Donnersbergkreis
Gegen das Landarztsterben: So werden Pfälzer Ärzte in Ungarn ausgebildet
Warum ist das Programm so bitternötig?
Der Ärztemangel hat längst die gesamte Region erfasst. Für den Donnersbergkreis etwa hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) vor drei Jahren den Nachbesetzungsbedarf bei niedergelassenen Ärzten bis zum Jahr 2024 auf 65 Prozent beziffert – acht Prozentpunkte mehr als im Landesschnitt. Viele Hausarztstellen sind oder werden bald vakant. Mehr als die Hälfte der Hausärzte ist älter als 60 Jahre, etliche sind schon im Rentenalter. Für junge Ärzte scheint der Job als Landarzt nicht mehr attraktiv: In der Altersklasse zwischen 30 und 39 gibt es kaum Hausärzte, im Kreis Kusel schaut es nicht besser aus.
Selbst in der Stadt Kaiserslautern nimmt manch Allgemeinmediziner keine neuen Patienten mehr auf. Im Landkreis Kaiserslautern ist nur der westliche Teil gut versorgt, während es beispielsweise im Lautertal eng wird. Der Altersschnitt ist auch dort hoch. Und die Südwestpfalz verfügt laut Landrätin Susanne Ganster gar über die wenigsten Hausärzte gemessen an der Einwohnerzahl. In der gesamten Westpfalz fehlen schon jetzt rund 60 Hausärzte.
Wie genau lautet der Plan?
Junge Menschen, die an einem Medizinstudium interessiert sind, werden mit Stipendium ausgestattet und studieren im ungarischen Pécs – im Gegenzug sollen sie nach ihrer Rückkehr in der Region bleiben. Donnersberg-Landrat Rainer Guth ist Vorsitzender des eigens gegründeten Vereins „Ärzte für die Westpfalz“, den der Donnersbergkreis, die Landkreise Kusel, Kaiserslautern, Südwestpfalz, Bad Kreuznach, die Städte Kaiserslautern, Pirmasens, Zweibrücken, das Westpfalz-Klinikum sowie der Verein Zukunftsregion Westpfalz aus der Taufe gehoben haben. Zum Start wurden 16 Stipendien angeboten, eine Stipendiatin ist kurzfristig aus persönlichen Gründen abgesprungen. Die anderen 15 Kandidaten sind seit Start des Wintersemesters in Pécs. Sie haben sich verpflichtet, nach ihrer Ausbildung für einige Jahre in der Westpfalz zu arbeiten. Vorzugsweise sollen sie dauerhaft bleiben.
Wenngleich die Idee nicht neu erfunden wurde – in Sachsen läuft laut Guth schon seit geraumer Zeit ein solches Projekt, das dort von der KV unterstützt wird –, so hat das Westpfalz-Projekt schon in der Startphase für viel Interesse gesorgt: Von durchschnittlich „zwei bis drei Nachfragen pro Woche“ berichtet der Vereinsvorsitzende – andere Kommunen, die das Konzept gerne kopieren würden.
Wie soll das Projekt den Ärztemangel bei uns beheben?
Nach ihrer Rückkehr müssen die Stipendiaten ihre Facharztausbildung im Fördergebiet (Westpfalz und Kreis Bad Kreuznach) aufnehmen und dort während der Bindungsfrist durchgängig durchlaufen. Wer ein Vollstipendium erhält – 15.000 Euro pro Jahr –, muss die Tätigkeit in der Region mindestens fünf Jahre ausüben. Bei einem Teilstipendium wird lediglich die Hälfte der Studiengebühren übernommen, dafür ist der Nachwuchsarzt dann nur für drei Jahre in der Region gebunden. Der Zeitraum verkürzt sich jeweils, wenn das Stipendium nur für höchstens drei der sechs Jahre Regelstudienzeit in Anspruch genommen wird.
Vollstipendiaten müssen sich zum Hausarzt oder Arzt im öffentlichen Gesundheitswesen ausbilden lassen. Teilstipendiaten können eine beliebige Facharztausbildung aufnehmen.
Gewollt ist aber selbstredend, dass die jungen Ärzte langfristig bleiben. Das ist vor allem deshalb wünschenswert, weil die Facharztausbildung laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung in der Regel fünf bis sechs Jahre dauert – und erst dann kann ein Arzt eine eigene Praxis betreiben. Daher hat der Verein bei der Auswahl der Stipendiaten Wert darauf gelegt, „dass ein Bezug zur Westpfalz beziehungsweise dem Landkreis Bad Kreuznach vorliegt“, wie es auf Anfrage heißt. Die meisten Stipendiaten stammten aus der Region und seien hier verwurzelt.
Nach welchen Kriterien werden die angehenden Ärzte ausgewählt?
Während es in Deutschland kaum möglich ist, ohne eine Abiturnote von 1,0 Medizin zu studieren, gibt es fürs Stipendium in Pécs keinen Numerus clausus. Neben schulischen Leistungen bewertet „Ärzte für die Westpfalz“ beispielsweise den persönlichen Werdegang, medizinische Vorbildung, gesellschaftliches Engagement. Ganz wichtig ist auch die Bindung zur Heimat, „die Bereitschaft, Verantwortung auch für die Region zu übernehmen“, wie der Verein es ausdrückt. Es soll bei den Bewerbern also ein ernsthaftes Bestreben zu erkennen sein, langfristig als Arzt in der Westpfalz oder im Landkreis Bad Kreuznach zu arbeiten.
Bekommt die Westpfalz dann „Mediziner zweiter Klasse“?
Nein. Ob eine Mindestabiturnote wirklich ein intelligentes Auswahlkriterium für begehrte Studienplätze ist, ist ohnehin umstritten. Neben Heimatverbundenheit werden bei der Vergabe der Stipendien auch ernsthaftes Interesse und eventuelle medizinische Vorkenntnisse bewertet. Zudem muss der Stipendiat auch eine Zulassung von der Universität erhalten.
Die Wahl auf Pécs ist auch nicht zufällig zustande gekommen. Das Westpfalz-Klinikum kooperiert schon länger mit der Uni, deren Medizinstudium international einen guten Ruf genießt, wie Rainer Guth unterstreicht. Zudem ist es dort möglich, das Studium in der Lehrsprache Deutsch zu absolvieren.
Wie wird das Projekt finanziert?
„Ärzte für die Westpfalz“ finanziert sich über Spenden. Die 180.000 Euro Förderung fürs erste Jahr (neun Voll-, sechs Teilstipendien) stehen. Die Spender sind Banken, Unternehmen, darunter die Sparkassen Kaiserslautern, Kusel, Donnersbergkreis und Südwestpfalz, die Stadtverwaltung Pirmasens, die Kreisverwaltung Kusel, die Frog-Blue AG aus Kaiserslautern sowie Privatleute aus der Region, die namentlich nicht genannt werden möchten. Die Spender haben zugesichert, dass sie die Kosten für das gesamte Studium (Regelstudienzeit sechs Jahre) finanziell unterstützen.
Wie steht es um die vom Verein gewünschte Unterstützung von Land und KV?
Die KV Rheinland-Pfalz unterstützt das Programm organisatorisch. Erste Gespräche zur weiteren Beteiligung liefen bereits, sagt Guth.
Was passiert, wenn ein Student länger studieren muss oder das Studium abbricht?
Sollte ein Stipendiat das Studium abbrechen, kann ein Teil oder die gesamte ausgezahlte Fördersumme zurückgefordert werden.
Im Falle nicht bestandener Prüfungen kann der Stipendiat beim Verein einen Antrag auf Unterstützung einreichen. Er kann Semester beziehungsweise Prüfungen wiederholen, wenn entweder der Verein die Förderung bewilligt oder wenn der Stipendiat die zusätzlichen Semester selbst finanziert.
Was passiert, wenn die jungen Ärzte nach ihrer Rückkehr doch nicht in der Westpfalz bleiben wollen?
Sollte der Stipendiat nach abgeschlossenem Studium nicht für mindestens den festgelegten Zeitraum in der Region bleiben, könne die gesamte ausgezahlte Fördersumme zurückgefordert werden, heißt es vonseiten des Vereins.
15 Ärzte für die Westpfalz sind nun in Pécs – war’s das?
Nein, es sollen weitere folgen. Auch in den kommenden Jahren will der Verein Stipendien vergeben, wie Katja Altmeyer erläutert, die das Projekt bei der Kreisverwaltung Kusel für alle teilnehmenden Kommunen betreut. Ein genauer Zeitrahmen sei noch nicht festgelegt, „wir werden das so lange machen wie möglich“ – sprich: so lange Geld und Bewerber vorhanden sind. Da somit die Zahl der Stipendiaten, die in Pécs weilen, zunächst mal von Jahr zu Jahr steigen wird, werden weitere Spender gesucht. Es gebe auch schon weitere Angebote, sagt Altmeyer. Laut Rainer Guth steht die Anerkennung als gemeinnütziger Verein bevor. Auch dadurch – dann können Spendenquittungen ausgestellt werden – sollen neue Spender hinzukommen.