Donnersbergkreis „Fachwissen ist heute nur noch selten gefragt“
„Noch nie waren in Rheinland-Pfalz so wenig junge Menschen in einer Lehre: Voriges Jahr befanden sich 67.017 in einer Berufsausbildung – in den 1980er Jahren hatte es noch mehr als 110.000 Azubis im Land gegeben.“ Die Meldung, die im April auf unserer Seite „Südwestdeutsche Zeitung“ erschienen ist, wundert Timo Schultz nicht. Vielmehr bestätigt sie den Inhaber des gleichnamigen Dachdeckerbetriebs in Imsbach nur in seiner Einschätzung, „dass es das größte Thema für Selbstständige ist, fähige Mitarbeiter zu gewinnen und zu motivieren“. Die mühevolle, teils vergebliche Suche nach Lehrlingen ist aber nur ein Mosaikstein seiner Einschätzung, „dass man sich um die Zukunft des Handwerks große Sorgen machen muss“.
Der 44-Jährige redet sich im RHEINPFALZ-Gespräch den Frust von der Seele. Natürlich geht es ihm dabei auch um die eigene, vor über 65 Jahren von seinem Vater gegründete Firma. Aber Schultz versichert glaubhaft, dass er die geschilderten Probleme „von vielen Kollegen zu hören bekomme und daher auch in ihrem Namen spreche“. Das betrifft allen voran den mehr und mehr ausbleibenden Nachwuchs: „Früher hatten wir jedes Jahr Lehrlinge, aber heute will ja keiner mehr auf den Bau“, sagt Schultz. Außerdem strebten viele Junge heute das Abitur sowie danach ein Studium an – und bei den wenigen, die sich tatsächlich bewerben, reichten dann oft die schulischen Kenntnisse nicht aus. Zumal die Ansprüche an das Handwerk immens gestiegen seien: „Aus Dachdecker könnte man heute locker drei Berufe machen“, verweist er auf ganz unterschiedliche Anforderungen – von Windsogberechnungen bis zum Dämmen. Das alles habe dazu geführt, dass Schultz seit zwei Jahren keinen Lehrling eingestellt hat. Auch Versuche über Kooperationen mit Schulen blieben meist erfolglos: „Das ist oft vergebliche Liebesmüh und teils Hardcore, was man dabei erlebt.“ Generell beklagt der Firmenchef die heutige „Wohlfühlgeneration“: „Viele Arbeitnehmer wollen nicht länger arbeiten als es unbedingt sein muss – haben sie Feierabend, fällt sofort der Hammer.“ Andererseits sei auch der Anspruch der Kunden gestiegen. Stichwort Service: „Früher galten Handwerker als dumm, stark und Biertrinker. Dieses Image ist längst überholt – dafür wird von uns erwartet, dass wir beim Betreten eines Hauses Überschuhe anziehen, Möbel abdecken und den Boden mit Vlies auslegen.“ Doch Mitarbeiter, „die nicht nur gut, sondern auch sauber angezogen sind und mitdenken, sind schwer zu finden“, betont Schultz. Und es gibt sie nun mal nicht für 28, sondern eher für 50 Euro die Stunde. Daher sei es schwierig für ihn, diesen bei Kunden zunehmend wichtigen Service-Bereich auszubauen. Apropos Kunden: Auch sie bekommen ihr Fett weg. „Bei vielen spielt nur noch der Preis, nicht mehr die Qualität eine Rolle“, beklagt Schultz. Privatleuten fehle häufig das Fachwissen, um Angebote vergleichen zu können. Und öffentliche Bauherren müssten den Auftrag an den günstigsten Bieter vergeben – selbst wenn der aus München kommt. Die Quintessenz für Schultz: „Wenn ich ein Angebot vernünftig kalkuliere, dann habe ich oft keine Chance. Bei Neubaugebieten beteilige ich mich etwa kaum noch an Ausschreibungen“, verweist er auf bis zu zehn Anfragen täglich, die über Internet-Verteiler auch seine Firma erreichen. Die Kehrseite: „Weil ich darauf nicht mehr antworte, heißt’s dann manchmal: ’Der Schultz ist ja arrogant’.“ Aus all dem hat er den Schluss gezogen: „Fachwissen ist heute nur noch selten gefragt.“ Und er fragt sich, warum er Meister oder Facharbeiter auf Weiterbildungen schicken soll, wenn sich dieses Know-how kaum noch verkaufen lässt. Mehr noch: Viele ließen sich von ihm beraten, rennen dann aber doch zu günstigeren Anbietern. Ausnahme sei hierbei die ältere Generation: „Sie legt mehr Wert auf Beratung, auf ein seriöses Angebot und ist auch bereit, für Qualität mehr zu zahlen“, betont Schultz. Deshalb habe er sich zunehmend auf Sanierungen konzentriert. Insgesamt sei die Konkurrenz aber brutal: „Über Gewinnmargen von zehn, maximal 15 Prozent kann man schon glücklich sein.“ Im Stich gelassen fühlt sich Schultz auch vom Gesetzgeber: dass Handwerksbetriebe auch ohne Meister eröffnet werden dürfen, dass manche eine GmbH gründen und sich ein großes Unternehmen als Pseudo-Konzessionsträger angeln – für ihn ein Unding. „Viele Billigfirmen wurschteln mit ihrer Inkompetenz vor sich hin, ohne dass ihnen mal jemand auf die Finger schaut.“ Die hohen Lohnnebenkosten in Verbindung mit einer gerade im Dachdecker-Metier nachteiligen Unflexibilität sind nur zwei der vielen Punkte, bei denen der Imsbacher Unterstützung seitens „der Politik“ vermisst. „Was soll ich im Winter mit meinen Leuten machen? Zwar bekommen sie Schlechtwettergeld, ich habe aber monatelang Sozialabgaben zu zahlen – für nichts“, bemängelt Schultz. Die Folge: Er kann viele Arbeiter nur noch befristet einstellen – was sich wiederum negativ auf Motivation und Identifikation mit dem Betrieb auswirke. Und bei einer zweiten Verlängerung hätten die Betroffenen Anrecht auf eine Festanstellung. „Also kann ich sie nicht weiterbeschäftigen, so leid es mir tut – sonst wäre ich nach zwei Jahren bankrott.“ Wie es weitergeht mit dem Handwerk? Schultz schwant nichts Gutes – ihm bleibe ja nur die Hoffnung, dass qualitativ gute Arbeit eines Tages wieder größere Wertschätzung erfahre. Doch eines kann er sich beim besten Willen nicht vorstellen: in den nächsten Jahren eine Meldung in der RHEINPFALZ, dass in Rheinland-Pfalz so viele Menschen wie lange nicht mehr eine Lehre begonnen haben ... Info Heute, ab 10 Uhr, findet in der Gienanthstraße 19 in Imsbach das Frühlingsfest der Firma Schultz statt. Neben einem bunten Programm wird um 14 Uhr die neue Kantanlage des Betriebs vorgestellt.