KAISERSLAUTERN
Hans-Jürgen Schultz: Von Radio Donnersberg als Sprecher auf den „Betze“
Die Westkurve ist leer, auf der Nordtribüne räkeln sich ein paar FCK-Fans in den Ledersesseln, in der Ostkurve singt ein Grüppchen Auswärtsfans. Hans-Jürgen Schultz steht im Spielertunnel am Mischpult, dreht Regler, macht Mausklicks. Dann lässt der frühere Moderator von Radio Donnersberg das Betze-Lied durchs Fritz-Walter-Stadion schallen. Er studiert noch mal die Mannschaftsaufstellung, lässt seinen Blick über den Rasen streifen und ist glücklich.
Schultz genießt die seltenen Auftritte auf dem Betze. Er ist Stadionsprecher durch und durch. Nicht der Mann für die großen Spiele vor zigtausend Zuschauern, sondern der für die kleinen, für den Nachwuchs des FCK, fürs Fußballcamp, U17, U19, U21. Jugendbundesliga bis Regionalliga, Auf- und Abstiegskämpfe, alles hat er erlebt und alles in sich aufgesaugt.
DJ wird Radiomoderator
In den 1970er Jahren war Schultz DJ in Kaiserslautern. Bis ihn eines Tages ein Kollege von Radio Lothringen 1 in Bitsch ansprach und fragte, ob er sich nicht vorstellen könne, beim Radio zu arbeiten. Schultz probierte es aus und hatte bald eine eigene Sendung: „Treffpunkt Weinstraße“. Er gab Veranstaltungstipps und arbeitete zusätzlich bei Radio Donnersberg in Kirchheimbolanden. Zehn Jahre lang, so lange es den Sender gab. Er hatte dort eine Fußballsendung, berichtete vom Spieltag, nahm drei, vier Interviews auf Tonband auf, schnitt sie zusammen und sendete sonntagmittags eine Stunde.
Zum Fußball hatte Schultz, der zwar in Heidelberg geboren wurde, aber in Kaiserslautern aufwuchs, schon immer eine besondere Bindung. „Ich habe beim VfR Kaiserslautern angefangen zu spielen, in der B-Jugend und in der A-Klasse“, erzählt er. „Der FCK war immer eine Sonderklasse. Wenn wir gegen die keine zehn gekriegt haben, haben wir gefeiert.“ Werner Fuchs, der Bruder von Fritz, war sein Gegenspieler beim FCK.
Der Schlüsselmoment
„Durch die Diskothek“ kam er in die Vorderpfalz und blieb in Bockenheim bei Grünstadt hängen, aber die Verbindung zum Fußball und zum FCK riss nie ab. Schultz war inzwischen Stadionsprecher beim VfR Grünstadt, als sein Verein dort spielte. Michael Dusek kam auf ihn zu, sagte ihm, dass die A-Jugend-Bundesliga gerade gegründet worden sei und der FCK einen Stadionsprecher brauche. Ob Schultz sich vorstellen könne, den Job zu übernehmen. Schultz, der mehrere Spiele um die Deutsche Meisterschaft gesehen hatte, wusste: „Das war kein Jugendfußball mehr, das ist schon Erwachsenenfußball“. Nach kurzem Überlegen sagte er zu. Schultz war damals 49 und fühlte sich mit offenen Armen aufgenommen: „Die Spieler haben mich alle akzeptiert.“
Der Sportpark „Rote Teufel“ wurde schnell seine neue Heimat. Als die B-Jugend in der Bundesliga spielte, baute er auch für die U17 die Anlage auf, später kam die U21 dazu. Schultz war viel unterwegs. Auswärts war er Betreuer und mit Herz und Feuereifer bei der Sache. „Das gibt dir viel“, sagt er. Dass er von Bockenheim aus pendelt, zwischen den Spielen auch mal zwei, drei Stunden Wartezeit hat, bevor die nächste Partie ansteht, macht dem FCK-Fan nichts aus. Er kommt, wenn er gerufen wird, und baut auf, wo er gebraucht wird. Auf Platz sieben auf dem Fröhnerhof, bei den Camps am Kunstrasen, auf Platz vier am Stadion, und vor allem zu Regionalligazeiten der zweiten Mannschaft regelmäßig im Spielertunnel des Fritz-Walter-Stadions.
Mit „Shipi“ im Mannschaftsbus
Im Lauf der Zeit hat Schultz viel gelernt: Wie er sich verhält bei extremen Situationen wie beim Spiel der U21 um die letzten Punkte fürs Erreichen der Aufstiegsrunde, als sich Spieler plötzlich neben ihm in die Haare bekamen. „Da musst Du deeskalierend wirken“, sagt er, und erzählt von Bengalos und Fans, die er zu beruhigen versuchte.
Hans-Jürgen Schultz beobachtet, genießt und freut sich, wenn er Nachwuchsspieler von damals heute als Profis sieht. Zu einigen hat er noch heute Kontakt. Manchen von ihnen war er Psychologe, Ruhepol, Ansprechpartner. Zum Beispiel für Nicklas Shipnoski aus Kirchheimbolanden. „Shipi war ein Kopfspieler“, erzählt er von einem denkwürdigen Ereignis, dem Abstieg der U19 aus der Bundesliga. Im Bus auf der Fahrt zum Pfingstturnier nach Ostrach war Shipi arg deprimiert, haderte mit seinem Schicksal, machte sich Gedanken über Anfragen aus Mainz, Hoffenheim und seine Zukunft. Schultz sprach zwei Stunden lang mit ihm, erklärte ihm, dass er den Karren mit in den Dreck gefahren habe und wieder herausziehen müsse und dass er beim FCK in der Regionalliga ein Führungsspieler wäre. Am Ende blieb „Shipi“ bei den Roten Teufeln, die U19 stieg wieder auf. „Er ist mir, glaube ich, heute noch dankbar.“
Die letzte Saison
Schultz hat viele solche Erinnerungen, von denen er zehrt. An den FCK-Fußballtalk, den er im Offenen Kanal Kaiserslautern moderierte, die unzähligen Spiele, davon auch so manches im Fritz-Walter-Stadion. Wo er Helene Fischer über den Rasen trällern ließ, weil Julian Löschner, der damalige Kapitän der zweiten Mannschaft des FCK , „die Helene so gern hörte“. Seit einiger Zeit denkt Hans-Jürgen Schultz ans Aufhören. Inzwischen ist er 72, will vermeiden, dass er Fehler macht. „Ich wollte eigentlich vor zwei Jahren schon aufhören, dann kam Corona.“
Dabei wollte er sich doch ordentlich verabschieden, mit einer schönen letzten Saison. Was ihm die Entscheidung leichter macht, ist, dass er einen würdigen Nachfolger gefunden hat: Seinen Sohn Julian (30). Dass der das Talent am Mikro hat, hat sein Vater bei der Abiturfeier gesehen, als der Sohn plötzlich das Mikrofon in der Hand hatte und moderierte. Die Liebe zum Fußball hat er ohnehin geerbt. Hans-Jürgen Schultz gibt sein Arbeitsgerät, das Mikro, und die Macht über die Musikauswahl gern an ihn weiter. „Es reicht. Es war schön, war eine andere Zeit. Ich bereue keine Sekunde. Und wenn er mal nicht kann, werde ich weiter da sein.“