Donnersbergkreis Heilung auch für hoffnungslose Fälle

Und wieder wird eine Puppe verarztet: Hanna Keim arbeitet nur mit Originalteilen.
Und wieder wird eine Puppe verarztet: Hanna Keim arbeitet nur mit Originalteilen.

Hanna Keim ist gelernte medizinisch-technische Angestellte. Doch mit Leidenschaft behandelt sie auch Patienten, die nicht aus Fleisch und Blut sind: In ihrer Puppen- und Bärenklinik in Feilbingert kümmert sie sich seit fast 30 Jahren um gebrochene Beine oder in Mitleidenschaft gezogene Pfoten. Mehr als 120 Exemplaren haucht sie im Jahr neues Leben ein – und mit ihrer Expertise hat sie ebenso Seltenheitswert wie einige ihrer Schätze.

Momentan herrscht Hochkonjunktur in Hanna Keims Puppenklinik – wie immer in der Adventszeit. 70 Puppen hat die gebürtige Mainzerin in den letzten Wochen restauriert. 20 weitere müssen bis Weihnachten noch ausgeliefert werden. Eine davon ist die kleine Zelluloidpuppe, die auf ihrem Arbeitstisch liegt. Diagnose: „Der Bauch war zerbrochen. Ein Problem, weil der den ganzen Restkörper hält“, erklärt sie, während sie eine andere Puppe neu aufzieht. Jetzt sieht man von dem Loch nichts mehr. Bis hierhin war es ein langer Weg: Die Option „Ersatzteil“ fiel weg, deshalb wurde der Bauch geklebt – mit Materialbruch. Zerbrochene Teile von Puppen werden mit Aceton aufgeweicht. Damit bildet sie zerbrochene Stellen nach, kittet Risse oder bringt eine neue Hand an. Millimeterarbeit, die im Fall des Loches im Bauch ganze zwei Wochen trocknen musste, ehe die Puppe einen neuen Anstrich bekommen konnte. Die Farben mischt die Puppenärztin individuell an. Erst wenn sie zwei Tage getrocknet sind, kann sie sehen, ob ihre Arbeit erfolgreich war. Zelluloid-Restaurationen sind das Spezialgebiet der 63-Jährigen. Aber auch bei anderen Puppen kennt sie sich bestens aus: Holzgliederkörper, Brustplattköpfe aus dem 19. Jahrhundert, Kurbelköpfe, Keramik, Pappmache oder Biskuitporzellan. Von Schildkröte über Celba, Storch, Käthe Kruse bis zu seltenen Stücke von Puppenmachern: Es gibt fast nichts, was Keim nicht kitten kann. Die erste Puppe, die sie repariert hat, steht heute noch in ihrer Vitrine. Es war ihre Celbapuppe, 1980 gekauft mit einem kaputten Köpfchen. Zu dieser Zeit führte sie ein Geschäft in Mainz und fertigte nebenbei Waldorf-Puppen an. „Du hast Talent, dich lehre ich das“, sagte damals die Frau eines Celba-Mitarbeiters zu ihr und brachte ihr abends die Kniffe der Puppenrestauration bei. Um diese Kunst vollkommen zu beherrschen, studierte sie unzählige Bücher, las sich in die Puppenbestimmung ein, besuchte Märkte und Auktionen. „Es ist mehr als ,Porzellan zusammenkleben’. Zum Beispiel muss man die chemische Zusammensetzung von Puppen kennen und wissen, wie sie aufgehängt sind.“ Zudem macht Hanna Keim auch Wertgutachten. 1989 eröffnete Keim die Puppenklinik in Mainz, seit 2007 repariert sie in Feilbingert. Vor drei Jahren kam dann eine Filiale in Mainz dazu. In der Puppenklinik geht es tatsächlich zu wie in einer Arztpraxis: Symptome werden beschrieben. Keim prüft dann, ob sie ein geeignetes „Spenderorgan“, also Ersatzteil, für das jeweilige Modell hat. Davon hat sie geschätzt 150 Kisten gelagert. Garantieren kann sie dennoch nichts: „Manche warten zwei Jahre auf ein passendes Teil“. Keim arbeitet nur mit Originalteilen, denn das macht den Wert einer Puppe aus. Da die meisten Firmen nicht mehr produzieren, entnimmt sie diese den Puppen, die sie ankauft. „Im Moment gibt es eine Angebotswelle. Das Kaufen hat in den letzten zwei Jahren extrem nachgelassen. Viele Sammlungen werden von den Erben aufgelöst“, bedauert Keim, die selbst über 100 Puppen besitzt. Da die Sammlergeneration langsam ausstirbt, verlieren die Stücke zudem an Wert. Obwohl Sammler kaum noch dazukaufen: Was sie haben, soll erhalten werden. Kunden aus ganz Deutschland schätzen dafür die Expertise der Mainzerin. Das teuerste Stück, das ihr jemals anvertraut wurde, war eine 100 Jahre alte, französische Porzellankopfpuppe der Firma SFBJ. Damaliger Wert: 22.000 Deutsche Mark. Zu den Angeboten von Hanna Keim gehört auch das Einkleiden. Dabei ist wichtig, dass die Kleidchen zu Puppe und deren Alter passen: „ Entweder es steht ihr, oder es steht ihr nicht“, so Keim. Genäht wird mit alten Stoffen und Schnitten aus dem jeweiligen Zeitalter. Passend dazu hat sie ein Regal voller Schühchen in allen Stilen, Farben und Größen. Die meisten sind Originalstücke. Sie hat aber auch schon selbst geschustert. Auch bei den Perücken ist Keim wählerisch. „Auf alte Puppen gehören Echthaar- oder Mohairperücken. Ich würde nie Kunsthaar aufsetzen, das wäre ein Stilbruch“, sagt sie, während sie die Varianten an einer Holzgliederkörperpuppe demonstriert. Nicht nur Puppen päppelt Keim wieder auf. Neben ihr liegt die verschlissene Hülle eines Teddys, daneben die Füllung. Ein hoffnungsloser Fall, für einen Laien. „Der Bär stammt aus den 60ern. Ich mache eine Vollrestauration. Das dauert sechs bis acht Stunden.“ Vollrestauration bedeutet aber nicht, dass der Bär komplett neu bezogen wird. „Dann könnte man ja gleich einen neuen kaufen“, lacht sie. Eine Restaurationen soll authentisch sein. Es geht um das Erhalten. Der alte Bär soll wiedererkannt werden – bis ins Detail: Die Stickerei der Nase ist typisch für die Produktionszeit. Deshalb sieht Keim sie sich mit der Lupe an und stickt das Muster genau so nach. Während Puppenbesitzer meist ältere Damen sind, sind ihre „Bären-Kunden“ unterschiedlichster Art: Vom älteren Herren, der seinen Teddy erhalten will, über den Sammler mit einem Exemplar im Wert von 10.000 Euro bis hin zur Mutter, die den Bär ihres Kindes retten muss. Bei Letzterem ist für die Restauratorin Vorsicht geboten, erklärt Keim: „Man muss sehr moderat vorgehen, damit das Kind sein Kuscheltier auch wieder annimmt.“ Ihr seltenes Wissen gibt Keim übrigens auch in Kursen weiter, so wie sie einst selbst ihre Kunst gelernt hat. Denn die Restauration ist kein Ausbildungsberuf. Und Experten wie Hanna Keim sind eine aussterbende Spezies.

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