Donnersbergkreis „Epoche nur mit viel Phantasie zu begreifen“

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„Wenn später einmal ein Mensch auf diese schon jetzt im Dunst der Jahrzehnte versunkene Zeit stoßen sollte, wird er aus dem Staunen so schnell nicht herauskommen. Er wird sehr viel Phantasie brauchen, um diese Epoche zu begreifen“, schickt Reinold Rehberger launig seinen Erinnerungen an die 50er und 60er Jahre in Rockenhausen, damals Deutschlands kleinster Kreisstadt, voraus. Sein Buch „Die Wäscherei“ ist eine Huldigung an diese Jahre seiner Kindheit und Jugend, ihre knorrigen Charaktere, ihre „Stickelscher“, ihre enorme Vitalität.

Was der 69-jährige Redakteur und Autor zeitkritischer Monographien zur Kaiserzeit und der NS-Zeit in der Nordpfalz („Kerndeutsch“, „Treudeutsch“) da schreibt, ist wunderbar erzählt, brillant formuliert, mit klaren Ansagen und oft zum Brüllen komisch – und hinter aller Derbheit und Schrägheit der schnurrigen Typen Begebenheiten getragen von einem respektvollen Staunen über so pralle Jahre, „in denen alles zu gelingen schien, ... in denen selbst der Doofste aus eigener Kraft einigermaßen über die Runden kam – wenn er denn wollte“. Und Jahre, das wird fühlbar, in denen die Menschen einander näher waren als sie es heute sind, mehr Anteil aneinander nahmen – freilich auf die eine wie auf die andere Weise. Die Wäscherei, die Rehbergers Mutter Gretel 1953 im neu gebauten Haus in der Wesbach eingerichtet hat, ist der Kristallisationskern dieses Rückblicks auf die vollbeschäftigten Wirtschaftswunderjahre, in denen die kleine Welt noch wie ein Modell der großen funktionierte. Von der Mutter resolut angepackt, hat das Geschäftsmodell den gewünschten Erfolg und bindet, wie das damals so üblich war, die ganze Familie ein. Den Steppkes etwa fiel die Aufgabe zu, die fertige Wäsche mit dem Leiterwägelchen auszufahren – was so ganz nebenbei interessante Einblicke in fremde Häuser gewährte. „Die Wäscherei war meine einzige, meine richtige Schule. Durch sie lernte ich Dinge und Zusammenhänge begreifen, die nirgendwo sonst auf dem Stundenplan standen“, bekennt Rehberger. Die Geschichten, die um diesen Kern kreisen, will er nebenbei auch als „Plädoyer für die Familie als emotionalen und sozialen Ort“ verstanden wissen – sie sei ein „Leuchtturm auf einer Insel im Meer des Wahnsinns“. Viel erfährt man auf diesen Seiten über Originale wie etwa den Bäre-Lui, der als Heizungswart im Heizkeller des Krankenhauses sein Lager aufgeschlagen hatte und zur Stelle war, wenn ein gerade Verstorbener geschultert und zum Einsargen in den Keller getragen werden musste. Von den Kumpels ist die Rede, dem Treffpunkt an der Alsenzbrücke, den Lehrern – „Der Schüler müsste bräver werden“, befanden sie über den Autor –, dem heute kaum noch vorstellbaren Alltag einklassiger Schulen und derben Pausenvergnügungen wie dem „Schinkeplättsche“. Die Amis sind allgegenwärtig, Fredy Brauns Kino, die Wirtshäuser sowieso als Treffpunkt der „Spaßvögel und Neuigkeitsaustauscher, die in und um Rockenhausen mit ihrer kommunikativen Kraft den Alltag bereicherten“. Von derben Raufereien wird erzählt und von Fußballspielen, bei denen die handgreifliche Rede von den Schlachtenbummlern noch wörtlich zu nehmen war. Zwischendurch hat auch mal ein Halbgott seinen Auftritt, als an einem Sonntagnachmittag im Sommer 1963 kein Geringerer als Fritz Walter im Mercedes 190 SL – offenes Verdeck, weißer Lack, rotes Leder – wie eine Erscheinung die Alsenzbrücke passiert. „Ein Herr mit kolossaler Aura. Dann plötzlich kurbelte er nach links und gab Gas. Wir hatten noch immer keinen Ton rausgebracht.“ Zuvor, 1961, hatte sich auch ein Willy Brandt als erster Bonner Spitzenpolitiker in die Nordpfalz verirrt. Landrat Fritz Müller durfte den Auftritt im Schlosspark auf Geheiß der CDU-Landesregierung zur Neutralitätswahrung nur von Ferne verfolgen, notiert der Autor am Rande. „Sauerei“ habe Friedrich-Wilhelm Wagner, später Vizepräsident am Bundesverfassungsgericht und damals mit im Tross, die von Adolf Rothley in seiner Ansprache mitgeteilte Kuriosität kommentiert. Adolf Rothley, dem Stadtbürgermeister und früh verstorbenen ersten Landrat des, so Rehberger, „hirnlos zusammengeschusterten Donnersbergkreises“, wird nachgerühmt, ein „Lobbyist seiner Heimat von hohen Graden“ gewesen zu sein. Bis heute gebe es keinen Politiker im Donnersberger Land, der es „in Sachen Handwerk und Charisma mit ihm hätte aufnehmen können“, gibt Rehberger zu Protokoll. Das in gut gewürzten Häppchen servierte Menü wird abgerundet etwa durch zugespitzte Einblicke in den Alltag von Verwaltung und Kommunalpolitik, auf Rechtsfälle am Amtsgericht – Anlässe erster journalistischer Gehversuche, angeleitet von Lokalredakteur Emil Dohm –, oder drastische Einbrüche der großen Welt wie etwa den aufsehenerregenden Absturz eines damals höchst geheimen Aufklärungsflugzeugs vom Typ U 2 am Hintersteinerhof – Flieger des gleichen Typs führten in diesen Jahren bekanntlich zu manchen internationalen Verwicklungen. Die erstaunlichen Jahre, die Wundertütenzeit – für Rehberger enden sie bereits Mitte der 60er, als der Siegeszug der Supermärkte und der großen Wirtschaftseinheiten sich anschickt, die fein verwobene Welt des Kleingewerbes, der Tante-Emma-Läden, der Landwirtschaft zu zersetzen und damit einen Gesellschaftsvertrag aufzulösen, der laut Rehberger die deutsche Solidargemeinschaft seit Beginn der Industrialisierung zusammengehalten hatte. Das Fernsehen, die explosionsartige Entwicklung der Mobilität taten das Ihrige dazu. Für Rehberger fiel diese Entwicklung zusammen mit dem Ende seiner Kindheit und seinem Auf- und Ausbruch in die große Welt der Metropolen, des politischen Aufruhrs der Studentenunruhen, der Medien. Von seinen „fünf Jahrzehnten bei deutschen Printmedien“ will Rehberger in einem zweiten Band mit dem Titel „Am Windkanal“ erzählen. Die Wäscherei hielt noch durch bis 1973, dann kam mit einem weiteren Umzug auch für sie der letzte Waschgang – längst hatten Waschmaschinen in den Haushalte Einzug gehalten. Lesezeichen Reinold Rehberger: Die Wäscherei. Schilderung tatsächlicher Begebenheiten aus den 50ern und 60ern in Deutschlands kleinster Kreisstadt. Verlag Ablinger.Garber, Hall in Tirol 2015. 144 Seiten, 19.80 Euro. Erhältlich im Buchhandels sowie in Rockenhausen bei Foto Hoffmann. Den größten Teil des Erlöses aus dem Buchverkauf spendet Rehberger der Organisation „Reporter ohne Grenzen“.

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