Donnersbergkreis
Ensemble Postscript bringt höfischen Glanz in die Orangerie
Das Barock-Zeitalter benötigte für höfische Repräsentation, Selbstinszenierung und Unterhaltung eine Fülle sogenannter Gebrauchsmusik, allem voran die am Donnerstag hauptsächlich zu hörende wichtigste Gattung der Triosonate. Es ist ein Verdienst des Ensemble Postscript, den Horizont für diese immense Vielfalt zu weiten. Das 2018 gegründete Ensemble verließ die ausgetretenen Pfade der Standardliteratur mit den hierzulande bekanntesten Komponisten wie Bach, Händel und Telemann. Dazu fühlen sich die Absolventen des Amsterdamer Konservatoriums – eine renommierte Pflege- und Ausbildungsstätte für Alte Musik aus der Zeit vor 1800 – verpflichtet. Mehr noch: Das Quartett schaffte es, den Besuchern einen lebendigen Zugang zur Alten Musik zu verschaffen.
Betörende Traversflöte
Aysha Wills und David Westcombe verwendeten keine modernen Querflöten, sondern deren historische Vorläuferin, die Traversflöte aus Holz mit Grifflöchern wie eine Blockflöte. Das allein bewirkte einen subtilen, verhangenen und betörend weichen Klangzauber, klang angenehmer und auch dunkler timbriert, verlangte aber auch grifftechnische Versiertheit für sogenannte Gabelgriffe. Laut dem Schweizer Musikwissenschaftler Jacques Handschin ist die Zeitspanne zwischen etwa 1600 und 1750 das Zeitalter des konzertierenden Stils im Sinne eines rhetorischen Wettstreits: in Parallelführung der dialogisch verbundenen Stimmen oder in Imitation oder in Gegenparts. Alles kam bei den beiden tadellos und bravourös aufspielenden Flötisten in bestechender Präzision wunderbar zum Ausdruck.
Das Echo des Cembalos
Andere Definitionen sprechen vom „Generalbass-Zeitalter“, weil ein durchlaufender Bass – im Jazz würde man ihn „Walking Bass“ nennen – diese Kapriolen rhythmisch und harmonisch stützt. Dies verlangt Spezialisten wie Cembalist Artem Belugurov, der in der Art der historischen Aufführungspraxis spielte. Er verwendete nur eine bezifferte Basslinie und gestaltete diese nach satztechnischen Regeln und nach der damaligen Verzierungslehre aus: umspielen, überleiten, Durchgangs-, Wechsel- sowie Vorhaltsnoten, um den Part lebendiger zu gestalten. Dazu beherrschte Belugurov auch die Imitation, quasi ein Echo auf die Solisten, das in einfallsreiche Antworten mündet.
Die nur streng notierte Bassstimme wurde historisch auch von einem eigentlichen Bassinstrument mitgespielt, meistens dem damals so genannten Violoncello. Letzteres wurde von Octavie Dostaler-Lalonde souverän gespielt, ohne stützenden Stachel, sondern frei gehalten, und ohne Dauervibrato und in schlanker, flexibler Tongebung.
Kein bisschen antiquiert
All diese Finessen zusammen bewirkten Transparenz, Authentizität, kleingliedrige Motivik und Stringenz anstelle von heutigem großflächigem orchestralem Empfinden. Das Vorurteil, Barock-Kompositionen unbekannterer Meister wie Charles Rosier (Belgien), Willem de Fesch (Niederlande), Servaas de Konink (Flandern) Pietro Locatelli (Italien) und Johann Christian Schickhardt (Deutschland) klinge „trocken“ oder gar antiquiert, widerlegte das Quartett mit Leichtigkeit. Einerseits entstand durch die Abwechslung der Besetzung und der solistischen und begleitenden Aufgaben eine lebendige Vortragsfolge. Zudem wirkten die Beiträge durch ihre ansteckende, lebhafte und emphatische Musizierfreude und Virtuosität sehr lebendig und abwechslungsreich liedhaft, rasant und brillant. Am deutlichsten zeigte sich dies bei Schickhardts Solosonate für Flöte und Cembalo, als die kanadische Flötistin Aysha Wills wie entfesselt aufspielte und damit auch demonstrierte, wie schon in früheren Zeiten Solisten von der Virtuosität profitierten. Bewunderungsattribute wie „Hexenmeister“ und „Teufelstriller“ zeugten davon.
Ein Abend mit höfischem Glanz.