ROCKENHAUSEN Gurs: Auch Aufarbeitung in der Nordpfalz ist gefragt

Der Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der ersten Stolpersteine 2016 in Rockenhausen.
Der Künstler Gunter Demnig beim Verlegen der ersten Stolpersteine 2016 in Rockenhausen.

80 Jahre ist es her, dass die Juden auch aus der Nordpfalz deportiert wurden in das Lager Gurs in den Pyrenäen. Für die allermeisten war es der Weg in den Tod in den Vernichtungslagern der Nazis. Im Westkreis erinnert eine ganze Veranstaltungsreihe an das grausame Geschehen und an die Opfer.

„Wir wollen das nicht mit einer Zentralveranstaltung machen, sondern wir gehen in die Orte“, benennt Ruprecht Beuter eine Besonderheit dieser Veranstaltungsreihe. Getragen wird sie von der Stadt Rockenhausen, der VG Nordpfälzer Land, der IGS sowie dem Arbeitskreis Aktiv gegen Rechts und der AG Stolperstein, in denen Beuter, früher Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Nordpfalz, sich engagiert. Ein wichtiges Anliegen sei es, die Namen der Opfer nicht in Vergessenheit geraten zu lassen und somit ein dunkles Kapitel der Nordpfälzer Geschichte wach zu halten. Eines, das damals nicht einfach nur in Berlin von den Nazis erdacht, sondern auch von der Bevölkerung seinerzeit gebilligt worden sei, wie Beuter zu bedenken gibt. In ihrem Anliegen, an die Opfer namentlich zu erinnern, knüpft die Reihe an die Verlegung der Stolpersteine an – Pflastersteine mit Messingtafeln, die an den jeweiligen Wohnstätten in den Boden eingelassen sind und an die Menschen mit Namen und Lebensdaten erinnern. Solche Stolpersteine gibt es etwa in Rockenhausen und Teschenmoschel, und diese Aktion soll laut Beuter auch fortgeführt werden.

Auf den Spuren jüdischen Lebens

Der Weg in die Orte führt zunächst am Donnerstag , 19 Uhr, zu einer Zusammenkunft in Rockenhausen an der Gedenktafel am Rathaus, wo die Namen und Lebensdaten der Opfer verlesen und ihrer gemeinsam still gedacht werden kann. Am Freitag ist Dielkirchen das Ziel, um von dem Theologen Bernhard Gerlach zu erfahren, „was jüdische Friedhöfe erzählen“. (Treffpunkt: Rathaus in der Ortsmitte, 15 Uhr). Tags drauf kann mit Geschichtsprofessor Rainer Schlundt in Obermoschel Spuren jüdischen Lebens nachgegangen werden (Marktplatz, 15 Uhr). Darum geht es auch beim Ortsrundgang am Sonntag zur gleichen Uhrzeit in Teschenmoschel, wo der frühere Ortsbürgermeister Ernst Schulz die Führung übernimmt. Einer alternativen Stadtführung mit Luise und Egon Busch kann man sich am 28. Oktober in Rockenhausen anschließen (Bahnhof, 15 Uhr).

Ein erster solcher Rundgang hat in Alsenz – gegenüber der ursprünglichen Programmplanung um eine Woche vorgezogen – bereits stattgefunden und Beuter vom Wert solcher Begegnungen überzeugt. „Es gibt im Ort immer Leute, die etwas aus der Ortsgeschichte beitragen können, die etwas wissen oder gehört haben, auch über Gegenstände mit Bezug zum Geschehen“, sagt Beuter. Vor dem Hintergrund je eigener Werthaltungen und Weltsichten kann es so zur Aufarbeitung von lokaler Geschichte kommen, die Beuter auch für notwendig hält. Über 30 Teilnehmer zeigten ihm ein lebhaftes Interesse daran an.

Blicke auch in die Zukunft

Vor 20 Jahren sei mit einer Busfahrt von Ebernburg bis Winnweiler an fünf Stationen der Verschleppung der Nordpfälzer Juden durch die Nazi gedacht worden. „Das war reines Erinnern“, so Beuter im Rückblick. Mit dem Ansatz in diesem Jahr soll mehr und anderes erreicht, soll tiefer gegraben werden. Auch Fragen wie die, was denn vor 1933 gewesen sei und Wege geebnet habe oder was aus den lokalen Synagogen geworden sei, sollen Raum erhalten.

Zwei weitere Veranstaltungen etwas anderer Art runden das Spektrum ab. Am 1. November sind Roland Paul und Hannelore Bähr zu Gast im Roten Saal der Donnersberghalle. An diesem Abend stehen Briefe von Gretl Drexler, einer der damals nach Gurs verschleppten Jüdinnen, im Mittelpunkt. Roland Paul, der frühere Leiter des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde und als Historiker einer besten Kenner der Geschichte des Judentums in der Pfalz, hat sich mit diesen Briefen auseinandergesetzt, die Pfalztheater-Schauspielerin Hannelore Bähr wird Auszüge daraus lesen. Bähr ist zur Zeit im Theaterstück „Bürckel!“ in Kaiserslautern zu sehen. In dem Stück befasst sich der Autor Peter Roos mit Josef Bürckel, der als Hitlers Gauleiter damals die Verschleppung der Juden nach Gurs veranlasst hatte.

Einen ganz eigenen Ansatz verfolgt die Abschlussveranstaltung am 7. November, denn sie versucht auch die Zukunft einzubinden. Konzipiert von einer jungen Mitstreiterin in der AG Stolpersteine soll ein Stadtrundgang von der Deportation einen Bogen schlagen über das seitherige Geschehen bis weit voraus ins Jahr 2050. Startpunkt ist um 15 Uhr am Bahnhof, dem Ausgangspunkt der Deportation. Nächste Station wird der Platz sein, wo früher die Synagoge stand und heute eine Gedenktafel angebracht ist – deren Verwirklichung, so Beuter, Jahre gebraucht habe. Am Rognacplatz werde man sich den Jahrzehnten des Schweigens und Verdrängens zwischen 1951 und 1981 widmen. Auch die Robert-Blum-Linde und die RHEINPFALZ sind einbezogen mit Fragen hier nach der Rolle revolutionärer Ideen und Gruppen, da mit der Frage nach der Rolle von Presse und Öffentlichkeit. Im Hof des Schulzentrums wird schließlich spekuliert, wie wohl der Rückblick auf das Geschehene im Jahr 2050 aussehen wird.

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