Donnersbergkreis Ein zauberhaftes Stückchen Erde
«MORSCHHEIM.» Die Häuser und Anwesen an den Straßen unserer Dörfer wirken oft zugeknöpft; breite Tore und hohe Mauern verhindern neugierige Einblicke. Hier und da lässt die sichtbare Krone eines großen, alles überragenden Baumes höchstens vermuten, dass es drinnen grün und gastfreundlich zugehen könnte. Genauso wird der Besucher empfangen, wenn er in Morschheim vor dem gut 100 Jahre alten Sandstein-Anwesen von Hilla und Wilfried Steidel steht. Kaum etwas deutet darauf hin, was sich hinter der Fassade, hinter dem schlichten Tor verbirgt: ein Paradies auf 5000 Quadratmetern.
Doch zunächst öffnet sich das „Vorparadies“, der riesige Innenhof. Gesäumt von Stockrosen, Hortensien, Feldern von verblühten Maiglöckchen und Frauenmantel und unter dem freundlichen Blick eines steinernen Löwen führt der Weg zu einem von Rankrosen behüteten Sitzplatz vor einem großen Feigenstrauch und lädt zum Verweilen ein. Und eigentlich will man hier schon gar nicht mehr weg, zu angenehm sind der Schatten und die frische Luft unter dem majestätischen Nussbaum und der markant gewachsenen ausladenden Trauerweide. „Die Bäume sind 40 Jahre alt, wir haben sie kurz nach unserem Einzug gesetzt“, erzählt Hilla Steidel. „Man kann es heute kaum glauben, aber beide Pflänzchen hatten damals eine Höhe von höchstens 30 Zentimetern.“ Nun gilt es, die ersten Eindrücke zu bündeln: die heimelig anmutende große Sitz-Nische in der Hauswand, die vor Regen schützt, die dezent arrangierten Ensembles mit Pflanzen, Zierkugeln und Figuren, das versteckt liegende Hochbeet mit Gemüse, die über zehn Meter hohe prächtige Scheinzypresse und nicht zuletzt die beeindruckende Sandsteinwand der riesigen Scheune, die die untere Begrenzung des Hofes darstellt. Aber das eigentliche Herzstück, der Garten, vom dem noch gar nichts zu erkennen ist, kommt ja erst noch, verbirgt sich hinter einer unscheinbaren Holztür, die zunächst in eine Art Durchgangszimmer führt. Der große Esstisch lässt erahnen, wie angenehm es sein muss, an heißen Sommertagen hier ein paar kühle Stunden zu verbringen. Und schließlich – ein Treppenabstieg muss noch sein – öffnet sich das grüne Paradies. Unter einem markant gewachsenen Haselstrauch wird gleich die erste Bank besetzt, damit die Blicke schweifen können und der Satz gesagt werden kann, der gesagt werden muss: „Gott, ist das schön hier!“ „Ja, das ist einer meiner Lieblingsplätze“, lächelt Hilla Steidel. „Ich liebe den Haselstrauch, der einen fast umarmt, und die Aussicht auf diesen Teil des Gartens.“ Nichts wirkt gekünstelt, aber auch nichts ungeordnet. Buchsbaumrondelle schaffen Räume für Kräuterbeete, ein alter Grabstein lässt sich von Funkien umschmeicheln, ein Steinlöwe spuckt Wasser in einen Trog, drei riesige Zuckerhüte stehen eindrucksvoll wie ein kleiner Gebirgszug auf einer der zahlreichen „eingestreuten“ Rasenflächen, Rosenbögen laden zum Weiterspazieren ein. Dazwischen Sträucher, Bäume, Farne, Efeu, Anemonen, Lavendel und immer wieder Rosen und Hortensien. Rainer Maria Rilke kommt in den Sinn und die Hortensien erkennen sich wieder: So wie das letzte Grün in Farbentiegeln sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, hinter den Blütendolden, die ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln. Sie spiegeln es verweint und ungenau, als wollten sie es wiederum verlieren, und wie in alten blauen Briefpapieren ist Gelb in ihnen, Violett und Grau. Doch das Paradies ist noch nicht ganz erschlossen: Kieselwege führen vorbei an unaufdringlich platzierten Steinfiguren, die sich wohl zu fühlen scheinen, hin zu einer ausgedehnten Kräuterwiese. Mittendrin zieht eine Mauer aus Sandsteinen mit einem Fenster in der Mitte – ohne jegliche Anbindung an ein Gebäude – die Blicke auf sich. Wie ein Kunstobjekt belebt sie die grüne Fläche. „Das ergab sich als Idee, als ich entscheiden musste, was mit einigen Sandsteinen geschehen sollte, die unverbaut am Rand der Wiese lagen. Das Arrangement ist noch nicht fertig. Eine Wasserstelle will ich noch hinzufügen“, erläutert Hilla Steidel. „Dieser Garten lässt uns nicht zur Ruhe kommen, es gibt ununterbrochen etwas zu tun. Aber er ist auch unser allergrößtes Vergnügen. Und stolz sind wir außerdem ein bisschen, wenn ich daran denke, dass das alles hier vor 40 Jahren nur Ackerfläche war.“ Die Anstrengungen merkt man weder der Besitzerin noch der grandiosen Anlage an, alles wirkt wie selbstverständlich harmonisch und mit Leichtigkeit angelegt. Auf manchmal verschlungenen Pfaden, die immer wieder neue Perspektiven eröffnen, zum Innehalten, zum Betrachten und Genießen auffordern, geht es zurück zur Haselstrauchbank. Ein Blick zurück bestätigt: Dies hier ist ein zauberhaftes Stückchen Erde, ein kleines, großes Paradies, das man nicht mit den Füßen, sondern mit dem Herzen betritt.