Donnersbergkreis
Eisenberg: Wenn es ohne Hilfe nicht mehr geht – Gespräch mit einer Pflegebedürftigen
Die medizinischen Möglichkeiten erlauben es den Menschen heutzutage, sehr alt zu werden. Mit dem Alter kommen aber oftmals auch körperliche und geistige Einschränkungen dazu, viele Menschen werden pflegebedürftig. Wohin im Alter, wenn es nicht mehr geht? Wenn man sich selbst nicht mehr versorgen kann und die Angehörigen diese Aufgabe nicht übernehmen können. Eine Möglichkeit ist das Seniorenheim. Wie fühlt man sich da, wenn man mehr und mehr auf fremde Hilfe angewiesen ist?
Eine Antwort auf diese Frage kann Lieselotte Graffert geben. Sie wohnt seit mehreren Jahren im Azurit-Seniorenzentrum in Eisenberg. Früher hat die Mutter zweier verheirateter Kinder mit ihrem Mann in einem Haus in Eisenberg gewohnt. „Ich habe 27 Jahre lang im Kindergarten geputzt, bis ich körperlich nicht mehr konnte“, erzählt sie. Die 70-Jährige hat seit mehr als 20 Jahren Multiple Sklerose, sitzt deshalb seit 2009 im Rollstuhl. Im Laufe der Jahre habe sie sich immer weniger bewegen können, die Krankheit hat auch ihre Hände erreicht. Die Finger seien steif geworden, können nicht mehr benutzt werden. Sie könne nicht einmal mehr alleine die Fernbedienung ihres Fernsehers bedienen.
„Am Anfang war es schwer“
Als ihr Mann sie nicht mehr pflegen konnte, die Treppe in ihrem Haus nicht mehr überwunden werden konnte, sei sie nach mehrmaligen Reha-Aufenthalten zunächst in Kurzzeitpflege gekommen, bevor sie schließlich ganz blieb. „Am Anfang war es sehr schwer, weil ich nicht begreifen wollte, dass ich nie wieder nach Hause kann“, erinnert sie sich. Damals habe sie auch öfter geweint, bis sie die Tatsache akzeptiert habe.
Vom Zweibettzimmer wechselte sie bald in ein Einzelzimmer. „Meine Mitbewohnerin hat nachts immer gekocht und beispielsweise gesagt: Erwin, du kriegst jetzt einen Teller Suppe – das konnte auf Dauer nicht gut gehen“, meint sie lachend. Mittlerweile habe sie viele Bekannte im Seniorenzentrum, spiele gerne Bingo und nehme am Gedächtnistraining teil. Überhaupt mache sie bei Vielem mit, auch zu den Strickfrauen gehe sie – zum Zuschauen und Unterhalten.
Ausflug zum Supermarkt
„Enge Kontakte habe ich neben manchen Bewohnern auch zu verschiedenen Pflegern und Pflegerinnen – ich fühle mich hier sehr gut versorgt“, lobt sie. Ihr Tagesablauf beginne, wenn die Pflegerinnen morgens in ihr Zimmer kommen, um sie aus dem Bett zu holen, zu waschen und anzuziehen. „Dann werde ich in meinen Rollstuhl gesetzt und schaue zuerst ein bisschen Frühstücksfernsehen, damit ich auf dem neusten Stand der Klatschpresse bin“, erzählt sie schmunzelnd. Auch nach dem Frühstück sei fernsehen eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. „Nach dem Mittagessen mache ich dann im Rollstuhl ein Nickerchen, bevor die Mittagsaktivitäten beginnen“, so die Bewohnerin weiter.
Gerne mache sie auch mal einen Ausflug zum Supermarkt, zum Markt oder auch zum Kaffeetrinken in die Stadt, wofür sie von einer Pflegerin begleitet werde, die sie im Rollstuhl fahre. Manchmal träume sie: „Dann stell’ ich mir vor, ich fahre nach Dubai, kaufe zwei Kamele und besuche den Goldmarkt der Stadt – wir erzählen manchmal dummes Zeug, sonst würde man vielleicht verzweifeln“, meint sie. Schon bald nach dem Nachmittagskaffee gebe es Abendbrot und dann werde sie bettfertig gemacht. „Der enge Kontakt und die liebevolle Betreuung durch die Pflegerinnen und Pfleger bereichern den Aufenthalt hier, sie geben mir Stabilität und Sicherheit“, so Graffert, die sich mit manchen Pflegerinnen sogar duzt – ein Zeichen für die enge Beziehung und die große Vertrautheit.