Donnersbergkreis Hemmungslos in der Parallelwelt unterwegs
Mobbing, Datenklau, sexuelle Forderungen: Im Internet lauern viele Gefahren und Fallen. Wer nicht aufpasst, kann im Handumdrehen zum Opfer werden. Zur Sensibilisierung Minderjähriger bietet der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) seit 2009 Workshops an Schulen an. Wie jüngst am Wilhelm-Erb-Gymnasium Winnweiler (WEG) – vor einigen Wochen Schauplatz einer Internet-Drohung (wir berichteten). Die RHEINPFALZ war beim Internet-Seminar am WEG dabei.
Viele konkrete Beispiele werden an diesem Vormittag besprochen – Fälle, die sich so oder so ähnlich täglich in zigtausend Kinderzimmern ereignen. Da ist etwa die Rede von einem Jungen, der einen eigenen You-Tube-Kanal betreibt und dort Videos postet. Von selbst produzierten Computerspiel-Sequenzen, die er zusammenschneidet. Und weil er einen beliebten Ego-Shooter zockt, sehen die Follower, wie er als virtueller Soldat Kriegsgegner erschießt – Gewalt und Tod sind eben der Inhalt des „Spiels“. Dieses dürfte der Jungen natürlich gar nicht spielen – die Hülle ziert das tiefrote FSK-18-Emblem. Ob die Eltern nicht wissen, was ihr Sohn so treibt – oder ob es ihnen egal ist? Das Ergebnis ist das gleiche. Solche Beispiel sind kein Einzelfall, weiß Laura Keller (26), Medienpädagogin aus Hannover und Projektleiterin der Initiative „erlebe IT“ des Bitkom (siehe „Zur Sache“). An diesem Morgen führt sie den Workshop „Sicher unterwegs im Netz“ im dritten Stock der Winnweilerer Schule durch. Und zwar nur für die sechsten Klassen, also für etwa elfjährige Kinder, die für den Umgang mit PC und Smartphone sensibilisiert werden sollen. Nicht einfach. „Kinder klicken oft im Internet alles Mögliche an, ohne sich Gedanken zu machen. Ganz schnell ist da mal ein privates Foto auf einer Plattform oder im Klassenchat“, warnt Keller. „Man sieht an der Schule, dass ständig das Smartphone benutzt wird. Die Schüler sind oft alleine gelassen, weil ihre Eltern nicht kontrollieren“, findet WEG-Mittelstufenleiterin Catharina Kuhn. Anders ausgedrückt: Jugendliche machen in der digitalen Welt, was sie wollen – weil sie sich der Verantwortung und der Folgen nicht bewusst sind. Meistens wird das Internet als rechtsfreier Raum interpretiert, als anonyme Sphäre, in der man nicht belangt werden kann. Was natürlich Quatsch ist. „Für Schüler ist das ein Scherz“, so Kuhn. Wohin das führen kann, zeigte sich am WEG kürzlich auf drastische Weise: Via Online-Foto-Dienst Instagram postete eine 17-jährige Schülerin eine Drohung gegen die Schule – bei 380 Abonnenten der Seite verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, Angst und Sorge schlossen sich an. Später erklärte das Mädchen, sie habe nur einen Gag machen wollen... Einerseits erleichtern Internet-Dienste natürlich den Alltag. Kurznachrichten, Information, Hilfe und so. Doch sie bergen, gerade für Minderjährige, eine Menge Gefahren und Fallen. „Mit einer Unbekümmertheit wird hier in einer aufgebauten Parallelwelt hemmungslos die Menschenwürde angetastet“, zürnt WEG-Schulleiter Ralf Schäfer. Gerade in der Mittelstufe ist das ein Problem. Sexuelle Anspielungen, Cyber-Mobbing, Aufrufe zu Straftaten: Weil sich die Jugendlichen im heimischen Wohnzimmer sicher und unsichtbar hinter einer imaginären Wand wähnen, verschwimmen für sie die „klaren Regeln“ der Wirklichkeit, so Schäfer. Kellers Workshop will vorbeugen, richtet sich deshalb an die Orientierungsstufe. Ein Alter, in dem heutzutage die meisten täglich Zugang zum Netz haben – aber noch nicht richtig wissen, welch großen Schaden sie dort anrichten können. Eine Stichprobe zeigt: Über 90 Prozent der Workshop-Teilnehmer haben ein Smartphone, davon nutzt jeder den Nachrichtendienst Whats-App. Facebook ist in dem Alter „out“, Snapchat „in“. Über die Hälfte der Schüler gibt an, im Internet einen Inhalt rezipiert zu haben, der nicht für ihr Alter bestimmt war. Das Potenzial, via Netz zum Opfer zu werden, ist also bereits im Kindesalter groß. Deshalb werden heute an verschiedenen Stationen Themen wie Passwort-Sicherheit, Verschlüsselung oder das Recht am eigenen Bild behandelt. Ein Bewusstsein soll entwickelt werden, ein Gefühl für Sicherheit – was selbst viele Erwachsene mittlerweile verloren haben. „Wenn ich ein Bild oder eigene Daten online stelle, habe ich ein Problem“, betont Keller. „Netzwerke sind gefährliche Werkzeuge.“ Heikel für Kinder, von vielen unterschätzt: Whats-App. Dort wird gemobbt, dort werden private Bilder gesendet und der Trend gruseliger Kettenbriefe – bei nicht Weitersenden wird mit einem Unglück gedroht – floriert. Eine App namens „Tellonym“ ermöglicht sogar ein anonymes Feedback, das sich Teenager gegenseitig geben: „Du bist hässlich“ oder „Ich hole mir einen runter auf dich“ gehören zu den gängigen, gleichwohl abstoßenden Bewertungen. Die Hemmschwelle für Aussagen, die man einem auf dem Schulhof kaum ins Gesicht schleudern würde, sinkt gen Null. Und das Schlimme: Oft können viele andere Nutzer mitlesen. „Wir müssen da präventiv sein. Ich als Lehrer darf den Schülern ja nicht ins Smartphone schauen“, sagt Schäfer. Eine Besonderheit stellen zwei weitere Mädchen dar: Die Schwestern zählen zu den wenigen Sechstklässlern, die auf ein Smartphone verzichten (müssen). Ihre Eltern finden den Gebrauch in dem Alter zu gefährlich. Die Elfjährigen sehen das genauso. „Manchmal würden wir gerne im Klassenchat mitschreiben. Wenn es etwa um die Hausaufgaben geht. Aber eigentlich brauchen wir kein Smartphone“, sagt eine der beiden. Zu viel „Schlimmes“ bekomme man da zu sehen, und wenn man jemandem etwas schreibe, wisse man oft nicht, „wie das gemeint ist“. „Man sieht ja den Gesichtsausdruck nicht“, sagt die andere. Scherze werden durch das Internet oft zu Ernstfällen. Es gibt Eltern, die sich der Probleme von Smartphones und der regelmäßigen Internetnutzung im Kindesalter bewusst sind und diese entsprechend kontrollieren. Nicht wenige denken aber über die Folgen und Konsequenzen eher wenig nach ...