach Eisenberg

„Ja, wir waren alle jung, gesund und kräftig“, erinnert sich Demir Mustafa, der bereits 1965 zu Gienanth nach Eisenberg kam. Er kommt aus der Stadt Sivas inmitten Anatoliens. Damals sei auch von staatlicher Seite für die Arbeit in Deutschland geworben worden. In seiner Heimat hatte er keine Arbeit und so kam er in ein Auswahlverfahren. Die potenziellen Gastarbeiter wurden zunächst auf Herz und Nieren geprüft. Wer die Vorauswahl bestand, machte sich auf den Weg nach Istanbul, so Mustafa.

Bei der Auslandsabteilung des türkischen Arbeitsamts in Istanbul war eigens eine deutsche Vermittlungsstelle eingerichtet. Auch dort waren Tests und Untersuchungen angesagt. „Dort hörte ich zum ersten Mal den Namen Baron Ulrich von Gienanth“, erinnert sich der heute 78-Jährige. Gienanth war damals Geschäftsführer des Eisenberger Familienunternehmens und sehr stark in den Arbeitgeberverband eingebunden. Somit hatte er weitreichende Kontakte auch in die politischen Kreise.

Mit einem Koffer und dem, was er am Leib trug, gab es für Mustafa ein Bahnticket nach Deutschland. Vom Istanbuler Bahnhof Sirkeci ging es nach München, die Fahrt dauerte damals mehrere Tage. Am Gleis 11 kam der Sonderzug an, in dem sich fast ausschließlich Menschen befanden, die auf Arbeitssuche waren.

Auch fünf Jahre später war das noch so, berichtet Necati Önder. Im damaligen Jugoslawien erhielten die Reisenden Verpflegung in Dosen und er schwärmt noch heute von der Aufbruchstimmung. Seine Brüder waren bereits in Eisenberg und er hatte daher ein klares Ziel. Von München über Heidelberg nach Eisenberg. Bei Gienanth angekommen wurden sie von Baron von Gienanth begrüßt und in der Kantine gab es Verpflegung, erzählt Önder.

Zunächst waren die jungen Gastarbeiter auf dem Werksgelände untergebracht. Anfangs schliefen sie auf Feldbetten und später wurden richtige Mehrbettzimmer gebaut. Auch Baracken (dort ist heute ein Parkplatz) wurden hergerichtet. Küche und Sozialeinrichtungen mussten miteinander geteilt werden. Andere fanden Unterkunft im „Hotel Bahnhofstraße“, wie sie es damals nannten. Heute ist dort eine Gaststätte. „An Wochenenden drang aus jedem Zimmer eine andere türkische Melodie“, erinnert sich der heute 77-jährige Önder. Später hätten türkische Familien in dem ehemaligen großen Backsteinhaus an der Ecke Bahnhofstraße gewohnt.

Gemüse bei Kesselring

Für den 80-jährigen Vurgun Ömer war Gienanth ein guter Ort, um Geld zu verdienen. Obwohl sie damals fast keine deutschen Sprachkenntnisse hatten, hätten deutsche Kollegen sie betreut und praktisch an die Hand genommen. Für Eisenberg war die Situation mit den Neubürgern aber auch eine Herausforderung. Als ersten Einkaufstreffpunkt hatte sich das ehemalige Gemüsegeschäft Kesselring in der Hauptstraße etabliert. Hier gab es Lebensmittel, die sonst niemand hatte. „Mit Händen und Füßen verständigte man sich damals“, bestätigt die Tochter des Gemüsehändlers, Birgit Kesselring, auf Nachfrage. Später kamen Händler mit ihren Fahrzeugen an die Wohnheime und verkauften dort türkische Lebensmittel.

Die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis musste jedes Jahr beim türkischen Konsulat erneuert werden. Mindestens einmal im Jahr war Urlaub in der Heimat angesagt. In den Anfangsjahren hatten sich die hier lebenden Gastarbeiter so organisiert, das sie sich gemeinsam im Auto auf den Weg in die Heimat machten oder Gebrauchsgegenstände mitschickten. „Meistens war das in einem Ford Transit, der bis auf den letzten Luftspalt und Dachgepäckträger vollgeladen war“, erinnert sich Veli Sakar. Die relativ teuren Fahrzeuge wurden deshalb gewählt, weil auf der rund 3500 Kilometer langen Strecke überall Fachwerkstätten vorhanden waren.

Beten im Türkensaal

Erfahrungen mit Rassismus hat keiner der Befragten gemacht. Obwohl für die Eisenberger damals kulturell einiges Neuland war und vor allem der Islam und die dazugehörenden Gebetsrituale völlig fremd waren. In den 70er Jahren ermöglichte Ulrich von Gienanth es den türkischen Gastarbeitern, im Türkensaal, der bis dahin zu Repräsentationszwecken genutzt worden war, zu beten. Seit 1989 hat der Türkisch Islamische Kultur Verein in einem ehemaligen Fabrikgebäude in der Tiefenthaler Straße seine eigene Moschee und ist Treffpunkt für alle türkischen Altersgruppen.

Jeder der Befragten hat noch enge Verwandte in der alten Heimat. Doch die ist ihnen mittlerweile auch etwas fremd geworden. „Meine Kinder haben in Eisenberg ihre eigenen Firmen gegründet, fühlen sich sehr wohl“, so Mustafa Demir stolz. Önder Necati war jüngst länger in der Türkei und ist froh, wieder in Eisenberg zu sein: „Hier habe ich gelebt und gearbeitet und fühle mich hier auch zu Hause.“

Vurgun Ömer an der Rüttelpress-Formanlage bei Gienanth in den 1970er Jahren.
Vurgun Ömer an der Rüttelpress-Formanlage bei Gienanth in den 1970er Jahren.
 Ömer (links) mit türkischen Kollegen vor der katholischen Kirche in Eisenberg.
Ömer (links) mit türkischen Kollegen vor der katholischen Kirche in Eisenberg.
Vurgun Ömer als junger Mann vor dem Wohnheim in der Ramser Straße.
Vurgun Ömer als junger Mann vor dem Wohnheim in der Ramser Straße.
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