Donnersbergkreis Für ein Leben in Selbstständigkeit
Menschen mit Autismus-Spektrums-Störungen haben oft einen komplizierten Lebenslauf mit Mobbing und Ärzte-Odysseen. Der Umgang mit den Betroffenen kann auch für deren Eltern sehr belastend sein. Um frühzeitig zu helfen, hat die Lebenshilfe Grünstadt-Eisenberg eine Ambulante Autismus-Beratungsstelle eingerichtet.
„Autismus ist gekennzeichnet durch tiefgreifende Beeinträchtigungen in der Entwicklung, die als Kind beginnen und in deren Zentrum eine schwere Beziehungs- und Kommunikationsstörung steht“, erläutert Karin Heindl, Geschäftsführerin der Lebenshilfe. Hinzu kämen Wahrnehmungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten, die in erster Linie für die Eltern eine große Belastung darstellen. Bis die Diagnose feststehe, vergehe oft eine lange Zeit, weiß die Geschäftsführerin. Meist erfolge sie erst bei Schuleintritt oder sogar noch später. Geht Autismus mit einer geistigen Behinderung einher, werde die Störung oft früher erkannt, in der Regel aber hätten autistische Kinder eine normale Intelligenz oder sogar besondere Begabungen. „Ich kenne eine Menge Fälle, bei denen Mütter von einem schlechten Gewissen geplagt werden, weil sie glauben, etwas falsch gemacht zu haben“, erzählt Heindl. Sie erinnert sich an die Schilderung einer Frau: „Mir hat es immer weh getan, dass mein Baby nicht auf mich reagiert und mich nie angelächelt hat.“ Doch es liege grundsätzlich kein eigenes Verschulden vor. Die Ursache von Autismus-Spektrums-Störungen sei noch nicht geklärt, es gebe aber immer wieder neue Erkenntnisse. Darüber sowie über die fachärztliche Diagnostik informiert die Beratungsstelle kostenlos Betroffene, Angehörige, Schulen, Kitas und andere Einrichtungen. Die im September 2015 in der Asselheimer Straße 7 eröffnete Beratungsstelle hat sich laut Heindl inzwischen etabliert und die richtige Struktur gefunden. Geleitet wird die Einrichtung von der Diplom-Sozialpädagogin Barbara Mattheis. Ihr zur Seite steht Bernd Günther, von Beruf Lehrer und in Falkenstein mit dem Ibo, dem Institut für Bildungsberatung und Organisationsentwicklung Günther UG, selbstständig. Eine enge Zusammenarbeit besteht auch mit dem Inklusionsfachdienst der Lebenshilfe, den Manuela Giel leitet. Ziel der Arbeit in der Beratungsstelle ist es, autistische Kinder und Jugendliche so weit zu festigen, dass ein Leben in Selbstständigkeit möglich wird. Dafür muss die Kontakt- und Konfliktfähigkeit entwickelt werden. Im Fokus steht auch die Elternarbeit. An weiterer Unterstützung bietet die Beratungsstelle nach einem ganzheitlichen Ansatz Trainingsstunden in praktischen Dingen an. So wird etwa das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln geübt oder die Selbstwahrnehmung gestärkt. „Wir gehen auch in die Familien und eruieren die Ressourcen, um sie zu aktivieren. Wir nehmen Kontakt zu Kitas, Schulen, Vereinen und potenziellen Arbeitgebern auf, begleiten die Betroffenen auch und halten Ferienprogramme bereit“, sagt Heindl. Während der Ferien geht es unter anderem ins Museum oder in den Kletterpark. „Wir sind jeweils ganztags zusammen, auch mit gemeinsamem Mittagessen“, erzählt Günther. Geplant sei ein dauerhaftes Gruppentraining, um die soziale Interaktion üben zu können. Mattheis ergänzt: „Wir wollen auch einen Elternstammtisch auf die Beine stellen.“ Räumlichkeiten für Gruppenangebot und Stammtisch sind laut Heindl in der Asselheimer Straße vorhanden. „Wir müssen aber noch die Konzepte ausarbeiten, um die Finanzierung beantragen zu können“, erklärt sie. Mattheis fügt hinzu: „Eventuell bräuchten wir dann aber auch eine Kinderbetreuung, damit sich die Eltern in Ruhe austauschen können.“ Schulen aller Formen steht die Beratungsstelle zur Seite, um Wege aufzuzeigen, wie man Autisten im Unterricht methodisch-didaktisch behandelt. „Die Schulen müssen differenzierter arbeiten“, sagt Günther, der weiß, dass aufgrund der stetig verbesserten Diagnostik immer mehr Autisten erkannt werden. Auch in die Kitas tragen die Mitarbeiter der Beratungsstelle ihre Erfahrungen. Die betroffenen Kinder werden, soweit erforderlich, von Inklusionshelfern in den Einrichtungen begleitet. 23 solcher Fachkräfte hat die Lebenshilfe. „Acht von ihnen sind gegenwärtig für Jungen und Mädchen mit autistischen Störungen zuständig“, informiert Giel. „Derzeit kümmern wir uns momentan um etwa 20 Klienten zwischen vier und 17 Jahren“, sagt Heindl. Damit sei die Kapazität der Beratungsstelle aber nicht ausgeschöpft. Das Gros der Hilfesuchenden komme aus dem Leiningerland und Eisenberg, manche aus Speyer und Mainz. „Finanziert wird unser Angebot üblicherweise über die Jugend- und Sozialämter, aber auch über das Pflegegeld ist das möglich“, so Heindl. „Die ersten vier Jahre werden wir mit jährlich abnehmenden Pauschalbeträgen über die Aktion Mensch gefördert“, berichtet sie. Insgesamt stehe eine Zuschusssumme in Höhe von 160.000 Euro zur Verfügung.