KIRCHHEIMBOLANDEN
Führer zu den botanischen Kostbarkeiten des Schlossgartens
Es ist schon ein kleines historisches Ereignis für Kirchheimbolanden: Erstmals in der langen Geschichte des Parks liegt mit der Publikation „Bäume. Rundgang im Schloßgarten Kirchheimbolanden“ eine kompakte Beschreibung seiner besonders wertvollen Gehölze vor. Zu danken ist dies, nach mehrjähriger Vorarbeit, dem rührigen Förderkreis Schloßgarten (auf das scharfe „s“ wird hier trotz Rechtschreibreform noch Wert gelegt!). Sich selbst, vor allem aber vielen Gartenfreunden macht der Verein damit im 25. Jahr seines Bestehens ein nachhaltiges Geschenk. Ermöglicht vor allem durch großzügige Spenden, die die Verbundenheit vieler Bürger mit dem geschichtsträchtigen Areal im Herzen des Städtchens bezeugen.
Erstmals werden die botanischen Raritäten erfasst
Immer wieder stehen Spaziergänger bewundernd vor den Baumriesen in diesem englischen Landschaftspark. Aber außer ein paar knappen Beschriftungen zu Art und Herkunft an bemerkenswerten Exemplaren fand sich bislang so gut wie nichts. Der Baumführer schließt da in Texten der Gehölz- und Gartenexperten Detlef Ehlert aus Kaarst und Barbara Vogt aus Frankfurt/Main sowie der stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Gudrun Bauer aus Kirchheimbolanden eine große Lücke. Und: Er verflicht die beschriebenen 92 Laub- und Nadelbäume mit der Historie des Gartens, der in seinem heutigen Erscheinungsbild wesentlich vom gemeinschaftlichen Wirken des Schlossbesitzers Heinrich Brunck (1847-1911) und des Frankfurter Gartenkünstlers Philipp Siesmayer (1862-1935) in den Jahren nach 1889 geprägt wurde. Siesmayers landschaftsformende Komposition und sein Pflanzkonzept trafen sich, wie eingangs erläutert wird, mit der Leidenschaft des Gartenbesitzers und Chemikers Brunck, Vorstandsvorsitzender der BASF, dessen Villa im oberen Gartenteil stand.
Aufklappbarer Lageplan und Register
Detlef Ehlert lädt die Leser zum buchstäblich beschaulichen Baum-Rundgang auf den kunstvoll geschwungenen Siesmayerschen Wegen mit gelegentlichen kleinen Abstechern ins „Hinterland“ ein; hilfreich sind die genauen Standorte mitsamt Register in einem aufklappbaren Lageplan verzeichnet. Die meisten der beschriebenen Anpflanzungen gehen auf die Brunck-Ära zurück, einige sind jedoch älter – wie der Bergahorn hinter der Grabstätte, der vermutlich bereits zwischen 1800 und 1820 im Schlossgarten Wurzeln schlug.
Nicht selten, so erfährt man, sind in Kirchheimbolanden in Bezug auf Größe, Alter oder Umfang echte Raritäten beheimatet. So etwa eine Ungarische Eiche – eine von einstmals 64 verzeichneten Eichen-Arten im Schlossgarten – oder eine Weiß-Eiche. Diese freilich ist auch Austragungsort eines natürlichen Konflikts: Im Stamm hat sich ein das Absterben beschleunigender Käfer eingenistet, vermutlich der Eichenheldbock, der seinerseits streng geschützt ist. Als einen der größten und schönsten Berg-Mammutbäume in Rheinland-Pfalz bewerten die Spezialisten eines von drei Exemplaren im oberen Parkteil: An seinen Stammumfang von fast sechseinhalb Metern kommt kein anderer Baum im Schlossgarten auch nur annähernd heran.
Mitbringsel einer Dienstreise nach Japan
Doch nicht nur Riesen, die teils mehr als 30 Meter in die Höhe streben, gilt das Interesse. Am Fuß der Langen Bahn etwa ist dem übers Jahr farbspielreichen Perückenstrauch ein Fächer-Ahorn benachbart, dessen leuchtend rotes, filigran gezahntes Laub im Herbst aufregend mit dem bizarr geformten dunklen Stamm kontrastiert: gewissermaßen ein zu Leben erwachter japanischer Farbholzschnitt, ein Kunstwerk der Natur. Dass der Chemiker Brunck den exotischen Jüngling einst im Container von einer Dienstreise aus Japan mitbrachte, der kleine Baum mithin über 120 Jahre alt ist, wussten bisher wohl die wenigsten.
Zu den Vorzügen der Veröffentlichung gehört ebenfalls, dass die Experten kritische Betrachtungen zu Details und Veränderungsvorschläge nicht aussparen. Überdies aber darauf verweisen müssen, dass Natur nun einmal vergänglich ist, wie in jüngerer Zeit an der wachsenden Zahl von Baum-Torsi unschwer zu erkennen ist.
Titelbild wird zum Erinnerungsfoto
In manchem Fall ist selbst die aktuelle Auflistung schon nicht mehr auf der Höhe der Zeit. So wurde eine prägende Eiche nahe dem Haupteingang jüngst von einem Sturm gefällt. Ausgerechnet das Titelbild der Broschüre, das sie ziert, gerät so unversehens zum Erinnerungsfoto. Vier weitere alte Bäume vermerkt das Baumregister als im Jahr 2021 „gekappt“. Aber so wie einerseits Neuanpflanzungen, durch die Stadt oder Spender veranlasst, Verluste über lange Zeit ausgleichen sollen, so haben andere Torsi eine neue, eigenwillige Funktion erhalten: Sie stehen als knorrige Plastiken im grünen Raum.
Die 60-seitige Publikation, reich und anschaulich bebildert, auch mit historischem Fotomaterial, und von Uwe Jochim ansprechend gestaltet, ist eine informative, liebevolle Hommage an den Schlossgarten. Wer sie zur Hand nimmt, wird dieses Gartendenkmal intensiver erleben und sich seines Wertes weit über die Kleine Residenz hinaus bewusst sein.
Info
Die Broschüre kann zum Preis von 18 Euro bestellt werden. Entweder telefonisch bei Gudrun Bauer vom Schlossgartenverein unter 06352 8446 oder per E-Mail an info@schlossgarten-kibo.de.