Dielkirchen
Ein schönes Orgelkonzert der anderen Art
Zunächst einmal: Können ungewohnte, kreative, innovative, informative und somit neue Präsentationsformen im klassischen Konzertwesen nicht nur neue Impulse bringen, sondern auch mehr und andere Zielgruppen anlocken? Diese Frage muss nach dem Zuspruch (mit oder infolge der programmatischen Konzeption) für das Orgel-Duo Iris und Carsten Lenz aus Wiesbaden euphorisch bejaht werden. Auch die zweite als Programmhinweis gestellte rhetorische Frage „Kann die Kirchenorgel tanzen?“ fand sicher nach der schlüssigen Repertoire-Zusammenstellung ungeteilte Zustimmung: Sie kann und konnte es auch schon in der Musikgeschichte.
Allerdings orientieren sich die meisten Organisten an einer liturgisch bezogenen und konzertant ausgerichteten Orgelmusik: Präludien, Toccaten und Fugen sowie Choralbearbeitungen und Sonaten, Fantasien sowie Orgelsinfonien französischer Provenienz. In Vergessenheit geraten dabei höfische stilisierte Tänze - vornehmlich in Suitenform aus Renaissance und Barock.
Die Orgel tanzt
Als da sind Schreittänze wie Menuett oder Springtänze wie der Saltarello. Im kleineren gesellschaftlichen Rahmen wurden auch sie ausschließlich von Tasteninstrumenten gespielt. Zur Überraschung vieler Besucher in Dielkirchen (einschließlich des Verfassers dieser Zeilen) waren sie durchaus Bestandteil von Kirchenmusik. Überhaupt ging diese Veranstaltung mit der Projektion historischer Bilder sowie fundierten Erläuterungen auch in der Vermittlung andere Wege.
Schon der Anstieg zum Kirchberg war „gepflastert“ - also ausgelegt - mit Tanzschuhen, mit der Spitze zum Eingang des Gotteshauses gerichtet. Eine originelle Idee. Die Leinwandübertragung der Bewegungsabläufe von vier Händen und Füßen gaben den Blick frei auf historische Spieltechniken, Stilarten, Verzierungen und virtuose Umspielungen. Die eingeblendeten Bilder historischer Orgeln aus der überlieferten Frühzeit und die vorab gewährten Einblicke ins Innenleben der 1793 von Philipp Christian Schmidt erbauten Orgel ergänzten die Einsicht in Bauweise, Funktion und Gestaltungsmöglichkeiten der „Königin der Instrumente“.
Neue Klang-Perspektiven
Vom Alpenrand bis zur Waterkant verbreitet das Duo Lenz seine „Botschaften“, beleuchtet Stile, Gattungen wie auch Traditionslinien und geht in dieser Konzeption weit über konventionelle Orgelkonzerte hinaus. Zunächst war der Streifzug durch die Epochen geprägt vom Bemühen, das musikantische, spielerische und tänzerische Element besonders zu betonen; etwa bei den Tänzen aus der Orgeltabulatur von 1580 des eher unbekannten Renaissance-Komponisten Elias Ammerbach. Diese Miniaturen offenbarten in sehr fein ziselierter und gestochen klar artikulierter Spielweise alle satztechnischen und melodischen Finessen. Zuvor erklang ein Militärmarsch aus der Zeit zwischen Spätklassik und Frühromantik etwas reißerisch im markanten und packenden gestalterischen Zugriff.
Veröffentlichungen wie das „Katharinentaler Orgelbüchlein“ im 18. Jahrhundert belegen durch die meist fehlenden Komponisten-Namen, dass es sich für damalige Interpreten um reine Gebrauchsmusik handelte, um Spielmusik für aktuelle Anlässe ohne Anspruch auf „Ewigkeit“. Daher ist es eine lobenswerte Pionierleistung, wenn solche Raritäten und Kuriositäten aus der Schatzkammer gehoben und neu aufpoliert werden. Durch unterschiedliche klangliche Charakteristik gewinnen sie mal kammermusikalisch subtilen Charakter, mal orchestrale Klangwirkung.
Vom 16. bis in unser Jahrhundert
Nicht nur die Kirchen wurden von dieser Bewegung erfasst. Auch die Salons des Adels und gehobeneren Bürgertums beherbergten sogenannte Truhen- oder Kabinettorgeln. Die Welle schwappte über den großen Teich zu amerikanischen Liebhabern und Komponisten. Im Programm vertreten war der Amerikaner Thomas Westendorf.
Was auch immer die Ausführenden anpackten zwischen dem 16. und 21. Jahrhundert, sie arbeiteten plastisch und intensiv den melodischen Kern und den Gehalt an bewegten Rhythmen heraus. So gestalteten Iris und Carsten Lenz ein einmaliges Konzert, das die Orgel neu als Haus- und Kammermusikinstrument bewertete.
Info
Ein weiteres Konzert geben Iris und Carsten Lenz am Sonntag, 22. September, 17 Uhr, in der protestantischen Kirche Obermoschel.